zur Navigation springen

Elmshorner Nachrichten

11. Dezember 2016 | 05:20 Uhr

DKP : Das etwas andere Klassentreffen

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano zu Gast bei der DKP in Elmshorn.

Elmshorn | Für Veranstalter Heinz Stehr ist es ein „Nachbarschaftsfest“, das seit mehr als 40 Jahren schräg gegenüber vom Elmshorner Wasserturm abgehalten wird, mit Tombola, linker Kultur und ab 18 Uhr Disco. Aber es ist schon anders als viele solcher Feste: Als Tombolagewinne sind gebrauchte Bücher, CDs, Honig und eine Handtasche aufgebaut. Im nächsten Zelt gibt es einen „solidarischen Bücherflohmarkt“, bei dem man sich Bücher gegen eine Spende aussuchen kann.

Als Farbe überwiegt rot: Veranstalter des „Wasserturmfestes“ ist die DKP, die Deutsche Kommunistische Partei. Heinz Stehr ist ihr Vorsitzender in Elmshorn, laut Wikipedia hat er die Partei 20 Jahre lang bis 2010 als Bundesvorsitzender geführt.

Selbst gemacht statt schick

Die Atmosphäre ist eher selbst gemacht als schick. Es gibt günstig Kaffee und Grillteller, Ältere und Familien sind gekommen. Am „Kuba-Stand“ werden von zwei jungen Leuten Cocktails für 4 Euro ausgeschenkt. „Die Linke“ hat einen Stand aufgebaut, aus dem Fenster des Reinhold-Jürgensen-Zentrums, der Parteizentrale, hängt eine Flagge mit Che-Guevara-Porträt. Hinter dem Fenster im ersten Stock sitzt eine Märchenerzählerin und trägt eine chinesische Geschichte vor. Ob sie ihren Namen in der Zeitung lesen will, das weiß Heinz Stehr nicht: Für Künstler könne es problematisch sein, wenn sie bei bestimmten Gastgebern auftreten, erklärt der Mann mit dem Schnauzer.

Es erfordert Mut, in die DKP einzutreten, das räumt Stehr ein. Die Partei wird nach wie vor vom Verfassungsschutz beobachtet, denn sie wolle die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse abschaffen und eine kommunistische Gesellschaft errichten, schreiben die Geheimdienstler. In dieser Partei mitzuarbeiten, die enge Kontakte zur SED und in die DDR unterhielt, ist „nicht gerade förderlich für die Karriere“, sagt Stehr. In Elmshorn zählt er „mehr als 20 Mitglieder“, wie viele es bundesweit sind, will er nicht schätzen, die Partei selbst schreibt dazu nichts auf ihrer Homepage. Der Verfassungsschutz taxiert sie seit Jahren auf 3 000 Mitglieder.

Antifaschismus ist eins der wichtigsten Themen

Repressalien gehören für deutsche Kommunisten zu ihrer Geschichte. Am schlimmsten erging es ihnen während der Nazi-Diktatur, Antifaschismus ist bis heute eins ihrer wichtigsten Themen. „AfD verhindern! Aufstehen gegen Rassismus“ lautet der Titel einer Diskussionsrunde, die im Zelt stattfindet. Wobei „Diskussion“ nicht richtig beschreibt, was die sechs Leute auf dem Podium gut anderthalb Stunden lang tun: Das Motto unterstützen sie alle, sie sind sich sehr weitgehend einig. Jürgen Brüggemann von der VVN – der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ – befindet: „Die CDU springt über jedes Stöckchen, das ihr von der AfD hingehalten wird.“ Heinz Stehr bekennt, dass ihm „die ganzen humanistischen Spielereien“ der etablierten Politiker „auf den Nerv“ gehen: „Ich glaube denen nichts, wenn ich gleichzeitig höre, dass Tausende im Mittelmeer ersaufen“, sagt er.

Am Tisch sitzen zwei alte Damen, deren Engagement gegen Rechtsextremismus aus ganz tiefen Wunden erwächst. Marianne Wilke aus Wedel, Jahrgang 1929, lange Jahre Landesvorsitzende der VVN, wurde während der NS-Diktatur verfolgt, weil ihr Vater Jude war. Sie fühlt sich an die Nazi-Vokabel der „Rassenschande“ erinnert, wenn sie Argumente der AfD hört, sagt sie am Rand der Veranstaltung: „Die anderen Parteien wiegeln ab, erscheinen gemäßigter, aber es geht immer einen Schritt nach rechts, das ist die Gefahr“, findet sie.

Auschwitz-Überlebende

Dann sagt sie, dass die andere alte Dame, Esther Bejarano, viel wichtiger sei: „Ich bin Verfolgte, aber sie ist Auschwitz-Überlebende“. Die 92-jährige Hamburgerin Bejarano hat die menschengemachte Hölle als Mitglied des dortigen Mädchenorchesters überlebt. Ihr Urteil ist hart: „Die Deutschen haben nichts dazu gelernt.“ Für „sehr, sehr gefährlich“ hält sie Pegida und AfD, deren Slogans „sich genauso anhören wie die damalige NSDAP“. Bejarano und Wilke haben ihre Leben dem Kampf gegen das Vergessen und gegen Rechtsextremismus gewidmet, beide wurden dafür mit Bundesverdienstkreuzen ausgezeichnet, Bejarano sogar zwei Mal.

Nach der Diskussion singt Dirk Wilke, Sohn von Marianne, zur Gitarre das Lied von den Edelweißpiraten, einer Gruppe jugendlicher Widerständler im Dritten Reich. Anna Haentjens trägt Bertolt Brechts „Kälbermarsch“ vor. Antifaschistische Lieder vor einer Flagge mit weißer Taube auf blauem Grund, Agitation zur Vergewisserung, dass man auf der richtigen Seite steht: Die Friedensmarschierer sind alt geworden, das Wasserturmfest hat auch Klassentreffen-Charakter.

Andererseits wirkt die Kritik, die von links außen an unserer Gesellschaft geübt wird, gar nicht so altbacken. Dass Neoliberalismus und Globalisierung viele Probleme mit sich bringen, diese Erkenntnis hat Bewegungen wie ATTAC oder Kampagnen gegen TTIP Zulauf beschert. Die DKP mischt da gerne mit, sagt Stehr, aber er will mehr: „Es genügt nicht, zu einem Punkt eine Meinung zu haben.“ Stehr träumt von einer Welt ohne Rassismus in Frieden und Einklang mit der Natur. Aber er weiß auch, dass sein Weg dorthin für viele nicht attraktiv ist: „Die Menschen sind verunsichert, und dann wenden sie sich nach rechts, weil es links komplizierter ist.“ Vermeintlich einfache Lösungen propagieren andere.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen