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Eckernförder Zeitung

03. Dezember 2016 | 20:48 Uhr

Literaturkreis : Von Hesse bis Herrndorf

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Beim Literaturkreises Kosel lesen und diskutieren die Mitglieder Klassiker und moderne Autoren gleichermaßen

Kosel | Über 50 Bücher haben die Teilnehmer des Literaturkreises Kosel seit der Gründung im September 2010 gelesen und besprochen. Hannelore Jacobsen aus Bohnert gehört zu den Mitbegründerinnen und leitet die offene Gruppe seit Anfang 2011. Über die Gruppe, die Auswahl der Titel und den Erfolg der Gruppe sprach Redakteur Dirk Steinmetz mit ihr. Die offene Gruppe trifft sich an jedem ersten Montag im Monat, um 19.30 Uhr, in der Alten Schule. Beginn ist wieder am kommenden Montag.

 

Seit fast sechs Jahren gibt es jetzt den Literaturkreis. Haben sie als Mitbegründerin erwartet, dass das Angebot so nachgefragt wird?

Hannelore Jacobsen: Nein, das haben wir nicht erwartet. Vor allem haben wir nicht erwartet, dass wir jetzt einen Stamm von zwölf bis 13 ganz regelmäßigen Teilnehmern haben.

 

Wir erklären Sie sich das Interesse, Bücher in einer Gruppe zu lesen und zu besprechen. Lesen ist doch eine sehr persönliche Angelegenheit?

Ja, lesen ist sehr persönlich, aber man möchte seine Eindrücke sehr gerne wiedergeben und sich mit anderen austauschen. Manchmal sagt man, das ist ein tolles Buch, da würde ich gerne mal mit anderen drüber reden. In unserer Gruppe sind ganz normale Frauen, die nicht Literatur studiert haben, die einfach Lust am Lesen haben und einfach sagen, ich fand die Sprache so toll oder der Inhalt hat mich fasziniert, oder das sind Dinge, die habe ich gar nicht gewusst. Dabei können wir ganz unterschiedlicher Meinung sein. Mal reden wir kontrovers und manchmal sitzen wir einfach nur da und stellen fest „was für ein schönes Buch“. Dann erwärmt man sich an besonderen Stellen oder ließt mal eine Passage vor.

 

Fällt es schwer, immer neue Bücher zu finden? Wonach wird ausgewählt?

Nein, das fällt überhaupt nicht schwer. Die Auswahl ist ganz unterschiedlich. Wir entscheiden uns manchmal für klassische Literatur, so zum Beispiel Thomas Mann oder Herrmann Hesse. Oder jemand hat ein neues Buch gelesen und stellt fest, dass es viele literarische Ansprüche erfüllt und es ist aktuell. Am Ende ist es eine persönliche Vorliebe. Wenn wir drei Bücher zur Auswahl haben, sagt jeder, warum er welches lesen möchte, und dann finden wir eine Entscheidung und legen die anderen Bücher erstmal zur Seite.

 

Gehen Sie nach einer Bestsellerliste vor?

Nein. Es geht eher nach der persönlichen Erfahrung der Teilnehmer, als nach einer Liste. Natürlich lesen wir auch Titel von Literaturnobelpreisträgern. So der aktuelle Titel von Alice Munro, den haben wir sofort gelesen, als er auftauchte.

 

Es kommen also moderne Autoren oder auch Klassiker in die Auswahl?

Ja, wir orientieren uns dabei auch am Deutschen Buchpreis, aber nur wenn das Buch auch gut ist. Moderne Autoren kommen genauso zum Zug wie klassische Titel, Hauptsache, es spricht uns an.

 

Was war das Buch, über das am meisten diskutiert oder gegensätzlich geredet wurde? Kam auch mal keine Besprechung zustande?

Sehr kontrovers war die Diskussion über das Buch Tschick von Wolfgang Herrndorf. Da ging die Meinung sehr auseinander. Das ist mehr oder weniger ein Jugendbuch. Einige fanden das ganz klasse und andere gar nicht, vor allem die Fäkalsprache fanden einige witzig, andere nicht gut. Dennoch haben wir uns den Titel als Theater in Schleswig angeschaut.

 

Macht der Literaturkreis neben dem Bücher diskutieren noch etwas?

Wir machen jedes Jahr eine Fahrt, wenn es geht mit einem literarischen Aspekt. So waren wir beispielsweise in Lübeck auf den Spuren der Buddenbrooks und Thomas Mann. Wir hatten da den „Tod in Venedig“ gelesen und schauten dann auch noch die Verfilmung. Das greift so ineinander. Oder wir haben die Biografie zu Franziska zu Reventlow gelesen und sind zur gleichnamigen Ausstellung nach Husum gefahren. Wir versuchen so über den Tellerrand zu schauen.

 

Gab es ein Buch, über das gar nicht diskutiert wurde?

Ja die gab es, wenige, aber es gab sie. Die legen wir dann schnell zur Seite und nehmen ein anders Buch zur Hand.

 

Gibt es neue Ideen nach der Sommerpause?

Ja, im September starten wir mit einem dicken Buch von David Großmann aus Israel. Das ist hochaktuell und spannend. Er ist Träger des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Es geht um eine Frau in Israel, die vor einer Nachricht flieht. Ihr Sohn muss an einem Militäreinsatz im Libanon teilnehmen und sie läuft vor seiner möglichen Todesnachricht fort. Die Wanderung der Frau führt durch Galiläa, und thematisiert die Spannungen zwischen Israel und Palästina. Großmann schrieb das Buch, als sein Sohn selber den Militärdienst ableistete. Sein Sohn starb in den letzten Tages des Libanonkrieges. Es ist eine brandaktuelle Geschichte. Das Buch hat ein offenes Ende. Es geht um das Leben in Israel und im Libanon, den die Frau zu Fuß zurücklegt. Es zeigt die Spannung zwischen Israel und dem Libanon. Es ist schwere Kost, aber es ist ein tolles Buch und sehr emotional.

 

Warum sollte man in den Literaturkreis gehen?

Weil es eine sehr nette Gruppe ist, mit fast ausschließlich nur Frauen. In der Gruppe muss sich keiner profilieren, weil wir uns nur aus Spaß an der Literatur austauschen. Und man lernt vielleicht Bücher kennen, die man sonst nicht entdeckt hätte. Die Atmosphäre ist einfach sehr schön, auch wenn wir kontrovers diskutieren. Das Angebot ist offen für jedermann. Jeder kommt zu Wort.

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erstellt am 01.Sep.2016 | 06:10 Uhr

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