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Eckernförder Zeitung

26. Februar 2017 | 20:15 Uhr

Literarische Aufarbeitung der Familiengeschichte

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Lesung der Brekendorfer Autorin Helga Brehr in der Siegfried-Werft aus ihrem neuen Roman „Mutter, was hast du verschwiegen?“

Gibt es Themen wie traumatische Erlebnisse, Verhaltensweisen oder Ängste, die sich über Generationen hinweg in einer Familie fortsetzen? Gibt es einen Wiederholungszwang? Leben die Schrecken eines Krieges in den Neugeborenen weiter? Diese Fragen bewegten am Mittwochabend alle Zuhörer von Helga Brehr. Die Brekendorferin hatte zur Lesung ihres neuen Romans „Mutter, was hast du verschwiegen?“ in das Obergeschoss der Siegfried-Werft eingeladen. Der kleine Raum war bis auf den letzten Platz hauptsächlich von Frauen besetzt.

Die Familiengeschichte, die Helga Brehr in ihrem Roman erzählt, beginnt Ende 1913, wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, mit der Geburt von Julia im westfälischen Hagen und endet 70 Jahre später mit einer Erkenntnis auf der Nordsee-Insel Amrum ihrer Tochter Stefanie (36), die als Ich-Erzählerin auftritt. Das Geschehen spielt sich zwischen zwei Familien ab. Da sind auf der einen Seite Julias Eltern, der auf preußischen Gehorsam bedachte Vater Gottlieb und die Mutter Elisabeth, deren Intelligenz und Gutherzigkeit von niemandem in der Familie wahr genommen wird, und ihre älteren Brüder. Auf der anderen Seite ist die Familie ihres späteren Ehemannes Ferdinand, dessen Eltern Wolfgang und Erna sowie ihr Schwager Stephan. Julia bringt 1947 die Tochter Stefanie zur Welt. Dem Baby verweigert sie von Anfang jegliche Mutterliebe.

Der Roman beginnt kurz nach dem 33. Geburtstag der Ich-Erzählerin. Viele der Zuhörer halten den Atem an, als Helga Brehr liest: „Warum sehe ich immer wieder Panzer, Granaten, Maschinengewehre? Warum liege ich in Schützengräben, renne durch zerstörte Wälder, verkrieche mich in Wäldern? Warum sehe ich mich im Traum absichtlich auf feindliche Linien zulaufen, spüre den Wunsch, den Tod zu finden?“ Albträume plagen Stefanie, deren Herkunft sie sich nicht erklären kann. Sie, die verheiratet ist und ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann hat, beginnt, ihre Familiengeschichte zu erforschen und stößt dabei auf so manches Geheimnis.

Die Beschäftigung mit der Schweizer Psychologin Alice Miller habe sie auf die Idee gebracht, sich dem Thema Fortsetzung von Familienthemen über Generationen hinweg zu nähern, verrät die Autorin den Zuhörern. Aber den Anstoß, den Roman tatsächlich zu schreiben, habe der Refrain eines Liedes der griechischen Sängerin Charis Alexiou gegeben, der auf Deutsch lautet: „Was hast du mir nicht gesagt, was hast du mir verheimlicht, wen hast du geliebt, Mutter, wen hast du vermisst? Wie wirst du dich befreien? Wie wirst du mich befreien? Mutter, liefere mich nicht deinem Schicksal aus!“ „Als ich dieses Lied gehört hatte, da wusste ich: Jetzt will ich den Roman schreiben, der mir schon so lange im Kopf herumschwirrte“, sagt Helga Brehr.

Das Buch sei keine Autobiografie, trage wohl aber Züge ihrer eigenen Lebenserfahrung, so die Brekendorferin. Wie die Hauptfigur Stefanie wurde auch Brehr 1947 geboren, ebenfalls in Westfalen (Hamm). Das Foto auf dem Einband zeigt ihre Mutter Elfriede Anfang 30.

Die Offenheit, mit der die Zuhörer im anschließenden Gespräch mit der Autorin von ihren eigenen Ängsten und Albträumen erzählen, ist entwaffnend. Eine Frau berichtet von ihrem immer wiederkehrenden Traum, erschossen zu werden. Erst als erwachsene Frau erfährt sie, dass der Vater nicht ihr leiblicher ist, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges als Widerständler erschossen wurde. Erst als sie an seinem Grab steht, enden die Albträume. Ein Mann berichtet von seinen Kriegserlebnissen als Vierjähriger und dass er jahrelang als Reaktion auf einen schweren Bombenangriff als Kind und Jugendlicher gestottert habe.

Ereignisse, die entweder selbst oder von Familienangehörigen erlebt wurden, können ein Menschenleben prägen – darüber waren sich alle einig.

> Helga Brehr: Mutter, was hast du mir verschwiegen?, BoD, Norderstedt 2016; www.helga-brehr.de

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erstellt am 14.Okt.2016 | 11:17 Uhr

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