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Eckernförder Zeitung

06. Dezember 2016 | 13:09 Uhr

Asylbewerber : „Wir sind glückliche Menschen“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Afghanisches Paar schließt Ausbildungen in Rieseby ab / Sie wollen Teil der Gemeinschaft werden

Rieseby | Im Frühjahr 2010 begann ihre Flucht aus Afghanistan. Seit November 2011 sind sie in Rieseby zu Hause. Und heute, da sind Nasir (30) und Masoome (27) Mohammadi angekommen. Beide haben eine Berufsausbildung im Ort abgeschlossen und arbeiten. Sie haben ihre Heimat verlassen, weil sie keine Perspektive mehr für ein friedliches und freies Leben in Afghanistan sahen. In einem Gespräch mit Gunda Gey, Mitglied des Helferkreises, berichten sie über ihre Erlebnisse.

Ohne zu wissen, dass sie ein Jahr auf der Flucht sein werden, trieben Nasir und Masoome Mohammadi durch Europa. Ihre größte Angst war, getrennt zu werden. Bereits in der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster besuchen beide einen Deutschkurs und übernehmen Hausmeistertätigkeiten. Nasir verfügt über Englischkenntnisse und ist eine große Hilfe als Dolmetscher. Im November 2011 ziehen sie in eine kleine Wohnung in Rieseby. Mit Entschlossenheit und Tatkraft stellen sie sich den Herausforderungen. Betreut werden sie von Mitarbeitern des Vereins für Umwelt, Technik und Soziales (UTS) in Eckernförde. Jede Gelegenheit, die deutsche Sprache zu erlernen, nutzen sie. „Unser Ziel erreichen wir nur, wenn wir die Sprache sprechen und verstehen“, sagen sie. Eine Berufsausbildung hatten beide nicht. Das deutsche Model der Berufsausbildung gab es nicht. Dank ihres Lerneifers können sich beide nach kurzer Zeit selbstständig um einen Praktikumsplatz kümmern. „Wir wollten gern in Rieseby bleiben“, sagt Masoome. Mit einem Zettel ging sie zum Edeka-Markt im Ort. „Herr Reimer war sehr nett und hat viel erzählt. Ich habe kein Wort verstanden. Nur Montag und 7 Uhr konnte ich mir merken“, berichtet sie. Und so war sie am Montag um 7 Uhr dort und bekam ihren Praktikumsplatz. „Ich war glücklich und habe mich sehr wohl gefühlt. Reimers haben mir sehr geholfen und auch die Kollegen waren für mich da“, sagt Masoome.

Unternehmer Malte Reimer und seine Frau Andrea hatten nicht lange überlegt. „Obwohl wir gerade keine guten Erfahrungen mit Praktikanten gemacht hatten, haben wir sofort gewusst, dass wir unserer Einschätzung trauen können. Masoome hat uns durch ihre Entschlossenheit beeindruckt“, sagen sie. Schon nach kurzer Zeit sei ihnen klar gewesen, dass sie auch eine Ausbildung zur Kauffrau bei ihnen machen könne. „Bei Fragen zur Arbeitserlaubnis hat uns UTS zur Seite gestanden und mit den Behörden gesprochen", sagen Reimers. Masoome hat im Februar 2016 ihre Ausbildung zur Kauffrau erfolgreich abgeschlossen und arbeitet nun als Vollzeitkraft in dem Markt. „Masoome ergänzt unser Team perfekt und auch bei unseren Kunden ist sie durch ihre freundliche und aufgeschlossene Art sehr beliebt", loben Chef und Chefin ihre engagierte und zuverlässige Mitarbeiterin.

Auch Nasir hat schnell einen Platz gefunden. Als die Mitarbeiterin von UTS in der Tischlerei toppform in Rieseby nach einem Praktikumsplatz für einen afghanischen Flüchtling anfragte, hatten die Geschäftsführer Olaf Petersen und Jörg Peeck sofort zugesagt. „Schon lange beobachten wir die Flüchtlingssituation und sind sehr froh, einerseits den Flüchtlingen zu helfen sich zu integrieren, und zugleich das Angebot an Nachwuchskräften in unserm Gewerk zu erweitern“, sagen sie. Das Engagement von UTS als Vermittler und Ansprechpartner loben die Geschäftsführer. „Besonders die gesetzlichen Vorschriften und Regeln sind für Arbeitgeber oft schwer zu verstehen und man ist froh über die Unterstützung", stellen Petersen und Peeck fest. Nasir Mohammadi hat im Juli 2016 seine Ausbildung zum Tischler abgeschlossen und arbeitet nun als Tischlergeselle in der toppform Tischlerei. „Mit Nasir behalten wir einen zielstrebigen und fleißigen Mitarbeiter mit allerbesten Fachkenntnissen. Sein überaus freundliches und zuvorkommendes Wesen ist eine Bereicherung unseres Teams“, sagen die Geschäftsführer. Die positiven Erfahrungen hätten sie bewogen, auch zukünftig Flüchtlingen einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz anzubieten. Im Sommer beginnt ein weiter Azubi aus Afghanistan seine Ausbildung.

Alle Beteiligten sind überzeugt, dass ein gutes Netzwerk von Berufsschule, Ausbildern und Betreuern und auch dem privaten Helferkreis die schnelle Eingliederung, beruflich und auch privat, förderte. Nasir und Masoome Mohammadi hätten durch ihre Zielstrebigkeit und ihr hohes Maß an Eigeninitiative erheblich zu ihrer Integration beigetragen. Beide würden zudem ihre Erfahrungen weitergeben und für das Erlernen der Sprache als Basis für eine fundierte Berufsausbildung werben.

Zur Zeit lebt das Paar geduldet, die Aufenthaltserlaubnis wurde noch nicht ausgestellt. Regelmäßig müssen die Arbeitsverträge der Behörde zur Prüfung vorgelegt werden. Ihr größten Wunsch sei es, dauerhaft und als anerkannte Mitglieder der Gemeinschaft in Deutschland zu leben. „Wir sind glückliche Menschen“, sagen die beiden und strahlen. Nur wenn es still wird, kommt das Heimweh und die Sehnsucht nach den Menschen, die sie zurücklassen mussten, sagen sie.

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erstellt am 09.Jul.2016 | 06:20 Uhr

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