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Eckernförder Zeitung

04. Dezember 2016 | 21:22 Uhr

Neue und fremde Heimat Eckernförde

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Leben auf 3,5 Quadratmetern / Beschlagnahmungen und Einquartierungen / Kochen mit Brennhexen und auf den Feldern wird „gestoppelt“

Als jemand, der sich Eckernförde sehr verbunden fühlt, las ich mit großem Interesse eine Veröffentlichung der Heimatgemeinschaft des Altkreises Eckernförde zum Thema „Neu und fremd in Eckernförde“. Es beginnt mit der Arbeit einer Studentin der Kieler Universität über die Wohn- und Lebensverhältnisse der Flüchtlinge und bietet hiermit eine gute Einführung in das Thema. Die Behörden und die hiesige Bevölkerung mussten sich nicht nur mit den Flüchtlingen aus den Ostgebieten auseinandersetzen, sondern auch mit den Evakuierten, die vor den Bombenangriffen flohen und der speziellen Situation der Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen. Das führte zu der Situation, das Ende 1945 jeder Person mindestens 3,5 Quadratmeter Wohnraum zustand, Jugendlichen und Heranwachsenden zwischen einem und 14 Jahren die Hälfte, Kleinkinder wurden nicht eingerechnet. (Zum Vergleich dazu: 2013 lebte eine in Deutschland wohnhafte Person auf durchschnittlich 45 Quadratmetern.) Der Zustrom führte zu Einquartierungen und Lagern, was in vielen Fällen auf Widerstand stieß.

1946 gab es in der Stadt Eckernförde einen Fall, in dem die Wohnung einer vermutlich alleinstehenden Person zugunsten einer Flüchtlingsfamille beschlagnahmt wurde, da letztere keine Einrichtung besaß, inklusive der Möbel.
Im Folgenden werden Erlebnisse von Zeitzeugen geschildert, gewonnen aus Interviews und Tagebuchnotizen.

Ein Mann hat seine Ankunft in Eckernförde nie vergessen, er kam mit seiner Mutter und drei Geschwistern an. Seine Mutter stellte dem Busfahrer zwei kurze Fragen: Ist dies die Ostsee? Gibt es hier eine Oberschule?

Nachdem beide mit einem Ja beantwortet wurde, sagte sie: Kinder, aussteigen! Auf diese zupackende Art brachte sie ihre Kinder durch die schwierige Zeit, obwohl sie sich später noch um ihren schwerkranken Mann kümmern musste, bis er verstarb.

Die Zeitzeugen berichten über eine bedrückende Enge, sowohl in den schnell errichteten Lagern als auch in den zugewiesenen Quartieren. Die Schule wurde zum Flüchtlingslager, der Unterricht fand in Kinos, Cafés und anderen Lokalitäten statt. Es gab Schulklassen mit mehr als 90 Schülern. Der heutige Waldorf-Kindergarten im Pastorengang in Eckernförde nahm verlorene oder elternlose Kinder auf.

Es war schwierig, Heizmaterial zu bekommen, die Wälder waren wie leergefegt und es kam zu illegalen Baumfällungen. In vielen Wohnungen befanden sich sogenannte Brennhexen, die zum Kochen und Heizen verwendet wurden. Krankheiten wie Typhus, TBC und Ungeziefer wie Läuse und Flöhe verbreiteten sich unter diesen Umständen. Schwierig war auch die Beschaffung der Lebensmittel, um alle Familienmitglieder satt zu bekommen. Die englische Verwaltung legte den Tagesbedarf einer erwachsenen Person mit 1040 Kilokalorien fest, was automatisch eine Diät für alle bedeutete. Dies erklärt, warum der später füllige Gert Fröbe in seinen ersten Filmen so schmächtig erschien. Viele Männer konnten wegen allgemeiner Erschöpfung und/oder mangelhafter Ernährung in der Gefangenschaft für schwere Arbeiten nicht eingesetzt werden.

Auf den Feldern von Windeby und Altenhof wurde „gestoppelt“, das heißt nach der Ernte das geborgen, was übrig war. Weizenähren, Kartoffeln, ja abgebrochene Wurzelspitzen der Zuckerrüben wurden aufgelesen oder ausgegraben, abends haben ganze Familien Weizen gedroschen, das heißt die Körner aus den Ähren gepuhlt. Die Wurzelspitzen wurden gesäubert, gekocht, ausgepresst und zu Sirup verarbeitet. Wer Glück hatte, bekam Care-Pakete aus den USA.

Jemandem, der – wie ich – später aufwuchs, kommt es wie ein Wunder vor, dass es den Menschen gelang, an diesen Verhältnissen nicht zu verzweifeln, zu resignieren, sondern in den Wiederaufbau und das sogenannte Wirtschaftswunder durchzustarten.

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erstellt am 12.Okt.2016 | 09:39 Uhr

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