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Eckernförder Zeitung

03. Dezember 2016 | 12:34 Uhr

EINE JAZZ–LEGENDE LIVE : Jazz und Blues vom Feinsten

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Am Dienstag gab die Chris-Barber-Band in der fast ausverkauften Stadthalle ein zweistündiges Konzert. 434 Zuschauer fühlten sich musikalisch von Eckernförde nach New Orleans versetzt.

Eckernförde | Als Chris Barber die Bühne zunächst allein betritt, scheint jeder der 434 Zuschauer den Atem anzuhalten. Da steht er im sanften Scheinwerferlicht, die Jazz-Legende schlechthin. Im Smoking bgrüßt der 86-Jährige die Zuschauer, leicht gebeugt, aber sehr charmant mit englischem Akzent und etwas nuschelnd, . „Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen? 1950?“ Dabei ist die Chris Barber-Band erst vor zwei Jahren in der Stadthalle zu Gast gewesen. Die meisten der Jazz- und Bluesfreunde, die den Altmeister am Dienstagabend mit großem Applaus in der Stadthalle begrüßen, sind über 20 Jahre jünger als er. Sie freuten sich auf ein Konzert der zehnköpfigen Band – und das hatte es wirklich in sich. Draußen war das feucht-kalte Eckernförde, drinnen ging es temperamentvoll wie in New Orleans zu.

Den Auftakt macht der Song „Bourbon Street Parade“, 1955 von dem Schlagzeuger Paul Barbarin geschrieben. Der Titel setzte seinzerzeit Standdards im Dixieland und im New Orleans Jazz und zeigte, welchen Einfluss „marching bands“ hatten. Beim Spiel der Trompeten, Posaunen, Klarinetten, Saxofone, Mandoline, Kontrabass und Schlagzeug wird schnell deutlich, dass die Chris Barber-Band auch in dieser Besetzung hochkarätigen feinsten Jazz bietet, geprägt von echter Spielfreude. Spritzig, schnelle Wechsel, fröhlich und äußerst gefühlvoll – dass die Musiker, die dort oben auf der Bühne stehen, zwischen 47 und 86 Jahre alt sind, ist unten im Zuschauerraum nicht zu spüren.

In Zeiten elektronischer Musik macht es einfach Spaß, diese handgemachte Musik zu hören. So wird jedes Soli von den Zuschauern mit Applaus gewürdigt. Was anfangs noch etwas verhalten ist, endet später im Konzert mit tosendem Beifall und Pfiffen – wer also glaubt, dass die Altersgruppe 55+ nicht begeisterungsfähig oder feierunwillig ist, wird an diesem Abend eines Besseren belehrt. Eine „marching band“ marschiert zur Musik – auch der Autritt der Chris Barber-Band ist von viel Bewegung auf der Bühne geprägt. Eine kleinere Formation, bestehend aus sechs Musikern, präsentiert die Stücke „Goin’ home“ und „Wild cat blues“. Bei „Goin’ home“ übernimmt Chris Barber den Gesang. Es ist erstaunlich, wie fest die Stimme des 86-Jährigen ist. Sie passt wunderbar zu dem Song. Bei „Wild cat blues“ spielen zunächst nur Kontrabass, Mandoline und Klarinette. Und diese hat es in sich.

Bert Brandsma, einziger Holländer in der Band, entlockt dem Holzblasinstrument verrückte Töne, treibt sie in einer Virtuosität in schwindelerregende Höhen, spielt mit ihnen, so dass dem Zuschauer Hören und Sehen vergeht. Schneller Intrumentenwechsel, jetzt sind es drei Klarinetten und drei Trompeten, die ein wahres Feuerwerk vor der Pause veranstalten.

Danach hat der Meister der Posaune seinen großen Auftritt. Sein Solo im Stück „Black and tan fantasy“ ist mehr als faszinierend. Woher nimmt der 86-Jährige die Luft und das Stehvermögen? Dieser Mann spielt seit fast 70 Jahren Posaune, hat unzählige Bühnenauftritte hinter sich, Platten veröffentlicht, hat Jahrzehnte Musikgeschichte erlebt und selbst gestaltet – und kommt doch bescheiden und zurückhaltend auf der Bühne daher. Die Liebe zum Jazz und zum Blues, zur Musik und zum Instrument verkörpert Chris Barber. Ihm zur Seite steht Bob Hunt, der mit der Posaune Töne und Klänge erzeugen kann, die unwirklich klingen. Da wird gebrummt, geschnarrt oder gequietscht – herrlich. Zweistimmiger Gesang (Chris Barber und Peter Rudeforth) im Stück „Cornbread, peas and black Molasses“ zunächst in Begleitung von zwei Gitarren, der Titel „All blues“ von Miles Davis, der Blues überhaupt für Trompete und Posaune, oder „Petite fleur“, das berühmte Stück für Klarinette – das Repertoire, das die Chris Barber-Band präsentiert ist kurzweilig und weist eine große Bandbreite auf.

Geschickt mischen die Musiker ältere und neue Titel, stets geprägt von Spielfreude und Temperament und begeistern so das Publikum. Und dann das vielgehörte „When the saints go marching on“, aber in dieser Version so erfrischend spritzig, dass es einfach nur Spaß macht. Wieder übernimmt Chris Barber beim Gesang die Hauptstimme (die Posaune stets in der linken Hand), diesmal antwortet ihm ein sechsköpfiger Chor. Und dann „posaunt“ Barber sich über die Bühne zu Jackie Flavelle (Kontrabass), ebenfalls 86 Jahre alt – und die beiden spielen, als gebe es kein Morgen. Unglaublich – diese Musikalität der beiden Gößen. Zu guter letzt spielen die Zehn „Ice cream“, und die Zuschauer singen unaufgefordert den Refrain – eine echte Session. Ohne Zugabe beendet Chris Barber nach zwei Stunden den Auftritt. Als das Licht im Zuschauerraum schon einige Minuten brennt, sind immer noch Beifall und Zugabe-Rufe zu hören.

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erstellt am 27.Okt.2016 | 05:46 Uhr

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