zur Navigation springen

Eckernförder Zeitung

23. März 2017 | 01:28 Uhr

Nepomuk, der stille und treue Gast aus Griechenland

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Wie sich eine Griechische Landschildkröte in einem Groß Wittenseer Garten zurechtfindet

Seit 42 Jahren haben wir in unserer Familie als Lebenspartner eine Griechische Landschildkröte. Einer unserer Söhne brachte sie aus der Schule mit. Sie war seiner Religionslehrerin zugelaufen, die eine Bleibe für sie suchte. Unser Sohn, sieben Jahre alt, meinte, unsere Familie sei besonders gut geeignet, ihr eine Zukunft zu bieten. Dabei waren wir als Städter völlig unerfahren in der Haltung von Tieren. Aber nun war sie da und wir beschlossen sie in unsere Familie aufzunehmen.

Wir kannte nicht die Bedürfnisse eine Schildkröte und versuchten uns in einem Konversationslexikon das nötige Wissen zu verschaffen. Dort erfuhren wir zwar nicht, wie diese Tiere ernährt werden müssen, stattdessen aber, dass sie zur Gattung der Reptilien, zu den Kriechtieren, gehören.

Bei Reptilien denkt man eher an Schlangen oder Krokodile, die einem aus der Ferne bedeutend lieber sind. Unsere Schildkröte wirkte jedoch brav und ungefährlich. Ehrfürchtig lasen wir weiter, dass die Schildkröten in der chinesischen Kosmologie zu den fünf heiligen Tieren gehören, in der hinduistischen Religion und der griechischen Mythologie eine Rolle spielten und ihre Galle seit alters her ein beliebtes Heilmittel war bei Epilepsie, Augen-, Hals- und Ohrenleiden. Sie verdiente also größten Respekt.

Da unser Neuzugang nicht anonym bei uns wohnen konnte, wurde er von den Kindern getauft. Er bekamt den Namen Nepomuk nach einem Drachen der nicht Feuer speien konnte und in einem ihrer Kinderbücher eine Rolle spielte. Er hatte damit auch den Namen eines Heiligen, der nicht bereite war, das Beichtgeheimnis zu brechen und wegen seines Schweigens umgebracht worden war. Auf die Verschwiegenheit unseres Nepomuks konnten wir uns verlassen.

Schildkröten sind sehr unternehmungslustig. Es gelang unserem Nepo, das wurde sein Rufname, immer wieder, aus unserem damaligen Garten auszubüchsen. Wenn wir dann mit gesenktem Blick durch die Nachbarschaft liefen und „Nepo, Nepo!“ riefen, zweifelten manche bereits an unserem Verstand.

Heute haben wir einen Garten, aus dem er nicht entwischen kann. Er lebt dort das ganze Jahr. Im Oktober gräbt er sich unter einer Tanne ein, und im April erscheint er wieder. Wenn wir ihn rufen, kommt er sofort. Er begleitet uns bei unseren Gartenarbeiten auf Schritt und Tritt. Dabei hat er die gleiche Freude an Blumen wie wir, doch auf andere Art – er frisst sie.

Damit er Gesellschaft hat, haben wir auch mal versucht, ihm ein weibliches Wesen zuzuführen. Die hat er aber so rüde behandelt, dass wir um deren Leben fürchteten und sie wieder trennten. Inzwischen wurde uns gesagt, diese unfreundliche Behandlung einer Dame gehöre zum Liebesspiel.

Die Kinder sind seit Jahrzehnten aus dem Haus und so sind die hinterbliebenen Erwachsenen mit der Fürsorge von Nepo betraut. Schildkröten können angeblich über 100 Jahre alt werden. Diese Gewissheit haben wir Menschen leider nicht. So müssen wir uns über die Zukunft von Nepo bald Gedanken machen.

zur Startseite

von
erstellt am 11.Sep.2014 | 15:38 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen