zur Navigation springen

Eckernförder Zeitung

08. Dezember 2016 | 09:01 Uhr

Über das Für und Wider des Internethandels

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

In der letzten Zeit wird der Versandhändler Amazon immer häufiger als steuervermeidende Krake kritisiert, die sich weltweit ausbreitet und zum Beispiel Einzelhandelsgeschäfte zur Aufgabe zwingt, weil deren Umsatz stark zurückgeht.

In bestimmten Situationen ist es aber schwer, sich dieser Krake zu entziehen, denn vieles macht sie einfacher, auch für ältere Menschen, die sich dem Internet nur mit zitternden Fingern und um sich greifender Unsicherheit nähern. Man kann ja so leicht auf die falsche Stelle klicken, und wie macht man das wieder rückgängig? Das anonyme Programm kennt keine Gefühle, also auch kein Mitleid. Muss man sich schon wieder an den in dieser Hinsicht souveränen Enkel wenden und ihm die großmütterliche Hilflosigkeit eingestehen?!

Manchmal klappt es aber auch. Für mich ist es zum Beispiel ein unerklärliches Mirakel, dass ich den neuesten Krimi aus der „Zeit-Hitliste“ mit ein paar Klicks auf mein E-Book laden und Sekunden später lesen kann. Auch dicke Bücher aus Papier brauche ich nicht zu Fuß zu besorgen, denn meine Lieblings-Briefträgerin reicht sie mir lächelnd an der Haustür.

Und trotzdem, ein schlechtes Gewissen, das Verschwinden von guten alten Buchhandlungen mitzuverursachen, lässt sich nicht leugnen. Ich beruhige mich dann mit der Überlegung, dass ich mich dem modernen Trend, immer gleiche Abläufe von Programmen erledigen zu lassen, nicht entgegenstemmen kann. Die Menschen gewinnen so Zeit, komplizierte Aufgaben dank ihrer Intelligenz kreativ zu lösen. Vielleicht müssen sie in ferner Zukunft auch nicht mehr so viel arbeiten. Wenn es eine Grundsicherung für alle gibt, kann man sich mit den Dingen beschäftigen, die Spaß machen und alles Langweilige dem Computer überlassen, bei dem ja immer noch Menschen das Geschehen im Hintergrund bestimmen, wie das folgende Beispiel zeigt.

Das Zimmer am Ende meiner Wohnung mit Blick nach Süden in einen Garten und auf eine wunderschöne, rot blühende Dipladenie hat einen Schreibplatz erhalten. Es fehlte nur noch eine Stehlampe, aber nicht irgendeine, sondern meine Traumlampe. Sie in einem Geschäft in Kiel oder gar Hamburg zu besorgen, war mir zu umständlich, also habe ich sie bei Amazon bestellt. Meine Lieblings-Briefträgerin wuchtete das Riesenpaket mit der gewünschten Lampe vor meine Haustür. Nach einfachem Zusammenbau stand sie schließlich an dem für sie bestimmten Platz, wunderschön anzusehen, aber – sie leuchtete nicht.

Und nun? Völlig am Boden zerstört und hilflos setzte ich mich an den Computer, klickte auf die Versandbestätigung und sah ein Feld: Service. Zitternd und ungläubig füllte ich die vom Computer vorgegebenen Felder aus, zuletzt mit meiner Telefon-Nummer und, ich konnte es kaum glauben, fünf Minuten später klingelte das Telefon und eine freundliche Frauenstimme hörte sich mein Anliegen verständnisvoll an. Dass ich nicht alles wieder einpacken und als Retoure zur Post bringen wollte, sah sie ein. Ihr kreativer Lösungsvorschlag: „Ich schicke Ihnen sofort eine neue Lampe, sie nehmen nur den Lampenaufsatz aus dem Paket, probieren, ob er funktioniert, legen das defekte Teil in das Paket und kleben wieder zu. Dann melden Sie sich noch einmal beim Service, und Sie können anschließend einen Retouren-Aufkleber von Hermes ausdrucken. Der Hermes-Bote kommt am nächsten Tag und holt das Paket ab.“ Meine Erleichterung war grenzenlos. Alles hat geklappt, sogar der Hermes-Bote war wie angekündigt zur Stelle und überreichte mir die Empfangsbestätigung. Seitdem sitze ich mit besonderer Schreiblust an meinem Arbeitsplatz. Alles ist gut.

Wirklich? Ist die Kritik am Versandhandel unberechtigt? Sicher nicht, Institutionen müssen geschaffen werden, die die Unternehmen überwachen und Machtmissbrauch verhindern. Die durch den Internethandel eintretenden Strukturveränderungen sind in einigen Bereichen schwer zu akzeptieren und können Existenzen vernichten. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass sich diese Entwicklung nicht zurückdrehen lässt und sich letzten Endes positiv auf unsere Gesellschafts- und Geschäftsordnung auswirken wird.

zur Startseite

von
erstellt am 12.Okt.2016 | 15:49 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen