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Eckernförder Zeitung

05. Dezember 2016 | 03:29 Uhr

Zauberer über den Wolken

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Über die wunderbar poetischen Texte von Reinhard Mey / Bewegende, kleine Alltagserlebnisse zum Zuhören

Immer schon haben mich die Texte von Reinhard Mey berührt, ähnlich wie die von Robert Long und Hermann van Veen, alle drei immer authentisch, immer mit klarer Ansage, immer mitten aus dem Leben. Die neue CD „Mr. Lee“ überrascht mich also nicht wirklich. Mancher Text treibt mir Tränen in die Augen - ich war immer schon anfällig für berührende, schlichte und gute Texte.

Reinhard Meys Texte sind normaler Alltag. Texte, die ich für unsere Seniorenseite schreibe, sind ebenfalls oftmals die schlichten, kleinen Begebenheiten, die doch meistens das Leben ausmachen und in denen Menschen sich wiedererkennen.

Mit diesem inzwischen fast 74 Jahre alten Sänger will ich mich nicht vergleichen, obwohl ja auch meine Texte selbst geschrieben sind - aber seine sind ungleich poetischer, sie zwingen zum Zuhören, und auch die Musik komponiert er fast ausnahmslos selbst. Manchmal muss ich die Pausentaste drücken, um den Inhalt zu verdauen. Das Schöne ist übrigens, dass man seine Texte wirklich versteht, er nuschelt nicht und er verschluckt keine Silben, wie es heute üblich ist. Ich frühstücke einfach gern mit ihm …

Ob er 1969 schon mal eindringlich über Kaspar Hauser sang oder 1974 von „Wolken, über denen die Freiheit grenzenlos ist“, oder, einige Fans erinnern sich sicher, nach der Geburt seines ersten Kindes „keine ruhige Minute“ mehr hatte, hat er uns bis heute an vielem teilhaben lassen. Er prangerte öffentlich mit seinen Texten an, was ihm quer lag - und konnte und kann so zärtlich sein…

Erinnern Sie sich an „Ilse und Willi auf dem Land“? Und dass es „keine Maikäfer mehr gibt“? Noch 1992 schrieb er „Du bist ein Riese, Max“ über seinen damals zehnjährigen Sohn und „Liebe macht dich unverletzlich, wie ein Bad im Drachenblut“. 2014 musste er diesen Sohn nach fünf Jahren Wachkoma begraben. Liebe und Trauer hat er dann für alle hörbar, fast fühlbar, in einem weiteren seiner über 500 Lieder -vielleicht- verarbeitet.

Nun hat er also wieder eine CD herausgebracht – und 20 Jahre nach meiner zuletzt gekauften wurde es Zeit für eine neue. Ich habe zugehört, Pausentaste gedrückt, weiter zugehört – und wieder war es so, als stünde man neben Reinhard Mey, würde die kleinen Szenen hautnah miterleben.

Man hört es deutlich, ihn bewegen die alltäglichen kleinen Ereignisse wirklich. Und es fühlt sich auch gar nicht „unwichtig und klein“ an, wenn die zugelaufene Katze mit dem Riss im Ohr plötzlich nicht mehr nach Hause kommt oder wenn er über „Ausgegrenzte, in sich Verkrochene“ singt. Auf seinen Tourneen nahm er schon früher kein Blatt vor den Mund, schrieb und sang „Nein, meine Söhne geb ich nicht“ oder „Die Würde des Schweins ist unantastbar“.

Auf dem neuen Album ist er weicher, erinnert sich an boshafte Streiche, die sie ihrem Lateinlehrer Dr. Brand gespielt hatten und nicht wussten, dass dieser sanfte, verletzliche Mann gerade Sachsenhausen überlebt und dabei nie seine Würde verloren hatte. „Da mihi veniam, Dr. Brand“ („verzeih mir, Dr. Brand“). Er singt von Bonsai, dem total lieben Pittbull und seinem Herrchen, dem Türsteher Herrn Fellmann, die gemeinsam mit ihm den alten, aus dem Heim entwischten Opa Bölke wieder zurückbringen. Ob Lucky Laschinski, die oben erwähnte Katze, oder das Mädchen Hannah, allen wird ein Denkmal gesetzt - Hannah hinter der Hecke im Urlaubsdomizil, „ihr Lachen klingt wie Mozart“. Als er sie später sieht, sieht sie ihn nicht, denn sie ist blind. Sie lacht nicht, sie lächelt, als sie einer Brise nachspürt, die leise durch ihr Haar weht.

Sehen Sie, so einfach schreibt und singt der Liedermacher Reinhard Mey.




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erstellt am 11.Aug.2016 | 18:06 Uhr

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