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Elmshorner Nachrichten

10. Dezember 2016 | 08:05 Uhr

Standpunkt : Der alltägliche Rassismus

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Es ist nicht leicht, über Intoleranz hinwegzusehen. Diese Erfahrung hat Redakteur Knuth Peñaranda gemacht. Er wurde zweimal wegen seines ausländischen Aussehens angefeindet.

Elmshorn | „Toleranz ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, sich aufzuregen."

Ambrose Bierce
 

Klingt gut, ist aber gar nicht so einfach. Vor allem dann, wenn der Anlass, der schließlich zur Erkenntnis führt, so idiotisch ist, wie in diesem Fall: 54 Jahre lang war alles gut. Als Deutscher mit südamerikanischem Migrationshintergrund musste ich nie um die Daseinsberechtigung in meinem Heimatland bangen. 2016 sieht die Sache offensichtlich anders aus. Zweimal innerhalb von sechs Monaten haben mich engagierte Kulturhüter glasklar über meinen Status aufgeklärt.

Das erste Mal im Februar in der Bahn. Ich solle gefälligst meinen Sitzplatz für einen Deutschen freimachen, hieß es. Es waren junge Männer, die mir ihre Forderung zuzischten. Anschließend verschwanden sie in der Menschenmenge auf dem Bahnsteig. Das war in Elmshorn.

Den zweiten Hinweis auf die vermeintlich inkorrekte Wahl meines Lebensumfelds erhielt ich erst vor ein paar Tagen am Tornescher Bahnhofsvorplatz. Ich war morgens auf dem Weg zum Bahnsteig. Der Zug nach Elmshorn wartete bereits. Eilig passierte ich die Fahrradständer vor dem Supermarkt. Dort waren zwei Senioren in eine hitzige Debatte vertieft. Als sie mich sahen, wurde mir der Inhalt ihres Gesprächs schlagartig klar. „Da ist ja so einer. Geh bloß wieder dahin zurück, wo du hergekommen bist“, rief mir einer der aufgebrachten Rentner zu. Der andere reckte das Kinn und ergänzte kühn: „Und nimm die anderen gleich mit“. – Ich war in Eile und komplett überfordert. So dachte ich spontan nur: „Welche anderen?“

Mir dämmerte allerdings rasch, dass das nicht der richtige Ansatz sein konnte, sich dem Problem zu nähern, dass die beiden Wutsenioren mit mir hatten. Warum haben wildfremde Menschen überhaupt ein Problem mit mir. Nur weil ich anders aussehe? Meine Güte, einen typischeren Norddeutschen als mich gibt es überhaupt nicht. Ich „bin“ genau dort, wo ich herkomme. Ich habe „Norddeutscher“ gelernt und kann nichts anderes. Ich muss hierbleiben.

Und weil das so ist und ich nicht möchte, dass ich weiterhin missverstanden werde, will ich einfach mehr an mir arbeiten. Ganz recht, ich muss toleranter werden und dafür kämpfen, fehlgeleitete und verunsicherte Senioren wieder in unsere Gesellschaft zu integrieren. Offensichtlich kommen einige ältere Mitbürger nicht mit den Anforderungen des 21. Jahrhunderts zurecht - oder deuten sie falsch.

Da hilft nur Aufklärung, denn eines ist ja wohl klar: Probleme mit Fremdenhass haben immer mit mangelnder Bildung zu tun. Wie schön, dass sich dagegen etwas unternehmen lässt.

Ich kann mit offensichtlich trüben Anfeindungen gut leben. Ich bin stabil und weiß, wo ich hingehöre. Doch was ist mit denjenigen, die verzweifelt zu uns kommen, weil sie keine Heimat mehr haben und entwurzelt Zuflucht suchen. Sie können mit Pöbeleien und Abwehrplatitüden nicht umgehen. Die Lösung geht anders: helfen statt hetzen.

Es macht in der Tat wenig Sinn sich aufzuregen, aber es ist auch verdammt schwierig, ruhig zu bleiben. Besonders dann, wenn die Aussicht auf Besserung eher vage ist. Mich hat es 2016 zweimal erwischt. Beim ersten Mal waren es Jugendliche, beim zweiten Mal Senioren. Noch ist das Jahr nicht zuende und ich bin gespannt, was die Mitte der Gesellschaft für mich bereithält.

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erstellt am 05.Nov.2016 | 15:13 Uhr

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