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Eckernförder Zeitung

08. Dezember 2016 | 05:19 Uhr

Lange Nacht : Von der Profilesung bis zur Poetenschlacht

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die Lange Nacht der Literatur wartete mit prominenten Autoren, heimischen Verfassern und frechen Dichtern auf.

Eckernförde | Auch die vierte „Lange Nacht“ belebte an einem kalten Novemberabend die Innenstadt, diesmal unter dem Stichwort „Literatur“. Breitbandige Ansprüche zwischen Unterhaltung und Erkenntnis bestimmten das Programm. Das Angebot bestand mit abwechslungsreichen Themen aus vielfältiger Vorlese-Kultur. Für jeden war etwas dabei, egal ob alt oder jung.

Nur wollte eine wohlbeleibte Protest-Oma im Literaturbus am Nachmittag um Zustimmung zu den Lesungen von Silvia Luise Wöhlk und Ulf Castagne gebeten werden. „Hat man mich gefragt, ob ich das hören will?“ Worauf niemand reagierte. Also startete sie ihren Protestgesang (O du fröhliche...), mit dem sie sich jedoch nicht gegen die Lautsprecher-verstärkten Döntjes und Limericks der beiden Hobby-Literaten auf der Rückbank durchsetzen konnte. Zwei Haltestellen hielt die Protestoma es aus – dann hatte sie ihr Ziel erreicht. Glücksgefühle auf beiden Seiten. Auch wenn diese Linienbus-Literatour nicht so stark wie im vergangenen Jahr angenommen war, wurde sie doch zu einer Werbefahrt für die Literaturnacht und Eckernförde.


Märchen für Erwachsene


Ebenso die daran anschließende Lesung mit Traute Salzmann und dem Multi-Instrumentalisten (Gitarre, Mundharmonika, Querflöte Saxofon) und Sänger Helge Keipert aus Kiel. Er war für den erkranken Helmut Herzog eingesprungen. Damit erhielt dieser Auftritt anstatt Salon-Musik eine ganz andere und nochmals besondere Note in Richtung Folk. Das größte „Extra“ war jedoch Traute Salzmanns Vortrag. Sie erzählte nicht nur ihre Märchen und Gleichnisse, sondern lebte sie vor. Märchen für Erwachsene mit großem Erkenntniswert, und viel mehr als nur eine „Lesung“. Im Kaffeehaus Heldt waren „Nur in Freiheit kann die Freiheit „Freiheit“ sein!“ mit dem Rattenfänger-Blues zum Schluss ein überraschender Anfang der stationären Abende.


Literatten zwischen Weingläsern


„Eine tolle Idee, sehr gut für Eckernförde“, lobte Uwe Römer die lange Lesenacht. In gemütlicher Weinstuben-Atmosphäre des ebenfalls vollbesetzten „Römer & Wein“ unterhielten die „Literatten“ mit eigenen Texten aus dem Leben. Voller Humor, aber auch bissig und mit mehr als einem Körnchen Wahrheit trugen die „herbstzeitlosen“ Damen ihre Texte vor: Mal frühlingsleicht oder sommerfrisch, teils auch eisblumenkalt. Ein echter Strauß von bunten Geschichten und Texten mit Erlebnissen am Strand, in der Nacht vor der Hochzeit oder dem bald wieder zu Weihnachten aktuellen „Wir schenken uns nichts!“


Sehnsuchtsorte vom Profi



Große Profi-Literatur präsentierte die Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft mit der Lesung von Mirko Bonné im Künstlerhaus. „Im Universum ist niemand zu Hause“ zitierte er vorab den schwedischen Schriftsteller und Philosophen Lars Gustafson. Bonné las drei Erzählungen aus seinem Buch „Feuerland“ und als Extra zum Auftakt die Geschichte vom „Funkeln des Eichelhähers“. Sie erschien separat, gehört aber eigentlich als Einleitung ins „Feuerland“-Buch. Thema darin sind Menschen auf Reisen, in extreme Gegenden, Situationen und Zustände. Wie die eines Jungen, der in die Freundin seines Freundes verknallt ist, die ihn aber gar nicht beachtet. „Den Titel des Buches entwickelten wir erst zum Schluss. Feuerland ist Synonym für eine unheimliche Grenzregion und Sehnsuchtsort.“


Großes Vor-Leserangebot



Großes Vor-Leserangebot und reges Publikumsinteresse im voll besetzten Saal der Alten Volkshochschule: Hier präsentierte die Autorengruppe BuchEckern ein umfangreiches Programm mit Gedichten und Prosa.


