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Eckernförder Zeitung

06. Dezember 2016 | 22:54 Uhr

Flucht : Mutige Kämpferinnen für ihre Träume

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Was kommt nach der Flucht? Impulstag auf der Suche nach Antworten für die Integration weiblicher Flüchtlinge im Kreisgebiet

Sie fliehen vor Hunger, Krieg und sexueller Gewalt. Sie kommen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, dem Iran, Armenien und dem Jemen. „Je weiter ihr Weg ist, desto gefährlicher ist die Flucht“, sagt Andrea Dallek. Besonders für alleinreisende Frauen „ist sie eine Katastrophe“, zitiert die Soziologin vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein eine Frau, die ohne Mann und Familie nach Sicherheit suchte. Doch auch während der Flucht sei sie sexualisierter Gewalt ausgesetzt gewesen. Und suchen Frauen in Italien Asyl, kann es sein, dass sie dort zur Prostitution gezwungen werden, erklärte Claudia Rabe von „contra“, der Fachstelle gegen Frauenhandel, am Mittwoch beim Impulstag „Flucht – und dann“, auf dem Fluchtursachen und Perspektiven für Frauen im Kreis Rendsburg-Eckernförde beleuchtet wurden.

Auf die Frage, was ihr geholfen habe, nach Deutschland zu kommen, antwortete Nadia Haddash: „Dass ich Glück hatte“. Sie legte zwar keine gefahrvolle Route zurück, doch die junge Frau musste mutig für ihren Lebenstraum kämpfen – und der heißt: „Ich wollte zur Schule gehen und arbeiten.“ Etwas, dass in der jemenitischen Welt nicht vorgesehen ist. Auch sie sei mit einem ungeliebten Cousin verlobt gewesen, erzählt Nadia Haddash. Aber sie sagte „Nein“, etwas, das jemenitische Frauen nach ihrer Aussage nicht lernen. Als sie später erreicht hatte, dass sie studieren durfte, wählte die Familie das Studienfach „Business Administration“. Die Begründung: Dann könne sie eine gute Sekretärin werden. Aber die junge Frau, die nach nur 18 Monaten ausgezeichnet Deutsch spricht, schrieb sich heimlich für den Bereich Medien ein und überraschte die Familie mit dem Master in diesem Fach und einem Stipendium vom Goethe-Institut in Berlin.

Auch Farzaneh Vagdy-Voß hatte eine qualifizierte Ausbildung, engagierte sich politisch im Iran. Kurz vor dem Mauerfall kam sie mit ihrem sechsjährigen Sohn nach Deutschland. „Ich habe mich sehr verloren gefühlt“, erinnert sie sich an ihre Ankunft. Vor allem, weil es damals keine Beratungsstellen, keine Wegweiser und wohl auch nur wenig hilfsbereite Menschen in den Behörden gab. Aber auch sie war und ist eine Kämpfernatur, studierte Jura, engagiert sich im Flüchtlingsrat. Fünf Jahre musste sie warten, bis ihr Asylantrag anerkannt war und sie arbeiten konnte. Fünf Jahre, die sie zwar nicht als verloren bezeichnet, aber die sie gern sinnvoller verbracht hätte.

Inzwischen haben sich die Beratungsstrukturen „enorm verbessert“, erkennt Farzaneh Vagdy-Voß an. Sie selbst leitet zur Zeit das Projekt „Integration durch Qualifikation“ in Schleswig-Holstein. Denn Sprache und Arbeit, darin waren sich die Beteiligten an diesem Nachmittag einig, sind die Schlüssel zur Integration. „Wenn Integration allerdings bedeutet, dass ich Fan der deutschen Fußballmannschaft bin und Sauerkraut esse – dann bin ich nicht integriert“, erklärte Vagdy-Voß mit einem Augenzwinkern.

Was speziell für geflüchtete Frauen getan werden kann, wurde anschließend im Hohen Arsenal in Rendsburg diskutiert. Eingeladen zu dem Impulstag hatten übrigens die Gleichstellungsbeauftragten Silvia Kempe-Waedt von der Kreisverwaltung und Edith Berkau, Stadt Rendsburg in Kooperation mit dem Flüchtlingsrat und der Heinrich-Böll-Stiftung. Ein Anliegen gab Farzaneh Vagdy-Voßden Beteiligten mit auf den Weg: „Flüchtlinge sollten nicht als arm angesehen werden. Wir brauchen kein Mitleid, sondern Verständnis.“

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erstellt am 13.Mai.2016 | 07:06 Uhr

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