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Eckernförder Zeitung

09. Dezember 2016 | 01:05 Uhr

Lesung : Schwere Kost bei Kerzenschein

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

„Zedmanns Versuch, G zu denken“ – Susanne Jensen stellte auf dem Kolonistenhof ihr Buch vor

Neuduvenstedt | „Es ist hardcore, ich warne Sie und teilweise benutze ich auch eine derbe und heftige Sprache”, bereitete Susanne Jensen die rund 25 Zuhörer auf die folgenden zweieinhalb Stunden vor. Die Owschlager Pastorin las aus ihrem psychologischen Erotik-Fantasy-Thriller „Zedmanns Versuch, G zu denken” – die Geschichte eines Pastors in der Lebenskrise. „Marius Maria Zedmann versucht Zeit seines Lebens Fassung zu bewahren. Was in seinem Inneren schlummert, will er ruhen lassen. Aufwühlender Seelenstriptease passt überhaupt nicht in seine Lebenssituation. Sich als Pastor zur Anstellung in das System Kirche einzufügen, beansprucht seine gesamte Aufmerksamkeit. Doch eine SMS bringt alles zum Wanken”, erzählt die Autorin.

Trotz der gemütlichen Kerzenscheinatmosphäre in dem urigen Kolonistengebäude auf dem gleichnamigen Hof in Neu Duvenstedt bekam wohl so mancher Zuhörer Gänsehaut. Es war keine leichte Kost, die es zu verdauen galt. Marius Eltern waren sadistische Psychopathen, die ihre Kinder misshandelten. So musste der zwölfjährige Marius als Strafe fürs Bettnässen Heilig Abend im Keller verbringen. Marius, dessen Seele durch Gewalt zerstückelt wurde, entwickelt eine multiple Persönlichkeit und wird als Erwachsener von furchtbaren Albträumen heimgesucht. Als „Mariofur” schafft er es, nicht zum Täter zu werden, ein persönlicher Sieg. „Ich bin Mariofur”, erläuterte Jensen. Die 53-Jährige berichtete offen von ihren erlittenen Qualen als Missbrauchsopfer und dem Leben mit Schädigungen. „Und doch habe ich es geschafft, einen Zipfel Dankbarkeit zu fassen zu bekommen und mit der Dankbarkeit kommt Zufriedenheit”, so die Theologin. Auch mit der Kunst versuche sie, das Erlebte zu bewältigen. Die Pastorin hatte zu ihrer Lesung „Amazon” mitgebracht, eine von ihr geschaffene Fantasiefigur aus Pappmaschee, mit deren Hilfe sie sich dem Thema Weiblichkeit annähern könne.

Musikalisch begleitet wurde dieser sehr persönliche Leseabend von Matthias Werner am Klavier, der es mit seinen Improvisationen schaffte, den richtigen Ton zu treffen. „Ich kommentiere mit meiner Musik das, was Susanne liest und hoffe, die Gefühle richtig darzustellen”, sagte der Musiker, der den Text genau wie die Zuhörer zum ersten Mal hörte. Die musikalischen Einschübe boten diesen die Gelegenheit, das Gehörte sacken zu lassen. Mit viel Applaus und teilweise auch mit Tränen in den Augen dankten die Zuschauer.

Dorothee Schencke, die extra für diesen Abend aus Hamburg angereist war, lobte: „Ich bin so froh, dass ich gekommen bin. Es war eine grandiose Lesung, die Ausschnitte waren gut gewählt. Es ist toll, dass Susanne Jensen so reflektiert und offen mit dem Thema Missbrauch umgehen kann.”

„Meine Seele wäre zerbrochen, wenn ich das Buch nicht geschrieben hätte”, sagte die Autorin. 923 Seiten des noch nicht vollendeten Romans sind bereits geschrieben, etwa 100 weitere werden noch folgen. Jensen plant, alle Kapitel selbst zu sprechen und das Buch zum Hören online zu stellen (www.stimme-der-opfer). 



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erstellt am 15.Nov.2016 | 05:58 Uhr

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