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Eckernförder Zeitung

03. Dezember 2016 | 01:17 Uhr

Tschernobyl-Hilfe : Urlaub von der Katastrophe

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

29 Kinder aus Weißrussland verbringen derzeit unbeschwerte Ferien im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Es werden noch Gasteltern gesucht.

Owschlag | Unbeschwerte Sommertage erleben Egor, Artjom, Oleg und Arthur aus Weißrussland bei ihren Gastfamilien in Owschlag und Brekendorf. „Die Kinder sind kaum aus dem Wasser herauszubekommen. Sie lieben es zu schwimmen und vom Sprungturm zu springen oder sich einfach treiben zu lassen“, sagt Gastmutter Karin Beye, die seit sechs Jahren dem inzwischen 14-jährigen Arthur und dem 13 Jahre alten Artjom jeden Sommer für vier Wochen ein zweites Zuhause bietet.

Das Wasser im Kropper Freibad hat angenehme 27 Grad und so genießen die Jugendlichen trotz häufig fehlender Sonne ihre Zeit in vollen Zügen. Freien Eintritt haben die Kinder, die mit der „Initiative für Kinder von TschernobylRendsburg und Umgebung“ zurzeit im Kreis Gesundheit tanken. Auch Gastmutter Kerstin Wegert freut sich darüber: „Es ist schwer für meine beiden Flummis still zu sitzen. Sie haben einen ganz großen Bewegungsdrang und lieben es, Trampolin zu springen, Fahrrad zu fahren oder eben schwimmen zu gehen.“

Kerstin Wegert und ihr Mann Christof entschlossen sich vor vier Jahren, zwei Kinder aus Weißrussland im Sommer bei sich aufzunehmen. Bei ihrem ersten Besuch waren Oleg und Arthur gerade einmal acht Jahre alt. Jedes Jahr sei es sehr spannend, die beiden Jungen wiederzusehen. Wie haben sie sich entwickelt? Wie kommen sie jetzt an? Das seien Fragen, die sie im Vorfeld immer beschäftigen würden, schildert Wegert. Doch dann sei man ganz schnell wieder sehr vertraut miteinander.

Als die Jungs aus dem Bus ausstiegen, hätten sie sie angestrahlt, sie habe sie in die Arme genommen und hochgehoben. Zu Hause angekommen, sei alles so gewesen wie immer. „Inzwischen sind die beiden Jungen älter, reifer und selbstständiger geworden, dadurch wird es immer einfacher mit ihnen. Auch ihre Deutschkenntnisse haben sich verbessert“, berichtet Wegert.

„Wir unterstützen uns gegenseitig“, erzählen die Frauen, deren eigene Kinder bereits erwachsen sind. Morgens lösen sie sich ab mit dem Fahrdienst zur Betreuung, die die Initiative für die Kinder organisiert, und auch nachmittags nehmen sie einander mitunter die Kinder ab oder treffen sich gemeinsam, wenn die Zeit es erlaubt. „So können wir beide trotzdem unserer Arbeit nachgehen”, betont Beye.

Zum Naschen hat Beye eine große Schale gelber Melonenstücke dabei. Die vier Jungen sind aufgeregt, die Früchte kennen sie noch nicht. „Gesundes Essen geht immer gut weg. Sie lieben Ananas, Mango, Blumenkohl und Brokkoli“, sagt Beye. Egor und Artjom helfen gern beim Einkaufen, wollen oft Fisch essen oder machen ihrer Gastmutter mit Ellbogenwackeln und Tiergeräuschen klar, dass sie auch mal Lust auf Geflügel hätten. „Sie sind sehr hilfsbereit, egal ob bei der Gartenarbeit oder im Haushalt – sie packen gerne mit an“, erklärt Beye.

Wieder habe es wie in den vergangenen Jahren viel Anteilnahme und Hilfsangebote durch Nachbarn und Freunde gegeben, sagen die beiden engagierten Frauen. Ein schönes Erlebnis habe sie beim obligatorischen Zahnarztbesuch gehabt, so Wegert. Wie in jedem Jahr kontrollierte der Zahnarzt Doktor Philipp Kruse die Zähne der vier Jungen aus Belarus kostenfrei, nur musste er in diesem Jahr keine Behandlungen vornehmen. „Sie haben gelernt, ihre Zähne nicht nur bei uns, sondern auch bei sich zu Hause zu pflegen und das ist ein schöner Erfolg“, freut sich Wegert. Sie appelliert aber: „Es werden dringend weitere Gasteltern gesucht. Von Jahr zu Jahr können weniger Kinder aus Belarus bei uns aufgenommen werden, obwohl der Bedarf riesig ist.“ Organisiert werden diese Sommeraufenthalte vom 1993 gegründeten Verein „Initiative für Kinder von Tschernobyl – Rendsburg und Umgebung“. 29 Kinder aus Weißrussland im Alter von acht bis 14 Jahren erholen sich zurzeit gerade bei Gasteltern im Kreis. Für die Vormittagsbetreuung sorgt der Verein.

In diesem Jahr haben die Kinder bereits mit ihren Betreuerinnen den Tierpark Arche Warder erkundet. Eine Tour durch das Wattenmeer in Büsum sowie ein Besuch der Tolk Schau stehen ebenfalls auf dem Programm.

Auch 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl an der ukrainisch-weißrussischen Grenze ist die Heimat dieser Kinder noch stark vom radioaktiven Fallout belastet. Sie stammen großteils aus dem Dorf Skorodnoje (Belarus), das etwa 75 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt liegt. Ärzte konnten nachweisen, dass ein jährlicher vierwöchiger Aufenthalt in einer unbelasteten Umgebung mit gesundem Essen sehr zur Stärkung des Immunsystems beiträgt. Damit noch mehr Kinder in den Genuss von frischer Luft und gesunder Nahrung kommen können, sucht der Verein Gastfamilien. Doch auch Geldspenden werden benötigt für die Busfahrten der Kinder von ihrer Heimat nach Schleswig-Holstein und für ihre Versicherung. Sämtliche Arbeiten zu Gunsten des Vereins sind ehrenamtlich, das Geld wird ausschließlich für die Kinder verwendet. 

>Verein Initiative für Kinder von Tschernobyl e.V. Rendsburg und Umgebung; Vorsitzender Fritz Arens Tel.: 04339 2667, FritzArens@aol.com
Spendenkonto Sparkasse Mittelholstein AG
IBAN: DE76 2145 0000 0002 3319 35
BIC: NOLADE21RDB




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erstellt am 25.Jul.2016 | 05:57 Uhr

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