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Eckernförder Zeitung

04. Dezember 2016 | 07:14 Uhr

Schlägerei unter Flüchtlingen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Angeklagter kam direkt aus der Justizvollzugsanstalt

Vollbesetzte Besucherstühle, Befragung auf Deutsch, Antworten auf Russisch, Dari und Arabisch – Richterin und Staatsanwältin im Amtsgericht Eckernförde waren am Montag gefordert. Verhandelt wurde ein Verfahren wegen Körperverletzung in einem ehemaligen Hotel in Owschlag, das vor knapp zwei Jahren in eine Asylunterkunft ungebaut wurde. Dort sind zurzeit 76 Personen aus 10 Nationen untergebracht. Unter den Zuhörern befanden sich auch deutsche ehrenamtliche Helfer der Asylunterkunft. Angeklagt war ein 28-jähriger Moslem aus Russland. Ihm wurde vorgeworfen, am Abend des 13. April 2016 einen ebenfalls in der Asylunterkunft wohnenden 18-jährigen Afghanen in eine Prügelei verwickelt und ihn an Kopf und Oberkörper verletzt zu haben. Da der Angeklagte wegen eines anderen Delikts in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Neumünster einsitzt, kam er direkt aus der JVA. Zwei Polizisten saßen auch während der Verhandlung in seiner unmittelbaren Nähe. Da der Angeklagte nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügt, stand ihm ein vereidigter Dolmetscher zur Seite, der die Fragen der Richterin simultan übersetzte. Schon Monate vor dem Tattage sei die Situation sehr angespannt gewesen, erklärte der Angeklagte, es habe ständig Konflikte mit dem jungen Afghanen gegeben. Er habe sich an den Leiter der Einrichtung gewandt und am Tattag selbst sogar die Polizei aufgesucht und gesagt: „Ich kann da so nicht weiterleben.“ Doch die habe ihn unverrichteter Dinge zurückgeschickt. Am 13. April habe er Besuch von Landsleuten gehabt. „Meine Nerven waren angespannt. Ich war an den Grenzen meiner Möglichkeiten. Er (der Afghane) hat mich an der Schulter angerempelt“, berichtete er. Er habe sich verteidigen müssen. „Ich gebe auch zu, dass ich ihn während der Auseinandersetzung geschlagen habe“, sagte er. Unter den Besuchern saß auch seine nach muslimischem Recht angetraute junge Ehefrau, die die Verhandlung mit Tränen in den Augen verfolgte und nicht verstand, dass sie nach der Verhandlung keinerlei Kontakt zu ihrem Mann aufnehmen durfte.

Auch der Geschädigte hatte einen Simultandolmetscher an seiner Seite, da er auf Dari sprach. Entgegen den Aussagen des Angeklagten beteuerte er, dass auch die Landsleute des Angeklagten sich an der Schlägerei beteiligt hätten. Sie hätten nach Ende des Deutschkurses auf ihn gewartet: „Er und seine vier Freunde haben mich gemeinsam geschlagen“, sagte er. Auch er sei im Vorfeld zur Polizei gegangen und habe von der Bedrohung erzählt. Es sei nichts geschehen.

Zwei Tage vor der Tat habe der Angeklagte seinen Bruder am Kragen gepackt und seine Ehre beschmutzt. Ein Betreuer habe ihn beruhigt, nichts zu unternehmen. Häufiger habe der Angeklagte zu ihm gesagt, dass er mit ihm kämpfen wolle, doch er sei ihm stets ausgewichen – bis zum 13. April. Die Staatsanwältin meldete Zweifel an der Darstellung und an der Schwere der Verletzung an. Wenn der Flur nur einen Meter breit sei und fünf Leute auf ihn eingeschlagen haben, wie habe er dann einfach so fliehen können? Vor der Befragung eines Mitarbeiters des Sicherheitsdienstes, der am Tatabend Dienst hatte, musste die Verhandlung unterbrochen werden. Ein Zuhörer hatte unerlaubterweise ein Handy-Foto vom Angeklagten gemacht. Die Richterin forderte ihn auf, es vor den Augen der Polizisten zu löschen. Den Vorfall selbst habe er nicht gesehen, sagte der 53-jährige Sicherheitsangestellte aus Kropp. Er und andere freiwillige Betreuer der Unterkunft hätten um kurz nach 21 Uhr rund 40 Leute auf dem Flur gesehen. „Es wurde erzählt, dass der Angeklagte auf das Opfer mit weiteren vier Leuten eingeschlagen hat“, berichtete er. Wie die Situation nach dem Vorfall gewesen sei, wollte die Richterin wissen. „Danach war eigentlich alles wieder ruhig“, so der der 53-Jährige. Ein weiterer Zeuge, ein Armenier, sagte, dass nur der Angeklagte und der Geschädigte gekämpft hätten. Einzelheiten habe er nicht sehen können, da alles viel zu schnell gegangen sei. Um weitere Zeugen zu hören, setzte die Richterin einen zweiten Termin fest. Nach der Verhandlung wurde der Angeklagte in Begleitung der Polizei in die JVA Neumünster zurückgefahren. Andreas Betz, Amtsdirektor Hüttener Berge, betonte, dass dieser Vorfall ein absoluter Einzelfall sei. Ansonsten verlaufe alles sehr friedlich in der Asylunterkunft.

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