zur Navigation springen

Eckernförder Zeitung

08. Dezember 2016 | 19:21 Uhr

JEDES JAHR IM HERBST : Kultveranstaltung mit Annemarie

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Über 400 Fans hörten am Freitagabend Annemarie Stoltenberg bei ihren Buchvorstellungen zu. Wegen des großen Publikumsandrangs fand die Verabstaltung erstmals in der Stadthalle statt.

Eckernförde | Am Freitag war Annemarie Stoltenberg wieder mit Buchvorstellungen in Eckernförde: Hoch geachtete, mit Vorfreude erwartete und begeistert begrüßte Wiederholungstäterin – denn sie kommt immer wieder in die Fördestadt. Konnte sie vor Jahren noch bei einer solchen Veranstaltung – nach eigener Auskunft – acht Zuhörer begrüßen, so ist inzwischen ihre Fangemeinde so angewachsen, dass die Stadthalle herhalten musste.

Das konnte man sich zunächst schlecht vorstellen: So ein großer Raum, so viele Sitzplätze, und vorne steht eine einzige Frau vor der Bühne und berichtet von Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt?

Und in der Tat, die Realität gab der Literaturkritikerin Recht: Bei recht schütterem Licht stand sie vorn und zog mit ihrer Art, ihrem Können weit über 400 Zuhörer in ihren Bann. Es war fast wie Märchenstunde zu Kinderzeiten. Verzaubert und gebannt lauschte man ihren Ausführungen, die so lebendig gerieten, dass man vieles live vor sich sah – Kopfkino mithilfe von angenehmer Stimme und bildreichen Worten.


Fast wie im Märchen zu Kinderzeiten

Dazu kam eine gehörige Portion Humor und gutmütiges Augenzwinkern. Hier lachten alle gern, wenn gut gesetzte Pointen und Anmerkungen ganz persönlicher Art, „Beichten“ aus dem eigenen Leben, spitzbübische Berichte als Quintessenz wohlwollender Beobachtungen die reinen Inhaltangaben auffrischten.

Annemarie Stoltenberg nimmt die Bücher, die sie ab April für die Herbstvorstellungen aus dem Meer von Angeboten auswählt und dann „durchackert“, selber sehr ernst. Sie entwickelt Empathie für die Hauptpersonen ihrer Bücher, so für „Nora Webster“ (von Colm Tóibin) als gebeutelte, alleinerziehende Mutter mit heftigem Schicksal. Sie lacht sich scheckig über die Rückzugsorte familienbelasteter Männer („Ich bin dann mal im Keller“ von Björn Gabrielsen).

Sie stellt regional Heimatgebundenes vor mit Ingo Platz‘ „Kroppersbusch“ und hat ganz viel zu erzählen von Matthias Brandt, Willi Brandts Sohn. Der hat Außergewöhnliches zu berichten aus seinen Kindertagen, als er bei Nachbar Lübke Zuwendung und bei Freunden in „normalen“ Verhältnissen völlig andere Lebensformen fand, so geschildert in „Raumpatrouille“. Annemarie Stoltenbergs deutliche Zuneigung übertrug sich, man fand sich selber angezündet, hoch konzentriert und zugewandt. Auch der aktuelle Buchpreis-Gewinner Bodo Kirchhoff war mit seiner Novelle „Widerfahrnis“ vertreten. Er begegnet auf einer Sizilienreise einem Flüchtlingskind und erlebt, wie schwer es werden kann, „richtig“ zu helfen.

Ob es eine knirschende Mutter-Tochterbeziehung war, der es an Herzenwärme fehlt („Die Unvollkommenheit der Liebe“ von Elisabeth Strout) oder die Geschichte von der Frau „mit dem viel zu großen Herzen“, die sich im New York der Zwanziger um Obdachlose kümmerte (Jami Attenberg, „Saint Mazie“) – stets ist Annemarie Stoltenberg selbst zu hundert Prozent beteiligt. Sie nimmt sich ihre ausgewählten Autoren zu Herzen, verfolgt deren „Geschichten“ und die Schicksale der Hauptpersonen sehr persönlich. Das macht wohl auch den besonderen Reiz ihrer Erzählweise aus: Sie steht vor ihrer großen Zuhörerschaft, schaut in die Reihen, begleitet ihre Darstellungen mit lebendiger Gestik, lacht, schwärmt und donnert – ist wohl eine grandios begabte Vermittlerin. Wenn sie sagt: „… dieses Buch zu lesen, macht einen einfach glücklich“, dann glaubt man ihr unbesehen. Wie war gleich der Titel? „Das Leben ist gut“ von Alex Capus.

20 Buchtitel, gut zwei Stunden emotionales Erleben – kleine Pause am Büchertisch – und man hätte ihr gern noch weiter zugehört bei „Das Buch vom Meer“ oder bei „Schwedische Gummistiefel“ von Henning Mankell. Aber im nächsten Herbst kommt die bibliophile Verführerin wieder in die Stadthalle, die Liste mit allen Titeln liegt jetzt am Gänsemarkt aus, in der Buchhandlung, die mit Gerd Kiekbusch auch diesen Abend wieder perfekt organisiert hatte.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen