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Elmshorner Nachrichten

11. Dezember 2016 | 09:00 Uhr

Elmshorner Gesprächsabend : Bioökonomie-Politik – was wäre das?

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Beim Gesprächsabend mit Reinhard Ueberhorst diente das Buch der Zeit-Journalistin Christiane Grefe als Grundlage.

Elmshorn | Wieder einmal wurde ein Elmshorner Gesprächsabend durch ein neues Buch inspiriert. Veröffentlicht hat es die „Zeit“-Journalistin Christiane Grefe. Sein langer Titel lautet: „Global Gardening. Bioökonomie – Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft?“. In Besprechungen wurden immer wieder die vielen Recherchen der Autorin und ihre Aufmerksamkeit für offene und strittige Fragen gewürdigt. So hatte auch der Planer der Elmshorner Gesprächsabende, Reinhard Ueberhorst, das Buch wahrgenommen. Zu diesem Themenfeld gebe es derzeit kein besseres Buch, jedenfalls für diejenigen, die ihre eigene Meinung in Kenntnis kontroverser Sichtweisen entwickeln möchten.

„Der Autorin geht es darum, uns zu informieren und das Themenfeld Bioökonomie in der Vielfalt kontroverser kultureller, wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Sicht- und Denkweisen aufzuzeigen; auch durch dokumentierte Streitgespräche. Damit möchte sie eine Diskussion befördern“, sagt Ueberhorst. Diese Absicht hatte der Gastgeber als Anfrage an unsere demokratische Politikfähigkeit gelesen und daraufhin der Autorin einen Gesprächsabend mit der konjunktivisch formulierten Leitfrage „Demokratische Bioökonomie-Politik – was wäre das?“ vorgeschlagen.

„Wenn wir mit Grefe eine bislang versäumte Diskussion befördern wollen, geht es nicht um eine Diskussion um ihrer selbst willen, sondern um eine Diskussion mit einem bestimmten wichtigen Zweck. Zu befördern ist eine Diskussion, mit der gelingende demokratische Politikfähigkeit im Umgang mit komplexen Alternativen erfahrbar wird“, sagt Ueberhorst. Die Leitfrage ziele darauf ab, zu klären, wie wir uns eine Demokratische Bioökonomie-Politik vorstellen, wenn doch niemand von uns diese bislang beobachten konnte, weil sie von den Regierenden bislang nicht angestrebt wurde.

Verschiedene Formen der Bioökonomie

Das Gespräch zeigte für Ueberhorst, dass wir nicht davon ausgehen können, schon hinreichend genau zu wissen, zwischen welchen bioökonomischen Alternativen wir wählen können. In diesem Defizit manifestiere sich ein großes forschungspolitisches Versäumnis. Sehr kurz und sehr vorsichtig, im Wissen um diese Forschungslücken, skizziere Grefe in ihrem Buch eine aktuelle Verzweigungssituation. Wir könnten diesen oder jenen „Pfad der Bioökonomie“ wählen, sei es
> den Pfad eines auch mit umstrittenen Technologien beflügelten „grünen“ Wirtschaftswachstums, oder
> den Pfad des Wachstums der Vielfalt innerhalb biophysischer Grenzen.

Ob diese Alternativen genauer ausgearbeitet, öffentlich vermittelt und beraten werden, wurde als Schlüsselfrage deutlich. In der Runde verdeutlichten viele, dass wir als Gesellschaft an uns selbst den Anspruch haben müssten, in demokratischen Prozessen zu klären, welche bioökonomische Entwicklung wir anstreben – die Entwicklung also nicht einem vermeintlich wertneutralen Gang der Dinge in einem vermeintlich alternativlosen Denken in der Wachstumslogik industrieller Entwicklung überlassen dürften.

Für den Pfad in den Grenzen der Natur steht und sprach als praktischer Pionier Christoph Hiß, der Gemüsebauer, Gärtnermeister, akademisch qualifizierte Ökonom, Gründer und Vorstandsvorsitzende der Regionalwert AG aus Eichstätten am Kaiserstuhl. Hiß war aus Freiburg mit dem Schriftsteller und Sprachwissenschaftler Uwe Pörksen angereist, mit dem ihn ein langjähriges Gespräch über eine Landwirtschaft verbindet, die sich von Saatgut- und Pestizidkonzernen unabhängig macht. Mit seinen erfolgreichen Unternehmen zeigt der mehrfach ausgezeichnete „Social Entrepreneur“ laut Ueberhorst, dass ökologisch motiviertes Wirtschaften möglich ist.

Immer wieder wurden in dem Gespräch Bezüge zu Diskussionen über andere komplexe Themen hergestellt. Zur Gentechnik-, zur Wachstumskontroverse, zur Nachhaltigkeitspolitik und insbesondere zur Klima- und Energiediskussion. Der Historiker Joachim Radkau hatte früh behauptet, dass die Kernenergie-Diskussion „leichter zu führen gewesen wäre“ als eine Bioökonomie-Diskussion.

Ueberhorst wollte diesem Befund nicht zustimmen. Die Kernenergie-Diskussion könne im Rückblick leichter wirken, eben weil sie gefühlt hinter uns liegt. „Als sie in den 70er-Jahren herbeizuführen war, sah es auch nicht einfacher aus als heute bei der Bioökonomie-Debatte“, so Ueberhorst. Zudem sollte bedacht werden, wie klug es sei, solche zukunftspolitischen Diskussionen zu vergleichen, wenn sie doch seit den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts zusammen zu führen seien. Inhaltlich auf einem Weg zur starken Nachhaltigkeit und in der methodischen Reflexion, um ein neues, in unserer Zeit aufgabengerechtes, stärker kooperatives Verständnis demokratischer Politikfähigkeit zu entwickeln. Stärker kooperativ müsse der Umgang mit Konflikten werden. Zu Recht habe Christiane Grefe eine Vielzahl von Zielkonflikten dargestellt. Wo solche Zielkonflikte ignoriert würden.

Ueberhorst: Gemeinsam nach Lösungen suchen

verkomme Politik zu einer Schwundstufe von Politik, in der es nicht mehr um Alternativen, sondern angeblich nur noch um Innovation und Wachstum gehe. Fragwürdig aber erscheine es auch, so Ueberhorst, erkannte Zielkonflikte ausschließlich als umkämpfte Ziele zwischen Gruppen zu verstehen, von denen einige gewinnen und andere verlieren. Dieses Politikverständnis sei für die Transformationsthemen dieser Dekaden ungeeignet. Wir täten besser daran, „Zielkonflikte“ als unsere gemeinsamen Zielkonflikte zu verstehen und einen verständigungsorientierten Umgang mit komplexen Alternativen anzustreben.


Mehr über den Abend per E-Mail:

ueberhorst.beratungsbuero@t-

online.de

 

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