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Windkraft : Windkraft: Eine politische Entscheidung

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Etwa 50 Bürger beim Windkraft-Infoabend der Kreis-Grünen / Staatssekretär Thomas Losse-Müller erläutert Regionalplanung Wind

Rieseby | „Ohne eine Windkraftplanung wären Windkraftanlagen überall erlaubt“, daher habe das Land die Regionalplanung Wind gestartet, begrüßte Thomas Losse-Müller Mittwochabend rund 50 Besucher im Riesby Krog. Und: „In Stein gemeißelt ist noch nichts,wir befinden uns in der Anhörungsphase“, ergänzte er. Der Staatssekretär und Leiter Chef der Staatskanzlei in Kiel, war auf Einladung des Kreisverbands von Bündnis 90 / Die Grünen in Begleitung von Joschka Knuth, dem Landtagswahlkandiaten im Wahlkreis Eckernförde, an den „Hotspot Rieseby“ gekommen, um die Pläne und das Verfahren der Landesregierung für die Regionalplanung Wind zu erläutern.

Dass das Thema Windkraft in Rieseby und in Schwansen die Menschen bewegt, machte der lautstarke Empfang des Gastes aus Kiel deutlich. Rund 20 Bürger aus verschiedenen Gemeinden Schwansenes erwarteten den Staatssekretär mit Plakaten und Trillerpfeifen. Losse-Müller ging auf die Demonstranten zu, stellte sich vor und lud auch sie zu seinem Vortrag ein.

Seinen rund 30-minütigen Vortrag hatte er bereits in der Vorwoche bei einer Einwohnerversammlung in Holtsee gehalten (wir berichteten). Während der Anhörungsphase können noch alle Bürger bis Ende Juni ihre Einwände und Bedenken gegen die im Entwurf ausgewiesenen Vorrangflächen für Windkraft über das Online-Beteiligungstool, aber auch per Brief oder Mail zu Protokoll zu bringen. Losse-Müller versicherte, dass die zuständigen Stellen alle Eingaben ernst nehmen. Vermutlich im Herbst/Winter wird dann ein überarbeiteter Entwurf vorgestellt und erneut in die Anhörung gehen.

Gegenüber der alten Windkraftplanung von 2012 ist der Anteil der Windvorrangflächen im Kreis Rendsburg-Eckernförde fast verdoppelt worden. In den zwei anderen Planungsräumen war der Zuwachs nur moderat. Im Schnitt sind nun 1,98 Prozent der Landesfläche als Vorrangflächen erfasst. In Rieseby ist es eine Fläche von rund 104 Hektar im Bereich Gut Saxtorf/Gut Charlottenhof (Loose). Weniger Flächen dürften es landesweit nicht sein, damit Schleswig-Holstein sein energiepolitisches Ziel erreichen könne, machte Losse-Müller deutlich. Die wiederholt vorgebrachte Forderung der Bürger nach größeren Abständen zu Windkraftanlagen, seien nicht realistisch, um das Ziel von rund 2 Prozent Fläche zu erreichen, so Losse-Müller.

Das von Bürger oft geforderte „10 H“, die in Bayern gilt, sei nicht zielführend. Hier müssen Windräder einen Mindestabstand der zehnfachen Höhe der Anlagen zu Wohngebäuden haben. Würde man dies in Schleswig-Holstein umsetzen, stünden nur noch 0,3 Prozent der Flächen zur Verfügung. Damit wäre der Ausbau der Stromproduktion von derzeit sechs Gigawatt Windstrom auf rund zehn Gigawatt in 2025 nicht möglich, so Losse-Müller.

Vorwürfe, dies ging auf Kosten der Bürger, wie beispielsweise Uschi Fröhler aus Waabs feststellte, wies der Gast zurück. Das Urteil des OVG 2012, dass die alte Planung verwarf, habe ihnen auf den Weg gegeben, dass sie Kriterien anwenden müssen, die für das ganze Land gelten. Er versicherte, dass sie eine große Vielzahl von Interessen berücksichtigen und vielfältige Abwägungen zwischen Naturschutz, Menschenschutz und dem Klimaziel vornehmen mussten. Und sie seien sogar stark an den Naturschutz heran gegangen, um dem Klimaschutz zu dienen, so Losse-Müller.

Hier hielt den Grünen Politikern Frank Dreves aus Rieseby vor, dass er es nicht verstehen könne, dass gerade sie beim Tierschutz die Schutzkriterien senkten. Anders als Joschka Knuth eingangs feststellte, es solle ein sachlicher Abend werden ohne politische Diskussion, so betonte Dreves, dass die 2 Prozent Vorgabe und auch die angewendeten Kriterien sehr wohl politische Aussagen seien.

„Keiner streitet ab, dass Bürger Belastungen ausgesetzt sind“, stellte der Staatssekretär fest. Gerade in Außenlagen aber, wo nur 400 Meter Mindestabstand gelten, dort konkurrierten verschiedene Nutzungen, die in Kauf genommen werden müssten. Dr. Thomas Arndt aus Rieseby wandte ein, dass Windkraftanlagen von 200 Meter Höhe eine Sichtbarkeit von bis zu 40 Kilometer hätten, weit mehr, als die 400 oder 800 Meter Abstand, die bei der Ausweisung der Standorte angewendet würden. Er sprach von „optischer Belastung“. Ein anderer Bürger stellte fest, dass die gesundheitlichen Auswirkungen von Infraschall nicht abschließend bewertet wurden. Dem hielt Losse-Müller entgegen, dass ihnen neue wissenschaftliche Studien vor lägen, die Schädigungen nicht bestätigten.

Kritisch hinterfragte Manuel Dittmers aus Dörphof, dass Hausbesitzer in der Nähe von Windparks „kalt enteignet“ würden. „Wer zahlt den Schaden?“ Ob das Land das zahlen könne, „wo es doch pleite“ ist, wisse er nicht. Ein Antwort erhielt Dittmers auch nicht auf seine Nachfrage, warum Schleswig-Holsteins Bürger Milliarden Euro Ausfälle aus der HSH-Bankenkrise tragen müssen und über ihre Stromrechnung den Nichtabtransport von erzeugtem Windstrom mitfinanzieren.

Lasse-Müller räumte ein, dass es in der Vergangenheit Probleme gab. Inzwischen aber komme der Ausbau des sogenannten Westlinks gut voran. 2019 sei die Stromtrasse bis zur Elbe fertig. Parallel dazu sei der Ausbau der Windkraftanlagen begrenzt worden. Ausnahme gebe es nur für die Flächen, die bereits 2012 geprüft waren und nun im neuen Entwurf erneut wiederzufinden sind. Darüber hinaus sei Schleswig-Holstein führend in neuen inovativen Technologien rund um Strom und Netzbetrieb. So werde in absehbarer Zeit in Brunsbüttel eine Anlage „Power-to-Gas“ errichtet, bei der Windstrom genutzt werden könne.

Es gab aber auch Zustimmung, dass Windkraft im ländlichen Raum neue Einkommen schafft. Allerdings dürften nicht nur wenige daran verdienen, während die große Masse die Belastungen habe. Außerdem seien Windkraftanlagen sicherer und sauberer als Strom aus Kohle oder Kernkraft. Riesebys Bürgermeister Jens Kolls empfand den Vorstag sehr sachlich. Hinsichtlich der Riesebyer Fläche seien die Argumente bekannt, stellte er fest.

„Wir wollen die Bürger mitnehmen, und die Energiewende verständlich machen“, sagte Joschka Knuth. Vermutlich ist eine weitere Veranstaltung, dann aber politisch ausgerichtet, vorgesehen, kündigte der Eckernförder an.

>Power-to-Gas: Chemischer Prozess, bei dem mittels Wasserelektrolyse mit teilweise nachgeschalteter Methanisierung unter Einsatz von Ökostrom ein Brenngas hergestellt wird.


>Online-Beteiligung bis 30. Juni unter www.bolapla-sh.de


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erstellt am 10.Mär.2017 | 06:40 Uhr

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