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Lokale Geschichte : Bismarck-Porträt im Hausmeisterbüro

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Peter Boos sammelt Alltagsgegenstände aus früheren Zeiten - und veranschaulicht damit das Leben, Denken und Wohnen von damals.

Elmshorn | Portugal ist ein europäischer Staat – dieser Fakt gehört so selbstverständlich zum Allgemeinwissen, dass wahrscheinlich kein Schüler an der Grundschule Hafenstraße etwas anderes behaupten würde. Dabei liegt ein paar Stockwerke unter ihren Klassenräumen, im Büro des Hausmeisters, ein Schriftstück, das von einer anderen Wirklichkeit erzählt. Von Zweifeln aus längst vergangener Zeit.

„Aus Lissabon wird uns gemeldet, daß Portugal noch immer zu Europa gehört. Das Gerücht, daß Portugal die Hauptstadt Spaniens geworden ist, bewahrheitet sich also nicht“, steht auf der Aequator-Zeitung „Cap Ortegal“. Herausgegeben wurde das Blatt am 8. Juli 1910.

Eine Schatzkammer im Büro

„So etwas kann man doch nicht wegtun“, sagt Peter Boos. Boos ist der Hausmeister der Grundschule Hafenstraße und hat sich in seinem Büro eine kleine Schatzkammer eingerichtet. Blechspielzeug steht im Schrank, an der Wand hängt ein Bismarck-Porträt und auf dem Schreibtisch stehen eine Vielzahl von Flaschen. Sie stammen noch aus einer Zeit, als  Waren nicht  weite Strecken quer durch das Land gefahren wurden. Barmstedt Brauerei, Sievers Elmshorn und „Lütten Klostersander“ steht auf einigen.  „Als ich die gefunden habe, war noch ein Zettel dran: Holunderbeersaft. Noch in Sütterlin, von 1954“, erzählt er.

Boos sammelt Sachen. Welche Sachen, das lässt sich nicht so einfach eingrenzen.   Boos sagt nur, dass sie gelebt haben müssen. Sie müssen Geschichte haben. „Viele sammeln Spielzeug in der Originalverpackung. Aber das finde ich uninteressant. Mit einem Spielzeugauto muss ein Kind doch gespielt haben.“

Irgendwo liegt eine Million rum

Seine Sammlung zeigt  den früheren Alltag  der Menschen in der Stadt.  Etwa dass Hakenkreuze in Schulbüchern nach dem Untergang des Dritten Reiches einfach geschwärzt wurden oder man nur mit unvorstellbar großen Scheinen einkaufen konnte. „Irgendwo muss ich noch eine Million rumliegen haben“, sagt  Boos und zeigt auf eine Schachtel Geldscheine aus der Zeit der Deutschen Inflation.

„Ich würde mich nicht als Jäger oder Sammler bezeichnen. Ich bin ein Finder“, sagt Boos. Seine Stücke findet er in alten Kellern, bei Firmenauflösungen oder auf Flohmärkten. Oder durch Zufälle. „Ich habe oft Glück. Ich buddel ein Loch und finde etwas“, sagt er und erzählt von alten Kanonenkugeln aus seinem  Garten oder einer Wandmalerei, die er beim Renovieren entdeckt hat. Vieles lagert er zu Hause, aber ein paar Dinge lässt er auch in der Schule. Weil er den Kindern gerne Sachen von früher zeigt oder weil er die Stücke sogar in der Schule gefunden hat. „Als ich hier angefangen habe, sollte ich den Schuldachboden entrümpeln. Auch ich konnte nicht alles einfach wegschmeißen.“ So steht heute auf dem Dachboden etwa die alte Messlatte, mit  der Kinder vor der Einschulung vermessen wurden. Ihr Standfuß ist ziemlich abgewetzt. „Man muss sich mal vorstellen, wie viele Kinder da schon drauf stehen mussten.“

Die Schätze dürfen nicht mit nach Hause

Doch die Aufbewahrung in der Schule hat auch Nachteile: „Wenn ich in 15 Jahren in Rente gehe, wo muss ich dann damit hin?“ Nach Hause dürfen nicht alle Stücke mit.  Boos hat ein Abkommen mit seiner Ehefrau, damit sich nicht zu viel ansammelt. Verkaufen, verschenken, ans Museum geben, das sind seine Ideen.

Boos war einmal Seemann. „Gelernter Matrose, aber ohne Kapitänspatent“, sagt er. Viele seiner Schätze stammen auch aus dieser Zeit. Etwa der Rettungsring des ersten Schiffes, auf dem er anheuerte. So erzählt seine Sammlung auch seine eigene Geschichte. Eigentlich habe das Sammeln  viel mit dem Meer zu tun. „Ich bin in Kollmar aufgewachsen. Als Kind habe ich nach Sturmfluten  den Strand  abgesucht.“

Boos sagt, am meisten Spaß macht ihm die Recherche. So prüft er bei seinen Fundstücken, wo sie herkamen, wer der Hersteller ist oder ob die Stücke etwas besonders macht. Auf diese Weise deckt er Stück für Stück die Alltagsgeschichte Elmshorns, vor allem aber auch durch die Stücke vom Schuldachboden die Geschichte der Grundschule Hafenstraße auf. „Ich bin jetzt 20 Jahre hier und die Schule ist etwa 125 Jahre alt. Da muss ich ja noch 100 Jahre aufarbeiten.“

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erstellt am 09.Mär.2017 | 16:01 Uhr

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