zur Navigation springen

Eckernförder Zeitung

08. Dezember 2016 | 13:02 Uhr

Sorgen um den Honig : Kein Honigschlecken

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Imker Harald Jazdzejewski hat seinen Sommerhonig aufgrund einer hohen Pflanzengift-Belastung vernichtet / Kritik an fehlenden Grenzwerten

Die Enttäuschung sitzt tief bei Harald Jazdzejewski. Der Imker aus Kochendorf wird seinen gesamten Sommerhonig, rund 1300 Pfund, vernichten. „Da steckt viel Herzblut und Arbeit drin“, sagt er, sowohl von ihm als auch von den Bienen. Natürlich sei auch der finanzielle Schaden von rund 5000 Euro immens. Über 600 Gläser hatte er schon abgefüllt, als ihm das Laborergebnis ins Haus flatterte. Jedes Glas konnten er und seine Frau daraufhin wieder auskratzen und die Gläser reinigen. In großen Behältern bewahrt Harald Jazdzejewski den Honig in diesen Tagen noch auf, hält ihn mit einer Hängepumpe flüssig und wird ihn dann einer Biogasanlage zum Anfüttern der Bakterien überlassen.

Das Laborergebnis war eindeutig. Bei den zwei Proben, die Harald Jazdzejewski freiwillig von seiner Honigernte abgab, wurde ein PA-Wert von 220, beziehungsweise 420, ermittelt. PA ist die Abkürzung für Pyrrolizidinalkaloide, Giftstoffe, die in Pflanzen, vor allem im Jakobskreuzkraut enthalten sind. Gerade in diesem Jahr wurde das von den Bienen gerne angeflogen wurde. PA können die Leber bei Mensch und Tier schädigen, gelten zudem als krebserregend. Einen gesetzlich verbindlichen Grenzwert in Lebensmitteln gibt es nicht, nur einen Richtwert, und der liegt bei 140 Mikrogramm pro Kilogramm Honig.

Eine Pflicht auf Beprobung unterliegen Imker zudem nicht. „Imker sind die einzigen Lebensmittelproduzenten, die keinerlei Kontrollen unterliegen“, sagt Aiko Huckauf von der Stiftung Naturschutz und Leiter des dortigen Jakobskreuzkraut-Kompetenzzentrums. Ich wünsche mir, dass alle Lebensmittelproduzenten so verantwortungsvoll mit ihrem Produkt umgehen, wie Harald Jazdzejewski und andere Imker“, sagt Huckauf. Er kenne keinen Imker , der einen  Honig mit hohen PA-Werten wissentlich in den Verkehr bringt. Denn auch die Vernichtung des Sommerhonigs hat der Kochendorfer freiwillig veranlasst. Zwingen kann ihn aufgrund einer fehlenden Gesetzeslage dazu niemand. „Eine PA-Belastung ist – anders als bei der Faulbrut – nicht meldepflichtig“, betont Huckauf.

2015 wurde das dreijährige Pilotprojekt „Blüten für Bienen“ ins Leben gerufen. Hier werden systematisch schleswig-holsteinische Sommerhonige auf PA-Belastung erforscht. Imker können freiwillig daran teilnehmen. 2015 war ein gutes Jahr, berichtet Huckauf. Von den 194 Honigproben lagen 97 Prozent unter dem Richtwert von 140. Bei zwei Drittel aller Proben wurden überhaupt keine PA festgestellt. Doch, obwohl für 2016 die Untersuchung noch läuft, wird es anders aussehen, so Huckauf. „Die kalt-nasse Witterung hat dazu geführt, dass es den Bienen an Alternativen fehle. „Kein Summen und Brummen in den Linden, auch der Weißklee fiel fast komplett aus“, sagt Huckauf. Da wurde dann halt das Jakobskreuzkraut von den Bienen angeflogen. Und das befindet sich auch auf Flächen der Stiftung Naturschutz. Auf 1300 Hektar der insgesamt 34000 Hektar der Stiftung wächst Jakobskreuzkraut. Außerdem auf Straßenrändern, Böschungen sowie auf Privatflächen.„Wenn keine naturschutzfachlichen Gründe dagegen sprechen und die Flächen befahrbar sind, dann werden die auch gemäht, um zu verhindern, dass die Bienen zu viel Pollen dieser Pflanze in den Sommerhonig eintragen“, betont Huckauf. Zudem müssen die Imker den Bedarf anmelden, wenn ihnen bekannt ist, dass Jakobskreuzkraut in der Nähe ihrer Stände blüht. Darüber können sie sich über das Imkertelefon (Tel. 0431/210  907  99) informieren. „Wenn keiner betroffen ist, bleibt die Pflanze stehen“, so Huckauf.

In Kochendorf haben nun mehrere Gründe dazu geführt, dass der Pächter einer Stiftungsfläche – rund 400 Meter von Jazdzejewskis Ständen entfernt – nicht mähen konnte. Zunächst spielte das Wetter nicht mit, dann sorgt die Sperrung der Bundesstraße 76 für eine Unbefahrbarkeit der Fläche.

Harald Jazdzejewski sieht dringenden Handlungsbedarf: „Der heimische Honig ist in diesem Jahr hoch belastet und keiner weiß es.“ Auf der einen Seite müsse die Stiftung Naturschutz konsequent dafür sorgen, dass die eigenen Flächen gemäht werden. Aber auch der Gesetzgeber müsse reagieren. Jazdzejewski fordert einen Grenzwert, der deutlich niedriger ist als 140. Da das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt, pro Tag nicht mehr als 0,007 Gramm Pyrrolizidinalkaloide pro Kilogramm Körpergewicht aufzunehmen, kann also ein 60 Kilogramm schwerer Mensch täglich bis zu 0,42µ Pyrrolizidinalkaloide aufnehmen. Da außerdem der statistische Deutsche durchschnittlich drei Gramm (ein knapper Teelöffel) Honig pro Tag isst, ergibt sich ein Maximalgehalt von 140 Gramm Pyrrolizidinalkaloide. „So kann man nicht rechnen“, kritisiert Jazdzejewski. Allein in den Hotel-üblichen Portionspackungen seien schon 20 Gramm Honig drin. „Wenn ich meinen Honig guten Gewissen verkaufe, müsste ich jeden Käufer erst auf die Waage stellen und seine Essgewohnheiten hinterfragen“, so der Kochendorfer, auch Kinder, und dabei beruft er sich auf eine Stellungnahme der Verbraucherzentrale, sollten einen laut Richtwert belasteten Honig nicht verzehren.

Ein Grenzwert würde jeden Imker dazu zwingen, seinen Honig untersuchen zu lassen, sagt Anke Last, Vorsitzende des Landesverbands Schleswig-Holsteinischer und Hamburger Imker, auf Nachfrage der Eckernförder Zeitung. Das könnten sich gerade die Hobbyimker, und das seien weit über 90 Prozent, nicht leisten. Das hätte das Aus der Imkerei zur Folge. Eine Lösung sehe sie aber auch nicht, denn das Sprühen von Glyphosat, könne auch keiner wollen. Eine Hilfe könne aber ein Unterstützungsfonds für betroffene Imker sein.

Das geht Harald Jazdzejewski nicht weit genug. „Ohne einen gesetzlichen Richtwert verkommt der Honig zu einem belastenden Produkt“, so seine Befürchtung.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 24.Aug.2016 | 06:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen