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Eckernförder Zeitung

01. Juli 2016 | 02:58 Uhr

Waffen aus Eckernförde : Sig Sauer schrumpft weiter: 73 Mitarbeiter müssen gehen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der Eckernförder Waffenhersteller Sig Sauer kündigt eine Restrukturierung an und baut im großen Stil Personal ab. Nur 50 Mitarbeiter sollen bleiben. In Eckernförde sollen nur noch Sportwaffen produziert werden.

Eckernförde | Die Geschäftsführung spricht von einer notwendigen Restrukturierung, um wieder in die Gewinnzone zu kommen. In der Werkhalle der Eckernförder Waffenfirma Sig Sauer sollen künftig nur noch Sportpistolen und Sportgewehre in kleiner Stückzahl für den europäischen Markt produziert werden. Nach dem Abzug der Jagdwaffen nach Isny im Jahr 2009 ist die Einstellung der Pistolenproduktion und des -exports ins US-Schwesterwerk nach Exeter / New Hampshire ein weiterer schwerer Schlag für den Standort Eckernförde.

Bluten müssen in erster Linie die Beschäftigten. Nach mehreren Entlassungswellen seit der Übernahme des Betriebes durch die neuen Inhaber Michael Lüke und Thomas Ortmeier im Jahr 2000 steht nun ein weiterer Aderlass bevor. Die Geschäftsführung hat dem Betriebsrat 73 Kündigungsbegehren auf den Tisch gelegt. Sig Sauer würde damit über 50 Prozent seiner Stammbelegschaft von 130 Mitarbeitern vor die Tür setzen.

Für den Betriebsratsvorsitzenden Rolf Rohde ist das ein neuerlicher Tiefpunkt in der Entwicklung bei Sig Sauer. 55 der 73 auf der Kündigungsliste stehenden Beschäftigten wechseln zum 1. März in die Transfergesellschaft. Dort werden sie ein Jahr lang auf andere berufliche Aufgaben vorbereitet. In dieser Zeit erhalten sie 73 bis 80 Prozent ihres bisherigen Nettolohns. 18 Mitarbeiter werden diesen Weg nicht gehen und stattdessen gegen ihre Kündigungen klagen, sagte Rohde. Bis zur gerichtlichen Entscheidung bleiben sie im Betrieb, sofern sie nicht – bei voller Vergütung – freigestellt werden.

Er und seine Kollegen aus dem Betriebsrat haben in der letzten der vier Sitzungen der Einigungsstelle am 11. Februar immerhin erreicht, dass die ausscheidenden Kollegen mit einem Interessensausgleich, einer Abfindung und einer freiwilligen Betriebsvereinbarung nach Hause gehen. Die 55 Mitarbeiter, die der Transfergesellschaft beitreten, erhalten neben den im Sozialplan für alle verankerten 125 Euro pro Beschäftigungsjahr zusätzlich eine Wechselprämie von 500 Euro pro Beschäftigungsjahr als Abfindung. „Das ist zwar sehr wenig im Vergleich zu den bisher gezahlten Abfindungen aus den Freiwilligenprogrammen, aber besser als gar nichts“, sagt der Betriebsratschef. Und es gibt eine Beschäftigungssicherung für alle 50 verbleibenden Sauer-Mitarbeiter bis zum 28. Februar 2016.

Auslöser für den drastischen Personalabbau sind nach uns vorliegenden Informationen Verluste im operativen Geschäft des vergangenen Jahres in Höhe von rund zwei Millionen Euro, die vor allem durch einen starken Einbruch auf dem US-Markt, gesunkene Aufträge und fehlende Ausfuhrgenehmigungen für Sauer-Waffen zustande gekommen sein sollen. Das Eckernförder Unternehmen steht wie berichtet im Fokus staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen wegen des Verdachts nicht genehmigter Waffenlieferungen an Drittländer wie Kolumbien, die über die US-Schwester in Exeter abgewickelt worden sein sollen.

Zwölf der verbleibenden 50 Mitarbeiter sollen in der Fertigung pro Tag 25 Sportpistolen und fünf Sportgewehre produzieren. Rolf Rohde zweifelt daran, dass die Mitarbeiter dieses Pensum schaffen. Denn durch die Entlassungen langjähriger Kollegen sei auch eine Menge Know-how abgeflossen. Die zwölf Mann in der Fertigung verfügten nicht über die nötige Erfahrung und Kenntnis, den Maschinenpark mitsamt der computergestützten Fertigungszentren und unterschiedlichen Programmen steuern und bei Problemen eingreifen zu können. „Das erscheint uns im Moment unmöglich“, sagt Rohde. Er bezweifelt, dass unter diesen Bedingungen die erforderliche Qualität und Genauigkeit in der Fertigung erreichbar sind. „Die Maschinen sind da, aber nicht die Mitarbeiter, die sie rund um die Uhr mit der nötigen Erfahrung steuern können“, sieht Rohde der verordneten verschlankten Produktion mit großer Skepsis entgegen.

Trotz des drastischen Personalabbaus und des Entzugs der Kernkompetenzen in der Lang- und Kurzwaffenproduktion glaubt der Betriebsratsvorsitzende nicht, dass Sig Sauer den Standort Eckernförde komplett aufgibt. Bleiben könnten nach seiner Einschätzung der Vertrieb und die Entwicklung „mit etwas Drumherum“. Der 57-Jährige kann sich nicht vorstellen, „dass Sig Sauer in die Insolvenz getrieben werden soll, sonst hätten sie es schon getan.“ Er bleibt allerdings sehr skeptisch, was die Zukunft als Produktionsstandort betrifft. Der gelernte Maschinenschlosser rechnet damit, „dass wir in einem Jahr nach dem Auslaufen der Beschäftigungssicherung wieder am Tisch sitzen, um über betriebsbedingte Kündigungen zu verhandeln“. Er habe mehrfach vernommen, dass die Geschäftsführung 33 Mitarbeiter als ausreichende Größe der Stammbelegschaft in Eckernförde erachtet.

Die Geschäftsführung selbst hat gestern auf unsere Bitte nach einer Stellungnahme nicht reagiert.

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erstellt am 25.Feb.2015 | 06:48 Uhr

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