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Eckernförder Zeitung

11. Dezember 2016 | 14:53 Uhr

interview : „Zu alt, um zu vergessen, zu jung, um zu verstehen“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Heimatvertriebene Silvia Luise Wöhlk spricht über Parallelen zu heutigen Geflüchteten

2015 war nicht das erste Jahr, in dem Deutschland mit einer großen Zahl von Geflüchteten zurechtkommen musste. Zum Ende des zweiten Weltkrieges verloren zahlreiche Deutsche ihre Heimat und sahen sich gezwungen, umzusiedeln. Silvia Luise Wöhlk, heute 78, war sieben Jahre alt, als ihre Mutter 1945 mit ihr und ihren beiden jüngeren Geschwistern Hals über Kopf aus Schmachtenhagen bei Berlin zuerst zum Großvater in Prettin (Sachsen-Anhalt) und von dort aus nach Kiel flüchten musste, um Rache und Plünderungen zu entkommen. Denn ihr Vater, Symphoniemusiker, war aus Karrieregründen Mitglied der SS. Die heute in Felm lebende Schriftstellerin und ehemalige Kauffrau beschäftigt sich in ihren Texten unter anderem mit der eigenen Vergangenheit als Vertriebene. Auf Benefiz-Lesereisen durch Schleswig-Holstein zum Thema Flucht engagiert sie sich für Asylsuchende in Deutschland. EZ-Volontär Sven Raschke sprach mit Silvia Luise Wöhlk über das Verlassen der eigenen und das Zurechtkommen in einer neuen Heimat.

Frau Wöhlk, es ist zu vermuten, dass Sie durch Ihre eigenen Erfahrungen die Situation heutiger Geflüchteter besonders gut nachvollziehen können?
Ja. Besonders tangiert mich natürlich, wie Kinder die Flucht verarbeiten. Meine Mutter musste sich mit uns Kindern in Wäldern verstecken und Grenzbeamte bestechen, um aus dem russischen Viertel nach Kiel zu gelangen. Mit meiner Mutter konnte ich nie darüber sprechen. Sie wurde mehrmals in meiner Gegenwart vergewaltigt. Ich war zu alt, um zu vergessen und zu jung, um zu verstehen. Aber sie wollte an all das nicht mehr herangehen und hat es vollkommen verdrängt. Auch mein Vater hat über seine fünfjährige russische Gefangenschaft im Kaukasus, die er durch Gründung eines kleinen eigenen Orchesters überlebte, kaum etwas erzählt. Kinder müssen psychisch betreut werden. Das ist bei mir nicht geschehen. Zum Glück konnte ich meine Vergangenheit selbst aufarbeiten – und Verständnis für Opfer und Täter entwickeln.

Sehen Sie Parallelen zwischen Ihrer eigenen Flucht aus Schmachtenhagen und der Flucht etwa von Syrern oder Afghanen?
Ja: Keine Wohnung und keinen Besitz mehr zu haben. Alles zurückzulassen – einschließlich der Verwandten, Bekannten und Freunde.
Erinnern Sie sich an ihre Ankunft in Kiel?
Am Hauptbahnhof waren riesige Wellblechbaracken. Wir Kinder bekamen alle eine Mettwurst. Ich fühlte mich wie im Schlaraffenland, obwohl Kiel ja auch zerbombt war. Wir hatten nur sehr wenig Platz – aber wir fühlten uns geborgen. Wir kamen bei Verwandtschaft unter. Dadurch war es leichter als für viele andere. Aber das Schlimmste war, dass meine Mutter als Frau eines SS-Mannes keine finanzielle Unterstützung bekam. Wir hatten kein Bett und kein Geschirr, keine Kleidung, mussten alles erbetteln. Meine Mutter hat irgendwie essen besorgt, und ich habe mich als die Älteste um die Geschwister gekümmert, sie großgezogen – trotz Schulbesuch. Als ich 13 war, kam mein Vater aus der Gefangenschaft. Da er aus gesundheitlichen Gründen in keinem Orchester mehr angenommen wurde, machte er zum Lebensunterhalt Unterhaltungsmusik und wurde Angestellter bei der Kieler Verkehrs AG.

Wo sehen Sie die größten Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu heutigen Geflüchteten?
Die größte Gemeinsamkeit liegt im Neuanfang von Null auf. Die größte Schwierigkeit bei den heutigen Flüchtlingen ist die sprachliche Verständigung. Und die Anpassung an unsere Kultur. Diese Unterschiede machen es schwer, sich in den anderen hineinzuversetzen. Diese Probleme hatte ich nicht. Dafür haben wir heute viel mehr Möglichkeiten, die Flüchtlinge aufzunehmen. Damals war alles zerbombt, es gab wenige Wohnmöglichkeiten. Die damaligen Flüchtlinge ernteten nicht immer Beifall, wenn sie in private Wohnungen zwangseingewiesen wurden. Teilweise lebte man zu 20 oder 30 in einer Wohnung.

Wie erinnern Sie sich heute an ihr altes Zuhause?
Als ich das Grundstück nach der Wiedervereinigung besuchte, war das Haus total abgewohnt, das Grundstück verwildert. Ich hatte gedacht, ich könnte nie wieder darüber schreiben. Dann vergingen einige Jahre, und in der Erinnerung tauchte das Haus meiner Kindheit wieder auf. Wenn ich jetzt darüber schreibe, habe ich dieses Bild vor Augen, und nicht das nach der Wiedervereinigung. Bis ich 14 oder 15 Jahre alt war, hatte ich gehofft, dass wir einmal wieder zurück könnten. Aber als mein Vater wiederkam, war klar, dass wir in Kiel bleiben würden. Ich gehe aber davon aus, dass viele der heutigen Flüchtlinge zurück in ihre Heimat möchten.

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erstellt am 24.Nov.2016 | 10:44 Uhr

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