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Eckernförder Zeitung

05. Dezember 2016 | 19:45 Uhr

Lesung im Baltic Sea International Campus : „Jeder von uns kann zum Mörder werden“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Axel Petermann liest aus „Der Profiler“. Einblicke in 40-jährige Tätigkeit als Experte für ungeklärte Mordfälle.

Eckernförde | Beinah wirkte die Räumlichkeit der Galerie 66 auf dem Gelände des Baltic Sea International Campus Eckernförde mit ihrer hohen Decke und den weißen Wänden wie ein Seziersaal der Gerichtsmedizin aus einem Kriminalfilm, als Axel Petermann die Lesungsbühne betrat. Stilecht hatte er diesen zur Veranschaulichung seines Tätigkeitsbereiches mit der Nachstellung eines kriminalistischen Fundortes dekoriert. Eine weibliche Schaufensterpuppe lag als Leiche gekleidet auf dem Bühnenboden, um sie herum lauter bereits nummerierte Fundstücke. So sieht also der gemeine Arbeitsplatz eines Fallanalytikers, oder wie auf Neudeutsch heute gerne gesagt wird, eines „Profilers“ aus.

„Der Profiler – ein Spezialist für ungeklärte Mode berichtet“ lautet auch der Titel seiner neusten Publikation, aus der Petermann unter am vergangenen Sonnabend las.

Seiner Lesung, die angereichert mit zahlreichen Kommentaren und Erklärungen war, schickte Petermann seine, ihn bei seiner Spurensuche stets begleitende Arbeitshypothese voraus, dass „jeder von uns zum Mörder werden kann, selbst eine vereidigte Dolmetscherin.“ Denn, so Petermann weiter, „Menschen töten aus unterschiedlichsten Motiven.“ Petermann war es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die reale kriminalistische Arbeit wenig romantische Anleihen bereit hält, wie jene filmische Realität von Kriminalfilmen. Die einzige Übereinstimmung, so der Spezialist, bestehe darin, dass seinen Ermittlungen als auch den Ermittlungen in den fiktiven Fällen des kriminalistischen Genres ungeklärte Fälle zugrunde liegen, die es aufzuklären gilt.

Aus seiner 40-jährigen Tätigkeit stellte Petermann in seinem Buch eine Auswahl von spektakulären Fällen vor, die entweder medial starkes Interesse hervorgerufen haben oder die ihn persönlich besonders stark beschäftigt haben. Einer dieser Fälle ereignete sich in den 70er-Jahren im Bremer Stadtgebiet und drehte sich um die Ladenbesitzerin Wilhelmine Breuer, eine ältere Dame. Sie wurde kaltblütig ermordet in ihrem Tante-Emma-Laden aufgefunden, vom Täter fehlte jede Spur. Schnell glaubten die Kollegen von der zuständigen Mordkommission, den flüchtigen Täter ausfindig gemacht zu haben: Ein alkoholsüchtiger, arbeitsloser Fußballtrainer aus der Nachbarschaft wurde rasch identifiziert und verurteilt. Aufgrund der Tatsache, dass damals das DNA-Verfahren noch nicht in das gängige Ermittlungsrepertoire der Kriminalistik aufgenommen war, wurde der wahre Täter über Jahre unterschlagen. Wilhelmine Breuer wurde nämlich in Wahrheit von dem Enkel ihrer besten Freundin aus niederen Beweggründen ermordet. Die Freundin der älteren Dame hatte ihren Enkel über Jahre hinweg durch ein falsches Alibi entlastet. Erst der Abgleich mit dem bestehenden DNA-Katalog Jahre später, ermöglichte es der ermittelnden Behörde, den Täter von damals zu überführen.

Petermann betonte immer wieder, wie eklatant revolutionär die Einführung der DNA-Methode innerhalb der Ermittlungsarbeit bewertet wird. Sie dient seit ihrer Einführung vor allem dazu, die Charakteristika des Täters, wie Alter, sozialer Status, Lebensgewohnheiten, Bedürfnisse und mehr, zu beschreiben, um somit „das Verbrechen nachfühlen zu können.“
Essenziell sei, so Petermann, bei der Fallanalyse stets die Gesamtheit der Spuren zu überprüfen und in Betracht zu ziehen. Nur, wenn man als Profiler wagt, neue hermeneutische Wege zu gehen, „gelingt es, die Wahrheit hinter dem Verbrechen zu sehen.“

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