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Elmshorner Nachrichten

24. Mai 2016 | 23:31 Uhr

Alltag auf der Elbfähre "Wilhelm Kroos"

vom

Glückstadt | Die Sonne steht am Himmel - sie scheint auf Deich und Elbe - es ist heiß. Ein Strom aus Fußgängern, Fahrradfahrern, Lkws und und Autos schiebt sich gemächlich und geordnet auf die "Wilhelm Kroos". Die Elbfähre ist heute voll besetzt. "Das liegt auch an der Jahreszeit", erklärt Kapitän Detlef Schumacher. "Im Sommer fahren wir logischerweise mehr Tagestouristen." Die Fährfahrt auf dem Elbstück hat Tradition: Bereits seit 1622 herrscht ein reger Fährverkehr zwischen den Ufern.

Um 10.50 Uhr schließt sich die Rampe der Elbfähre. Alle Plätze sind belegt: Rund 50 Fahrzeuge und 400 Personen kann das Schiff schlucken. Beinahe elegant gleitet der eiserne Koloss mit seinen 1200 PS von der Mole. Die Fähre dreht sich nach Westen und läuft in Richtung des niedersächsischen Wischhafen. Die Elbfähre braucht knapp 25 Minuten für die Überfahrt.

Von der Brücke der Wilhelm Kroos aus beobachtet und lenkt Kapitän Schumacher jedes Manöver. Der Vater von zwei Kindern hat sich den Respekt vor Strömungen und Niedrigwasser bewahrt. "Jede Tour ist anders - man muss immer alles im Auge behalten", sagt der 43-Jährige. Die Brücke ist für Passagiere tabu - zu groß wäre die Ablenkung für den Kapitän. Schade, denn aus der erhöhten Position lassen sich viele Details der Umgebung erkennen, die den Reisenden auf den tiefer gelegenen Decks vielleicht entgehen.

Nachdem die Elbfähre den Anleger verlassen hat, kommt in Richtung Norden eine Sandbank in Sicht, auf der sich "häufig so um die 60 Seehunde" tummeln, berichtet Detlef Schumacher. Am heutigen Tag sind es nicht ganz so viele, und sie sind auch nur durch das Fernrohr des Seemanns gut zu erkennen.

Auch für Kapitän Schumacher ist es immer wieder die Natur, die fasziniert. "Hier direkt auf der Glückstädter Mole nistet schon seit drei Jahren eine Möwe" erzählt er. Einem Tagestouristen fällt so etwas in der Tat nicht auf.

Blickt der Kapitän aus den schräg eingefassten Fenstern der Brücke nach Nordwesten, so ist die Silhouette Brunsbüttels klar zu erkennen: Die Autobrücke und ein Strauß aus Industrieschloten hebt sich vor dem hellblauen Himmel deutlich ab.

Im Osten scheint es, als tarne sich Glückstadt absichtlich hinter seiner Deichlinie: Die Stadt, eine schüchterne Dame, die sich am Strand hinter einen Paravent verbirgt. Südöstlich von Glückstadt schließt sich die Engelbrechtsche Wildnis an.

Mittlerweile hat die Wilhelm Kroos die Landesgrenze passiert und Wischhafen ist bereits gut zu erkennen. Das Schiff muss, um Wischhafen direkt ansteuern zu können, die Rhinplate umrunden - eine Kanalinsel, die nur karg bewachsen ist. Im Süden auf niedersächsischem Ufer liegt Krautsand, darunter Große Wurth. Von Oben betrachtet, sieht es so aus, als gäbe es südlich der Einfahrt zum Fähranleger, eine sehr flache Stelle. Kapitän Schumacher umschifft sie routiniert. Insgesamt arbeiten auf der Elbfähre nur drei Personen: Kapitän Detlef Schumacher, Maschinist Walter Raap und Ticketverkäufer Jan Becker. Sie sind ein eingespieltes Team - fahren sie die Tour doch zwölf bis dreizehn mal am Tag. Maschinist Raap ist schon seit 24 Jahren auf See. Der 58-Jährige ist am Wasser aufgewachsen, seine Eltern besaßen bereits ein Binnenschiff. Auch Jan Becker gefällt der Job. "Jede Tour hat andere Gesichter", berichtet der Ticketverkäufer, "das ist immer wieder spannend". Ob schon mal jemandem schlecht geworden sei? "Manchmal merkt man, dass es einigen Passagieren nicht wirklich gut geht, aber schlimmer war es bisher nicht", grinst Becker. Am heutigen Tag ist die See allerdings so ruhig, dass diese Gefahr gebannt erscheint.

Stattdessen ziehen entgegenkommende Schiffe die Blicke auf sich. "Der Schiffsverkehr ist nicht zu unterschätzen. Manche Segler können ja nicht rechts von links unterscheiden", scherzt Kapitän Schumacher. Der 43-Jährige nimmt wieder auf seinem Sessel Platz und schiebt einige Hebel - in den nächsten Sekunden wird die Fähre in Wischhafen anlegen.

Auch die Passagiere geraten in Bewegung: Eben noch standen sie rauchend an der Rehling, jetzt trotten sie zu ihren Autos, packen ihre Rucksäcke oder besteigen ihre Fahrräder. Von der Brücke aus betrachtet, wirken sie wie Arbeiter, die unwillig zurück an ihre Werkbank gerufen werden. Schon senkt sich die Rampe der Fähre auf den Kai. Danach fließt der Strom der Passagiere genauso gemächlich von Bord, wie er vor rund 30 Minuten auf das Schiff schwappte.

In den nächsten zehn Minuten wiederholt sich die gesamte Prozedur: Neue Lkws, neue Autos und neue Gesichter. Dann folgen erneut 25 Minuten Überfahrt, bis Glückstadt erreicht ist. Auch das Wetter ist jeden Tag ein anderes - kein Tag gleicht dem vorangegangen: Jede Tour ist anders.

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erstellt am 28.Jun.2010 | 08:06 Uhr

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