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Elmshorner Nachrichten

07. Dezember 2016 | 15:37 Uhr

Aus Syrien an die Nordakademie : Bilal Hammoud studiert jetzt in Elmshorn

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Flüchtling Bilal Hammoud (23) studiert jetzt in Elmshorn Informatik. Bei Jennifer Ellis hat er eine zweite Familie gefunden.

Elmshorn | Als Bilal Hammoud von seinem zweiten Arbeitstag in seine penibel aufgeräumte Wohnung zurückkehrt, wird er stürmisch empfangen. Die einjährige Nora stürzt begeistert auf ihn zu, wirft sich in seine Arme und plappert begeistert: „Bilal ist da, Bilal ist da!“. Noras Mutter, Jennifer Ellis, beobachtet die Szene gerührt. „Es ist so toll, wie die Jungs mit den Kindern umgehen“, sagt sie.

Mit den „Jungs“ meint Jennifer Ellis Bilal Hammoud und seine Freunde, alles junge Männer aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, die vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland geflohen sind. Im Dezember hat Jennifer Ellis gemeinsam mit ihrem Mann entschieden, Bilal Hammoud in der Einliegerwohnung in ihrem Hamburger Haus ein Zuhause zu geben. „Er gehört jetzt zur Familie“, sagt Ellis, die in Elmshorn bei Autoliv arbeitet. Inzwischen ist es ihr auch gelungen für Bilal Hammoud einen Studien- und Arbeitsplatz zu finden – und zwar an ihrer eigenen ehemaligen Alma Mater, an der Nordakademie in Elmshorn.

Wie aber wird ein syrischer Flüchtling Mitglied einer deutschen Familie und Student an der Nordakademie? Für den heute 23-jährigen Bilal Hammoud beginnt die Geschichte in seiner Heimat Syrien. Im Januar 2014 lebte Hammoud mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern in Homs und studierte Ingenieurwesen. „Als der Bombenhagel zu schlimm wurde, hat meine Familie Syrien verlassen und ist in die Türkei gegangen“, erzählt er auf englisch. Hammoud jedoch wollte bleiben und sein Studium fortsetzen. Als 20-Jähriger hielt er es ein halbes Jahr lang alleine in der zerstörten Stadt aus, dann wurde es jedoch zu schlimm und er folgte seiner Familie. „In der Türkei gefiel es mir gut, ich hatte einen Job und konnte studieren.“ Jedoch: Weil Hammouds Großvater Palästinenser war, drohte ihm die Abschiebung zurück nach Syrien. Über Ungarn reiste Hammoud nach Deutschland.

In der Nordakademie hat Hammoud vor Publikum gesprochen.
In der Nordakademie hat Hammoud vor Publikum gesprochen. Foto: Privat
 

Ab August 2015 war seine neue Heimat eine ehemalige Schule in Hamburg. Flüchtlinge waren in alten Klassenzimmern, aber auch in Containern und Zelten untergebracht. „Im September wurde es kalt, die Zelte waren nicht beheizt“, sagt Hammoud. Der junge Mann hat einen starken Gerechtigkeitsdrang, als er die Kinder und Frauen nachts vor Kälte weinen hörte, organisierte er über Facebook Decken und versuchte, junge Männer in den Containern zum Tauschen zu überreden. „Das kam bei den Sicherheitsleuten nicht so gut an, er war unbequem“, erzählt Ellis.

Am Ende versuchte Hammoud, seine Ziele mit Hilfe einer Sitzblockade im Büro der Sozialarbeiter durchzusetzem – als er schließlich vor Wut einen Stuhl umkippte, erhielt er eine Anzeige wegen Nötigung. „Dabei ist Hammoud kein bisschen gewalttätig“, sagt Jennifer Ellis. „Aber wenn Bilal etwas erreichen will, kann er sehr stur sein.“ Dem jungen Syrer drohte die Versetzung in ein anderes Camp.

Eine zweite Familie

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt lernte Ellis ihn in einer Notunterkunft kennen, wo er andere Flüchtlinge als Übersetzer unterstützte. Ellis wollte helfen, statt nur die Situation der Flüchtlinge zu bedauern. „Eigentlich wollten wir damals minderjährige Flüchtlinge bei uns aufnehmen“, erzählt Ellis. „Aber mit einem Jahr war meine Tochter zu jung, die eigenen Kinder müssen dafür mindestens drei Jahre alt sein.“ Auf den Rat einer Mitarbeiterin in der Unterkunft hin bot Ellis Bilal Hammoud die Wohnung an.

Jennifer Ellis und ihre Familie feiern gerne Feste zusammen mit Deutschen und Flüchtlingen.
Jennifer Ellis und ihre Familie feiern gerne Feste zusammen mit Deutschen und Flüchtlingen. Foto: Sprenger
 

Für Ellis waren die folgenden Monate eine emotionale Grenzerfahrung. „Die Bilder in den Medien haben jetzt für mich eine ganz andere Bedeutung. Wenn ich sehe, wie darüber gesprochen wird, dass Iraker nur Wirtschaftsflüchtlinge seien, dann denke ich an meinen Freund Achmed, dessen Bruder als Sunnit in Basra erschossen wurde und dessen Leiche Achmed durch die ganze Stadt schleifen musste.“

In erster Linie ist das Leben mit Bilal Hammoud und seinen Freunden für Jennifer Ellis aber eine große Bereicherung. „Es ist so schön zu sehen, wie sich die Jungs einen Keks freuen, wenn sie meine Nora sehen. Diese Freude an Kindern ist etwas ganz tolles an ihrer Kultur.“ Das Konzept des Altenheims sei Syrern völlig fremd. „Dort kümmern sich die Familien noch um die alten Menschen.“ Für Ellis sind das Werte, die die deutsche Gesellschaft sich von den Kulturen der Flüchtlinge abgucken könnte. „Wir neigen oft dazu zu sagen, die Welt solle uns nachahmen, weil wir wirtschaftlich so erfolgreich sind“, sagt Ellis. „Aber oft können wir uns von anderen eine Scheibe abschneiden.“

Hammoud hat mittlerweile einen Deutschkurs auf B2-Niveau abgeschlossen. Ellis und ihr Mann bezahlen ihm einen privaten Sprachkurs. Für ein Studium reicht Bilals Sprachniveau normalerweise nicht aus, es wird mindestens das Niveau C1 vorausgesetzt. Ellis kritisiert das: „Es gibt so viele junge Männer mit unglaublicher Energie unter den Flüchtlingen.

Neue Sprache und neue Chancen

Die Flüchtlinge wollten arbeiten, aber die starren Vorschriften, die viele Unternehmen und Unis setzen, zwingen sie dazu, abgeschottet in ihren Deutschkursen zu bleiben. Ellis wünscht sich, dass mehr Unternehmen auch Flüchtlingen mit geringeren Sprachkenntnissen eine Chance geben. „Für ein größeres Unternehmen wäre es auch kein Problem, mal einen guten privaten Sprachkurs zu bezahlen. Und sie würden unglaublich motivierte Mitarbeiter erhalten.“

Andererseits würde der Kontakt zu Deutschen bei der Arbeit helfen, kulturelle Probleme zu beseitigen. „Die meisten von Bilals Freunden würden keine Frau wie mich heiraten wollen, die unabhängig ist, Alkohol trinkt und nicht verschleiert ist. Aber sie haben festgestellt, dass ich keine schlimme Person bin – sondern ihnen helfe. So funktioniert Integration“, sagt Ellis. „Vermutlich würden sie nicht ihre so Tochter erziehen – aber sie akzeptieren mich.“

Bilal Hammoud hatte in der Türkei ausreichend türkisch gelernt, um die Zulassung zur Universität zu bekommen. In Deutschland fällt ihm das Lernen der Sprache schwerer – vielleicht auch, weil er sich mit den meisten auf englisch verständigen kann. Sein Glück: Als private Universität setzt die Nordakademie keine so strengen Maßstäbe. „Es war eine fixe Idee, dass ich Bilal an meiner alten Uni unterbringe“, erzählt Jennifer Ellis. „Ich konnte mir keine bessere Uni vorstellen, hatte mir das jedoch sehr kompliziert vorgestellt. Aber nach einer vorsichtigen Mail an den Vorstandsvorsitzenden Professor Plate kam – nur fünf Minuten später – das o.k..“ Ellis ist immer noch verblüfft darüber. „Die Nordakadmie zu überzeugen war ein Klacks. Das hat sehr gut getan.“

Jetzt hat Bilal Hammoud sein erstes Semester an der Nordakademie begonnen, er studiert Informatik, was ihn mehr interessiert hat als Ingenieurwesen. Im Januar fängt der Theorieteil in Elmshorn an. Bis dahin arbeitet er bei seinem Kooperationsunternehmen, einem kleinen Startup in Hamburg, das Programme für Meinungsumfragen entwickelt. Der Gründer war selber Student an der Nordakademie.

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erstellt am 18.Okt.2016 | 12:15 Uhr

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