zur Navigation springen

Eckernförder Zeitung

10. Dezember 2016 | 23:31 Uhr

Von Schattenwesen bis Mackie Messer

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Große künstlerische Vielfalt bei der 4. „Lange Nacht“ zum Thema „Theater und Tanz“ / Besuchern pendeln zwischen der Innenstadt und Carlshöhe

Dass beeindruckende Kunsterlebnisse nicht nur in den großen Metropolen dieser Welt zu finden sind, beweisen unlängst immer mehr Kunstprojekte und Ausstellungskonzepte auch im ländlichen Raum. Und dennoch: Kulturverwöhnte Stadtmenschen klammern sich häufig an das Vorurteil, in kleinstädtischen Kunstprojekten sei keine Kunst auf internationalem Ausdrucksniveau zu finden und damit auch der primäre Grund gegeben, statt dem kurzen Weg in die eigene Stadthalle oder das Museum lieber die Anfahrt in die Großstadt in Kauf zu nehmen, um dem bereits Etablierten und Bekannten zu huldigen. Eckernförde hat sich als Schirmherrin der jüngst präsentierten, immer im November stattfindenden Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Lange Nächte“ genau in diese Bewegung eingereiht. Zum vierten Mal in Folge konnte sich die Eckernförder Kunstszene an vier Sonnabenden im November in ihrer Vielfältigkeit und Kreativität präsentieren und einmal mehr bewiesen, dass der Kunstgenuss direkt vor der Haustür liegen kann. Thema diesmal: Theater und Tanz.

Die faszinierende Welt des Schattenspiels präsentierte die junge Schattenspielkünstlerin Joanna Nell auf der Bühne des Atelier Phantasie an Fäden. Sie hatte sich im Rahmen einer schulischen Projektarbeit mit der Kunst des Schattenspiels nach Motiven des bekannten Australischen Puppenspielers Richard Bradshaw auseinandergesetzt und ein kleines, aber feines Programm mit selbst entworfenen Schattenpuppen auf die Beine gestellt. Vogel Strauß, Maus und Nilpferd ließ Joanna Nell in künstlerischer Perfektion zu passenden Musiktracks Treppenstufen erklimmen und über ein Seil tanzen. Wer sich nach der Darbietung der 15-Jährigen Nachwuchskünstlerin noch weiter in die magisch anmutende Materie des Schattenspiels vertiefen wollte, den lud Joannas Vater, Ralf Rahier , nebenan in sein ehrenamtlich geleitetes Reich des Figuren-Theater-Museums ein. In diesen Räumlichkeiten hat Rahier zusammen mit seiner Frau Sabine Freund eine Sonderausstellung zum Thema Schattenspiel eingerichtet. Als Highlight dieser außergewöhnlichen Sammlung zeigt Rahier die von der deutschen Grand Dame des Schattenspiels, Margit Fogelsang, aus China angekauften authentischen Figuren aus dünn gewalztem, luziden Leder.


Aus der Not wird eine Tugend


Direkt nebenan hatte die bekannte Sängerin, Musikerin und Dozentin für Schauspiel und Gesang, Claudia Piehl, ursprünglich den ganzen Tag auf die große Bühne des „Carls“ zu ihrem Schauspiel-Workshop geladen, dessen Ergebnisse am Abend in die abendliche Aufführung ihres Stücks „Frühstück am Meer“ einfließen sollten. Leider hatten sich nicht genügend Teilnehmer im Voraus bei Piehl angemeldet, so dass der Workshop aus Mangel an schauspielerischen Personal nicht zu Stande kam. Doch der über die Stadtgrenzen bekannte Entertainment-Profi Claudia Piehl wäre nicht Claudia Piehl, hätte sie für diesen Engpass keine Lösung parat. Und so konnten die Zuschauer auf der Bühne des „Carls“ an der Inszenierung von „Zeit ist auch nicht mehr das, was sie einmal war“ aus ihrer Feder erleben. Programmatisch angelehnt an die Urform des europäischen Theaters, der griechischen Tragödie nach Aristoteles mit einem das Theatergeschehen kommentierenden Chor, lässt Piehl die 14 Schauspielerinnen und Schauspieler ihres AWO-Musiktheater Ensembles auftreten und Szenen aus dem Alltagsleben und der Erinnerung der Generation 60 und ihrer Kinder erzählen. Mit sichtlicher Spielfreude und Sinn für feine Ironie und pointiertem Witz brachte das Ensemble das Publikum im Saal in Stimmung und machte gleichzeitig nachdenklich.


Recherchen unter Requisiten


Während also auf der Carlshöhe das Theater mit seinen unterschiedlichen Ausdrucksarten im Fokus der „Langen Nacht“ stand, wurde im Stadtgebiet unter anderem bei der Flamencogruppe „Los Balticos“ getanzt beziehungsweise Tanz und Gesang miteinander verbunden, wie bei den zwei energiereichen Künstler des Comedy-Duo „Die Drei lustigen 2“. Unter dem Programmtitel „D3L meets Shakespeare“ ließen sie das Publikum an den Ergebnissen ihrer Recherchen im Kostüm- und Requisitenfundus der Eckernförder Stadthalle teilhaben. Robert Becker (Bariton) und Lutz Karkowski (Tenor) überzeugten mit ihrem humoristischen Talent, Slapstick und ihren gesanglichen Fähigkeiten. Ob es nun eine Imitation von Udo Lindenbergs eigentümlichen Gesangsstil am Beispiel des „Sonderzug nach Pankow“ oder ein Part des Erik aus dem berühmten Webber Musical „Phantom der Oper“ war – das Publikum war begeistert und goutierte die dichte und intelligent konstruierte Darbietung mit lang anhaltendem Beifall.

Für den langen Beifall bedankte sich auch Richard Weber, Chef des Hamburger Kleinkunstensembles „Webers Artist“ und verantwortlicher Regisseur der dargebotenen Inszenierung von Berthold Brechts und Kurt Weills „Dreigroschenoper“. Er entließ das Publikum aus dem Zuschauerraum des „Hauses“ nach der zweieinhalbstündigen minimalistisch inszenierten Darbietung mit teilweise überzeugenden Gesangsparts in den Abend mit dem Hinweis, dass Brecht angesichts der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage nie aus der Mode kommen wird.

Weitere Veranstaltungen der „Langen Nacht“ fanden zum Thema des Tanz unter dem Titel „Der Tanz – Ausdruck von Liebe und Protest“ im Künstlerhaus der Ottestraße und Improvisationstheater im „Haus“ statt.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 28.Nov.2016 | 06:19 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen