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Kultur : Jiddische Lieder und jüdische Geschichte

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Ulrich George singt jiddische Lieder und gewährt einen Einblick in die jüdische Geschichte

Tüttendorf | Die Basisgemeinde Wulfshagenerhütten hatte Ulrich George aus Kiel zu Gast. Der pensionierte Pastor aus Kiel gibt seit 1981 Konzerte mit jiddischen Liedern, mal heiter, mal nachdenklich. Darüber hinaus gewährt er Einblicke in die jüdische Geschichte in Deutschland und die jiddische Sprache.

„Die Geschichte der Juden nach dem Babylonischen Exil ist eine Geschichte in der Diaspora. Die Gemeinden, die Paulus auf seinen Missionsreisen besuchte, waren jüdische Gemeinden außerhalb Palästinas“, so spannt Ulrich George einen weiten Bogen über zweieinhalb Jahrtausende. Die ersten Synagogen nördlich der Alpen seien bereits im 8. Jahrhundert errichtet worden – in Worms und Speyer. Damit existierten in Deutschland jüdische Gemeinden mindestens so lange, wie christliche. Während Christen den zehnten Teil des Einkommens an die Kirche zahlen mussten, waren Juden davon freigestellt. Das führte zur Gettobildung. Juden lebten vorwiegend unter sich und regelten ihre Angelegenheiten selbst. Antisemitismus führte immer wieder dazu, dass Juden nach Osten weiterwanderten. Nach Osteuropa, wo es nur reiche Fürsten und arme Bauern gab, brachten sie das Bürgertum mit. Jüdische Kinder lernten ab vier Jahren das Alphabet, um die Tora lesen zu können. Deshalb gab es keine Analphabeten unter ihnen. In Osteuropa vermischte sich das Mittelhochdeutsch mit slawischen und einigen hebräischen Worten.

Ab dem 15. Jahrhundert spricht man von der eigenständigen jiddischen Sprache, die zu 80 Prozent aus dem früheren Mittelhochdeutsch besteht.

Die jiddischen Lieder erzählen vom Alltag, von der Liebe, vom Getto, von Verfolgung und Widerstand. Der bekannteste Dichter jiddischer Lieder war der Tischler Mordechaj Gebirtig aus Krakau. Er dichtete über 90 Lieder. 1944 wurde er von der SS erschossen. Nach der Gründung des Staates Israel wurde über jiddisch als Amtssprache diskutiert. Der junge Staat entschied sich dagegen, denn jiddisch war die Sprache der Besiegten.

Beeindruckend ist auch die persönliche Geschichte von Ulrich George mit dem Liedgut der osteuropäischen Juden. Er hörte den Hit „Donna Donna“, gesungen unter anderem von Bob Dylan und Joan Baez, im Radio in einer ihm unbekannten Sprache – in jiddisch. „Das Lied, das Millionen Menschen meiner Generation mitsangen, war ursprünglich ein jiddisches Lied.“ Der Text berührte ihn. Er beschäftigte sich damit. „Donna“ war in Wirklichkeit die Kurzform von Adonai (Mein Herr), dem Gottesnamen, wie er in der jüdischen Bibel verwendet wird. Die Geschichtedes Liedes ist die der Zwiesprache eines Kälbchens mit dem Bauern, der es zur Schlachtbank führt. Das Kälbchen fragt, warum es sterben muss, während die Vögel in Freiheit fliegen können. Der Bauer antwortete, dass es auch fliegen könnte, wenn es ein Vöglein geworden wäre. Diese Geschichte ließ ihn nicht los. Er lernte die jiddische Sprache und begann Konzerte mit jiddischen Liedern zu geben, – in Deutschland, später auch in Israel und Polen. Bei einem Konzert Anfang der neunziger Jahre in Hamburg lernte er den jüdischen Kunstschmied Moritz Tuch kennen. Tuch bedankte sich dafür, dass er zum ersten Mal nach dem Krieg seine Muttersprache wieder gehört habe. Als Zwölfjähriger hatte der in Polen aufgewachsene den Hungerbunker von Auschwitz überlebt. Nach der Befreiung kehrte er in seine alte Heimat zurück, floh aber bald vor dem Antisemitismus im Nachkriegspolen – ausgerechnet nach Deutschland. Aus Dankbarkeit schenkte ihm Moritz Tuch eine Menora – einen siebenarmigen Leuchter, der als eines der wichtigsten Symbole des Judentums gilt. Diese von Tuch selbstgeschmiedete Menora wurde auch in Wulfshagenerhütten entzündet, denn sie begleitet Ulrich George auf allen seinen Konzerten.

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erstellt am 19.Jan.2017 | 06:56 Uhr

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