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Eckernförder Zeitung

11. Dezember 2016 | 07:20 Uhr

Kleiner Wannenwichtel und wilde Clubpartys

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Eckernförde | Sie, um die 50, kam alltags, fast täglich, mit einem älteren Mann meines Alters, der im Rollstuhl saß, zu Famila, zum Frühstück. Betreute ihn. Der Alte hustete immer, nicht wenn er rauchte, so auch während des Essens. Nach dem Sport trank ich dort jeden Tag einen Kaffee, auch um mit meinen Leuten zu schnacken. Eines Morgens lag auf einem, der schon abgeräumten Tische ein Portemonnaie. Ich brachte die Geldbörse zur Kassenaufsicht, ohne hineinzusehen, gab sie dort ab.

Tags drauf kam die Betreuerin auf mich zu, bedankte sich für die Abgabe meines Fundes. Sagte: „Herr Zimmermann, (hatte herausgefunden, wie ich hieß), ich weiß gar nicht, wie ich das wieder gut machen kann!“ Meine Antwort: „ Ich schon, gehen sie doch einmal mit mir in die Badewanne.“ Sie verweigerte! Nannte mich Wannenwichtel.

Mitte der 50-er. Eine neue Welt tat sich für uns auf, Schule beendet, jetzt in der Lehre, andere Menschen, andere Aufenthaltsorte, Firma, Berufsschule, unterschiedliche Herkunft, gemeinsame Ziele. Das Freizeitangebot war rar, Kino, Milchbar, Eisdiele, Spielhalle. Letztere nur mit gefälschtem Schülerausweis. Geräte ohne Geldgewinne, nur Freispiele. Wir, die Lehrlinge mehrerer Berufssparten, taten uns zusammen und mieten uns in einem ehemaligen Fabrikgebäude, jetzt umfunktioniert zur Sägeblattschleiferei, drei Kellerräume, die separat zugänglich waren. Wir, angehende Dachdecker, Maurer, Polsterer, Tischler, Elektriker, Autoschlosser, Mechaniker, Kaufleute nahmen uns der Kellerräume an, Materialien auf kleinem Dienstweg, viele fleißige Hände, der Keller wurde zur Disco, die es damals noch nicht gab, wir nannten es Clubraum, gaben uns den Namen Werre-Club, abgeleitet vom nahe gelegenen Fluss. Möbel bildeten neu aufgepolsterte Autositze vom Schrottplatz, ausgesonderte, aufbereitete Einrichtungsgegenstände aller Art. Fußbodenbeleuchtung, Spots, gepolsterte Bar, jeder brachte sich und seinen angehenden Beruf ein. Das Tanzen stand in Vordergrund und natürlich kleine, erste Liebschaften, unserem Alter entsprechend.

Charly war etwas älter, schon ausgelernt, Kaufmann bei Gutberlet, befreundet mit Moni. Moni stets overdressed, immer. War Angestellte in einer Privatbank. Sie trug immer Pumps, Straps, Nylons mit Naht, enge Röcke, Kostüme, Blusen. Die anderen Mädchen Wulli-Pulli, Petticoat, Ballerina. Rockabellas. Alltags war Moni immer da, an den Wochenenden fast nie. Die war immer mit dem Banker unterwegs, ihrem Chef, die Bankgeschäfte schienen gut zu laufen, auch außerhalb der werktäglichen Arbeitszeiten. Wenn wir mit dem Club an Sams- oder Sonntagen etwas unternahmen, war sie nie dabei.

Wenn meine Freundin auch einmal verhindert war (damals gab es noch Familientreffen, sonntags ging es zur Oma oder zu Tante Ilse), tanzte ich mit Charly. Denn wir zwei waren dem Bielefelder Tanzstil verfallen, während die anderen noch rockten. Dieses Tanzen hatten wir aus Sudbrack, (Volkshaus), einem Stadtteil von Bielefeld, wussten damals nicht, dass es der Jive war.

Eines Tages kam Moni gar nicht mehr, keiner wusste weshalb. Auch Charly nicht. Damals war es unüblich mit den Eltern von Freundinnen zu verkehren, Freundschaft war etwas Geheimnisvolles. Dann erfuhren wir, dass Moni beerdigt worden war. Im engste Familienkreis, der Öffentlichkeit entzogen.

Die Ehefrau des Privatbankers hatte ihren Mann, der sehr gewichtig war, nach einem Herzinfarkt ertrunken in der eigenen Badewanne aufgefunden. Unter ihm, durch den schweren Körper ertränkt, Monika.

Den kleinen Tod will jeder sterben. Den großen aber keiner. Aufgrund meines Alters sollte ich über meinen Badewannenwunsch doch noch einmal, allein wegen des Risikos, gründlich nachdenken.


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erstellt am 30.Nov.2016 | 06:27 Uhr

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