zur Navigation springen

Eckernförder Zeitung

05. Dezember 2016 | 19:44 Uhr

„Schreiben konnte ich schon immer.“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Für seine Verdienste ums Niederdeutsche erhielt Autor Jürgen Kropp den renommierten Fritz-Reuter-Preis der Carl-Toepfer-Stiftung

Jürgen Kropp entschuldigt sich für das Chaos in seinem Haus. Vor den zum Bersten gefüllten Regalen, welche sämtliche Zimmer beherrschen, stapeln sich weitere Büchertürme. Eigentlich sei er ein Ordnungsfanatiker. Doch gerade sind die Handwerker da, um letzte Hand an die neu angebauten Zimmer zu legen. Es werden: ein neues Gästezimmer, denn das alte steht voll mit was-wohl, und eine zweite Bibliothek. Soweit erfüllt der lebendig-redselige ältere Herr, Jahrgang 55, schon einmal die Erwartungen an einen Preisträger zahlreicher bedeutender Literaturpreise. Vor wenigen Tagen gesellte sich der Fritz-Reuter-Preis zur Sammlung. Wie die anderen Auszeichnungen auch, erhielt Jürgen Kropp ihn für seine Verdienste um die niederdeutsche Sprache.

Ob er das Platt- dem Hochdeutschen vorziehe? „Das kann man so nicht sagen“, entgegnet Kropp und denkt nach. „Lyrik schreibe ich mittlerweile nur noch in Plattdeutsch. Es ist weicher, vollklingender, musikalischer – auch weil es mehr Vokale hat als das Hochdeutsche.“ Letzteres nutze er für die ernsteren Themen.

Ins neue Gästezimmer komme übrigens kein einziges Buch – das habe er seiner Frau versprechen müssen, erzählt Kropp mit einem Lächeln im Gesicht. Eines, das zurzeit leicht zu füllig sei, wie er sich selbst etwas überkritisch tadelt. Er sei eben ein Genussmensch. Bier und gutes Essen versagt er sich ungern. „Meine Frau ist eine hervorragende Köchin.“ Abnehmen hat er sich trotzdem fest vorgenommen. „Mal wieder.“

Betrachtet man die Regalreihen genauer, entdeckt man nicht nur Bücher. Zwischen 20 bis 25000 Exemplaren, wie Kropp schätzt, stehen auch Tausende von CDs. Bach, Beethoven, Schumann – Klassik, wohin man schaut. „Ich schreibe eigentlich nur, weil ich nicht komponieren kann.“ Musik sei ihm im Grunde wichtiger als Literatur. Mit seinen Texten versuche er, Melodien und Klänge in Worte zu übersetzen. Warum er dann nie ein Instrument zu spielen gelernt habe? Trompete habe er einmal angefangen. „Aber ich bin zu ungeduldig. Ich mag nicht üben, ich will’s können. Schreiben konnte ich schon immer.“

Wo Bücher und CDs eine Lücke lassen, hängen neben Skulpturen auch Bilder, die Jürgen Kropp selbst gemalt hat. Aufgewachsen in Büdelsdorf, hatte sich Kropp nach der Schule beinahe für ein Kunststudium entschieden. Es wurde dann 1974 doch Literatur und Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Kiel. Hier lernte er auch seine spätere Frau Karin Benoit kennen. Mann, Bernhard, Goethe waren seine Einflüsse. Und natürlich Klaus Groth, der große niederdeutsche Lyriker. „Durch ihn habe ich überhaupt erst mitgekriegt, dass man auch plattdeutsch schreiben kann.“ Groth war denn auch der Auslöser für Kropp, selbst mit dem Platt Schreiben anzufangen.

Opern- und Theaterbesuche, erste dramaturgische Arbeiten am Schauspielhaus – das Studium zog sich dementsprechend in die Länge. 1985 wurde Kropp für einige Jahre leitender Dramaturg am Waldau-Theater in Bremen, Anfang der 90er Chefredakteur der Bremer Kulturzeitschrift Zett, bevor er in seinen heutigen Wohnort nach Blickstedt zog und sich ab 1994 ganz aufs freie Schreiben konzentrierte.

Seitdem hat er neben Prosa und Lyrik zahlreiche Stücke verfasst, die in In- und Ausland gespielt wurden: „De dulle Greet“, „Över Kopp“, „Kalle alaaf oder Karneval in Büggelsdörp“ – vor allem Platt, vor allem Komödien. „Da muss man auch auf’s Geld gucken. Mit dem Plattdeutschen habe ich mehr Erfolg. Und es gibt wenig Freunde der anspruchsvollen Literatur beim Niederdeutschen. Die Leute verbinden damit Heiterkeit.“ Auf der Bühne fürs Publikum, in Prosa und Lyrik das, was ihn bewegt. „Das ist auch manchmal böse, bitter und traurig.“ Die Menschen, die nur seine Bühnenstücke kennen, seien geschockt, wenn sie in seiner Lyrik auf Themen wie Altern, Erotik, Verlust, Tod stoßen. Einer seiner Texte erzählt das Ende von Muammar al-Gaddafi – mit Fokus auf den Menschen, nicht den Staatsmann. Politisch habe Kropp früher mitunter geschrieben. Sein Interesse dafür sei auch heute noch da. „Aber ich habe resigniert, angesichts der Weltlage: Putin, Orban, Trump, Klimawandel – sinnlos, dagegen anzuschreiben.“

Kropp versetzt sich lieber in Figuren als in große politische Ideale. „Wenn ich schreibe, sehe ich die Figuren agieren und sprechen. Manchmal habe ich Schwierigkeiten, schnell genug mitzuschreiben.“ Kropp durchlebt Wut, Trauer, Angst und Freude mit seinen Schöpfungen. Doch Stücke dieser Art würden heute kaum noch umgesetzt. Den Regisseuren gehe es meist nur noch um Weltanschauungen, Parolen, Klamauk. Echte Handlung oder Gefühle kämen kaum noch vor. Alles werde ironisch gebrochen, „Der Film leistet heute das, was das Theater mal machte. Es zeigt Geschichten von Menschen.“

So ist es auch „sein großer Schmerz“, dass sein ihm liebstes und seiner Einschätzung nach bestes Stück seit Jahren vergeblich auf seine Uraufführung wartet. Die hochdeutsche Tragikomödie „Acapulco“ handelt von zwei alten Männern, die im Moment, da sie sich endlich ihren Lebenstraum erfüllen könnten, merken, dass es dafür zu spät ist.

Für das Stück indes besteht noch Hoffnung. Ein neuer Verlag hat Interesse gezeigt. Das Beste von Jürgen Kropp mag also erst noch kommen.


zur Startseite

von
erstellt am 03.Jun.2016 | 13:21 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen