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Eckernförder Zeitung

03. Dezember 2016 | 05:40 Uhr

Prägung – Erinnerungen an den Klassenlehrer

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Später Dank an einen außergewöhnliche Pädagogen, der bei seinen Schülern Wissensdurst entfachte

Je älter wir werden, desto größer wird der Berg an Erinnerungen dem wir uns jetzt neugierig nähern. Vieles davon haben wir verdrängt oder auf der Müllhalde der Vergesslichkeit deponiert. Manches an Erinnerungen bleibt abrufbar und dient meist einem vergleichenden bisweilen amüsierenden - beileibe nicht immer angenehmen - Blick auf die abgeflossenen Jahre. Nur ganz wenige Erinnerungen blieben so präsent, ohne etwas von ihrer Wirkung im Verlauf der Jahre einzubüßen. Von einer solchen soll hier die Rede sein: vom alten Klassenlehrer, wobei der Begriff „alt“ der Schülerperspektive entstammt denn heute sind wir, seine ehemaligen Schüler, älter als er es damals war.

Damals. Unmittelbare Nachkriegszeit. Heute kaum noch vorstellbar: Schichtunterricht, eine Schule nur für Jungen, an der es weder Lehrerinnen noch Mitschülerinnen gab. Was Koedukation bedeutete stand im Lexikon. Etliche Lehrer taten sich außerdem schwer mit der für sie neuen gesellschaftlichen wie politischen Realität.

Das Verhältnis Schüler/Lehrer soll hier nicht neu definiert zu werden. Seit der Antike blieb es unverändert: Der eine lehrt, der andere lernt. Dabei geht es nicht nur darum Wissen zu vermitteln, sondern auch um Werte weiterzugeben. Das Wer und das Wie entscheiden über den Erfolg des Lernens wie des Lehrens.

Doch zurück zum Klassenlehrer. Ich kann es nicht genau sagen, wann sich sein Bild in meine Gedanken schob. Ein konkreter Anlass lässt sich nicht finden. Er steht plötzlich wie eine mystische Erscheinung so nahe vor mir, dass ich mit ihm sprechen könnte wohl auch möchte. Stattdessen versuche ich, mich dem Geheimnis seiner Person zu nähern. Er musste bereits vor Kriegsbeginn Soldat werden, nachdem er gerade erst sein Studium abgeschlossen hatte.

Ihm lag das Soldatische fern; er fühlte sich zum Pädagogen berufen.
Er brauchte keinen Auftritt, wenn er in die Klasse kam. Er war einfach da. Er verschaffte sich keinen Respekt. Er hatte ihn. Ein Mensch, an den man sich auch noch nach 60 Jahren dankbar erinnert, muss es verstanden haben, jedem seiner Schüler nahe zu sein und dennoch Distanz zu wahren mit dem gegenseitigen Respekt als Puffer. Er behandelte uns nach dem, was sein Gefühl, seine Menschenkenntnis ihm eingaben und das zu unserem Vorteil.

Methodische Hilfsmittel, die angeblich die Leistungsbereitschaft der Schüler fördern sollen, setzte er nicht ein. Er brauchte sie einfach nicht. Weder benahm er sich arrogant in Form übersteigerter Anforderungen noch strafte er mit schlechten Noten. Beides geht oft mit pädagogischem Unvermögen einher. Dieser Lehrertyp rettet sich in Methodik, einer Maske hinter der er verschwinden kann.

Er hingegen entfachte Wissensdurst. Wir lernten aus Neugier. Meine Lebenserfahrung lässt den Schluss zu, dass keineswegs jeder dazu berufen ist, Lehrer zu werden. Manchem meiner Lehrer wünschte ich, er hätte eine andere Berufswahl getroffen. Eine Tatsache ragt verallgemeinernd aus dem Verhältnis Schüler/Lehrer hervor: Lehrer stellen mit ihrer Beurteilung die Weichen für ganze Lebensbiographien, vom Gelingen bis zum Misslingen. Prägung wäre das richtige Wort dafür. Dahinter verbirgt sich ein hohes Maß an Verantwortung. Was aus den einstigen Schülern wurde erfahren Lehrer selten, eher nie.

Von meiner Schulzeit blieb „er“ mir als einziger erinnerungswürdiger Lehrer im Gedächtnis. Alle anderen blieben für mich farblos. Dieser, der alte Klassenlehrer, hingegen prägte, indem er uns, seinen Schülern, Zeit lies, unsere Identität auszuformen und so viel Fachwissen aufzunehmen, das noch weit in das Studium hineinreichte. Dafür konnte ich ihm erst spät „danke“ sagen, als ich sein Grab besuchte.

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erstellt am 17.Aug.2016 | 06:50 Uhr

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