Schönheit kommt von innen


Zum zweiten Mal in diesem Jahr war die vielseitige Tine Wittler im Spieker. Dieses Mal nicht als Chansonette, sondern als Profi-Journalistin. Sie las aus ihrem Buch „Wer schön sein will, muss reisen“. Ein Titel, der durchaus missverstanden werden könnte. Und doch steckt viel Wahrheit darin. Das Buch ist ein Aufruf gegen die fotografierbare Schönheit des weitverbreiteten Ideals in Modezeitschriften. Was bei uns rank und schlank, als erstrebenswert gilt und ein Vorbild für viele Mädchen ist, gilt in Mauretanien nicht. Dort gelten nur Frauen im Format von Tine Wittler als attraktiv. Ein Grund für die studierte Kultur- und Kommunikationswissenschaftlerin, Moderatorin und Schriftstellerin, unterschiedlichen Schönheitsidealen auf den Grund zu gehen. „Schönheit kommt von innen. Wer viel reist, wird geistig beweglich, muss offen sein.“ Diese Schönheit gilt für sie mehr als die äußere. Tine Wittler ist eine starke Frau, hat „zu dick“ zu ihrem Thema gemacht. „Erschütternd, wie junge Frauen zu Selbstzweifeln und Komplexen getrieben werden. Die Macht des Ideals muss gebrochen werden!“ rief sie aus. Tine Wittler hörte man gerne und konzentriert zu. Ihre Argumente haben Hand und Fuß. Ihr Einsatz für Toleranz und Wertschätzung auch Menschen gegenüber, die den verbreiteten Idealen nicht entsprechen, verdient höchsten Respekt.


Mankell mal anders



Wer Henning Mankell bislang nur als Kommissar-Wallander-Erfinder und Krimi-Autor kannte, wurde in der Lesung zum 1. Todestag mit Werken des Autors eines Besseren belehrt: Auch Kinderbücher und Romane über Afrika gehören zu seinem Werk. In Afrika hat Mankell lange gelebt, dort also auch Erfahrungen im echten Leben gemacht, ebenso wie seine eigene Jugend als Hintergrund der Bücher „Treibsand“ und „Mankell über Mankell“. Bewo Hawel hatte neun typische Texte ausgesucht, die schlaglichtartig an verschiedenen Plätzen im geheimnisvoll ausgeleuchteten Tanzsaal der Bürgerbegegnungsstätte vorgetragen wurden. Typisch für Mankell sind Menschen, die sich vor den Augen des Lesers verändern. Er schreckt auch nicht vor der Schilderung von Brutalität und Grausamkeiten zurück. Ursachen dafür mögen in seiner größtenteils mutterlosen Kindheit liegen.


Kurz, intelligent und witzig



Auch der Nachwuchs kam nicht zu kurz: Zum großen Erfolg wurden die Poetry-Slam-Schlacht im „Haus“: Volles Haus bei vollem Spaß. Viel Vergnügen mit kurzen, intelligenten und witzigen Texten. Alle von den Autoren selbst vorgetragen, beleuchteten sie das Leben aus der Sicht der Jüngeren. Danach bewertet das Publikum die Beiträge nach Aufforderung durch mehr oder weniger heftigen, längeren oder kürzeren Beifall. Die besten Drei traten zum Schluss noch einmal an. Sieger wurde „Caro“, die sich für das Verbot einer „Verpaarung“ aussprach. Ein Thema, das nicht nur für das größtenteils jugendliche und jung gebliebene Publikum teils bedrohliche Erkenntnisse und Konsequenzen haben kann.

Kulturbeauftragte und „Mutter“ der Langen Nächte, zeigte sich am Ende zufrieden: „Die Lange Nacht der Literatur wird sehr gut angenommen“, sagt sie. In den vergangenen vier Jahren sei sie gewachsen. „Auf dem Weg von einer zur anderen Veranstaltung begegne ich immer wieder Menschen, die ich vorher schon anderswo getroffen habe. Die Innenstadt wirkt auch am späten Abend belebt.“ Grundsätzlich habe die Popularität der „Langen Nächte“ in der Region stark zugenommen. Viele Künstler aus dem Land nähmen teil. „Die Langen Nächte sind schon viel mehr als nur eine Veranstaltung für die Eckernförder.“


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erstellt am 14.Nov.2016 | 06:22 Uhr

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