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Eckernförder Zeitung

10. Dezember 2016 | 06:14 Uhr

62. PILLAUER HEIMATTREFFEN : „... und die Erinnerungen kommen“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Rund 50 Mitglieder der Heimatgemeinschaft Seestadt Pillau kamen am Wochenende in Eckernförde zusammen. Die feierliche Gedenkstunde fand am Denkmal des Großen Kurfürsten statt.

Strahlend blauer Himmel, eine steife Meeresbrise, der Duft der Ostsee und das Schreien der Möwen vor dem Denkmal des Großen Kurfürsten an der Borbyer Promenade. Ein festlich, musikalischer Auftakt mit dem Blasorchester der TuS Eckernförde empfing die rund 50 Teilnehmer des 62. Pillauer Heimattreffens. Zwei Tage haben die Teilnehmer miteinander Erfahrungen ausgetauscht und der Zeit gedacht, als Pillau noch eine deutsche Stadt war – seit dem Zweiten Weltkrieg ist Pillau russisch und heißt in der Landessprache Baltijsk. Mit einem Festakt sowie einer Tagung der Gemeinschaftsvertreter, einer Ausstellung in den Rathausvitrinen sowie Gottesdiensten, Geselligkeit und Tanz haben die Mitglieder der Heimatgemeinschaft ihrer verlorenen Heimat gedacht.

Das Denkmal des Großen Kurfürsten am Borbyer Ufer – die imposante Statue stand einst in Pillau –, war am Sonntag der ideale Platz, um die Gedanken in die 984 Kilometer entfernte Seestadt, die 1945 der größte Fluchthafen war, schweifen zu lassen. „Die Augen zu, und die Erinnerungen kommen“, weiß Hildegard Seiler (88), geborene Thomas, zu berichten. Es war Ende Januar 1945, es herrschte Eiseskälte minus 20 Grad, als sie mit dem Schiff in eine ungewisse Zukunft flüchten musste: „Ich hatte Glück, ich bin hier heil angekommen, Eckernförde ist für mich eine neue Heimat geworden und dennoch denke ich an früher zurück.“ Auch die Kielerin Erika Bartz (86), geb. Pokern, kann sich an die Flucht am 29. Januar 1945 erinnern: „Überall Menschen, die auf die Schiffe wollten, es war so kalt, und meiner Mutter hat man die Handschuhe gestohlen.“ Still und versonnen schaut Rosemarie Schmidt (80) in die Runde, sie trägt mit Stolz die Ostpreußentracht: „Ich war erst 8 Jahre alt, als wir mit der „Robert Ley“, einem Schwesterschiff der „Gustloff“, geflüchtet sind, aber die Erzählungen meiner Mutter sind in mir lebendig geblieben, wir können dankbar sein, in Frieden zu leben!“

Tags zuvor traf sich die Heimatgemeinschaft der Seestadt Pillau zur Vorstandssitzung in der Bürgerbegegnungsstätte. Man richtet den Blick in die Zukunft und möchte mit neuen Ansätzen dem Vergessen entgegentreten und die Geschichte aufarbeiten. Die Themen Zeitzeugenberichte, Tandem-Interviews Großeltern/Enkel-Gespräche, Trauma-Aufarbeitung und Heilung seien äußerst wichtig, berichtet Vorstandsmitglied Gabriele Schildknecht. Besonders angetan waren die Teilnehmer von der Ausstellung im Foyer des Rathauses „Ostpreußens letzte Kinder“ von Dr. Christopher Spatz.

Neben dem Empfang im Rathaus, dem Gottesdienst in der Kirche zu Borby und der Heiligen Messe in der Katholischen Kirche ist der Festakt am Denkmal ein wichtiger Programmpunkt des Treffens. Mit einfühlsamen Worten erinnerte die stellvertretende Vorsitzende Erika Kruse an die einstige Heimatstadt Pillau, der schweren Zeit der Flucht: „Uns geht es heute gut, wir haben es geschafft, schauen wir auf die Weltlage heute, viele Flüchtlinge verlassen verzweifelt ihre Heimat suchen Hilfe und Zuflucht, sie alle haben noch einen langen schweren Weg vor sich.“ Jörg Meyer, 2. stellvertretender Bürgermeister, empfing die Gäste schon am Sonnabend im Rathaus und betonte in seiner Festrede die Verbundenheit zu Pillau. Er lobte die „sehr konstruktive Sitzung“ und Diskussion über die Zukunft der Heimatgemeinschaft Seestadt Pillau. „Zu dem Ergebnis, die innovative Zukunft des Vereins in professionelle Hände zu legen, möchte ich Sie beglückwünschen. Ich bin überzeugt, dass dies eine große Chance für die Zukunft ist. Denn die Erinnerung an Krieg, Flucht und Vertreibung darf nie in Vergessenheit geraten und ist auch heute noch aktueller denn je“, sagte Meyer. Ein besonderer und feierlicher Akt der Gedenkstunde ist das Singen des Pillauer Liedes, des Schleswig-Holstein Liedes und der Nationalhymne. Zum Abschluss schenkte das Blasorchester TuS Eckernförde den Zuhörern mit dem „Reitermarsch des Großen Kurfürsten“ einen besonderen Ohrenschmaus.



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