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Eckernförder Zeitung

03. Dezember 2016 | 10:40 Uhr

Ruanda : In Ntara schwänzt niemand Schule

vom

Der Abiturjahrgang der Schule Louisenlund besucht eine Schule in Ruanda / durch Spenden soll ein Gebäude für die Primärklassen entstehen

Güby/Ruanda | Kaum waren Lili Mittelmann (17) und ihre sieben Mitschüler aus den beiden Geländewagen gestiegen, die sie zur Schule im  afrikanischen Örtchen Ntara gebracht hatten, wurden sie schon umringt von fröhlich grölenden Kindern. Die vier- bis siebenjährigen afrikanischen Schüler betasteten neugierig die helle Haut der Abiturienten des Internats und Gymnasiums Louisenlund, fuhren durch Lilis blondes Haar. Weiße sind in der eine Stunde von der ruandischen Hauptstadt Kigali entfernten 1500-Seelen-Gemeinde ein besonderer Anblick.

Das gesamte Schuljahr über hatten sich die Louisenlund-Schüler in einer AG mit Entwicklungshilfe beschäftigt und Spendensammlungen für die Schule in Ntara organisiert. Im Juli besuchten sie abschließend für zehn Tage Ruanda. Zwei Tage lang unterrichteten sie die Schüler in Ntara und erlebten, wie sich ihr monatelanger Einsatz bezahlt macht.

Geleitet wurde die Reisegruppe von Louisenlund-Lehrer Hauke Nagel, der auch das Entwicklungshilfe-Projekt, genannt „Ruanda-Gilde“, vor eineinhalb Jahren ins Leben rief. Seit 15 Jahren engagiert er sich ehrenamtlich in der Hilfsorganisation „Kinderhilfswerk Dritte Welt“ und setzt sich für den Bau von Krankenstationen und Schulen unter anderem in Ruanda ein. Die Vor- und Primärschule in Ntara verdankt ihr mittlerweile vierjähriges Bestehen nicht zuletzt seinen Bemühungen.

Die Ruanda-Gilde ist nicht Teil des Unterrichts. Die Schüler nehmen freiwillig daran Teil, um durch Filme und Texte zu lernen, wie Entwicklungshilfe funktioniert. Dabei hinterfragen sie diese auch kritisch: Was passiert eigentlich mit einem Land, das permanent von außen unterstützt wird. Kommt es dadurch wirklich auf die Beine? Oder verlernt es, sich selbst zu helfen? Fazit, so Nagel: „Mit Bildungsprojekten kann man am wenigsten falsch machen“, und ein Land nachhaltig unterstützen.

Waren die deutschen Schüler aufgeregt vor ihrer ersten Unterrichtsstunde vor den afrikanischen Schülern? „Nein, eigentlich nicht“, sagt Maximilian Grimme (18). „Es war eine so schöne Atmosphäre. Wir waren überrascht, wie offen die Kinder sind. Sie waren auch außerhalb des Unterrichts immer um uns herum, haben uns umarmt und sind gar nicht mehr von uns gewichen.“

Anina Rau (19) war erstaunt, wie gut schon die Jüngsten Englisch konnten. In Ntara lernen die Schüler die Sprache, die neben Kinyarwanda und Französisch eine der Amtssprachen des Landes ist, von der ersten der drei Vorschulklassen an. Auch die Mathematikkenntnisse in der 1. Primärklasse überraschten Anina. „Und wie gut sie im Unterricht mitgemacht haben. Schwänzen gab es nicht. Alle sind gern zur Schule gegangen und wollten wirklich etwas lernen.“ Lili, die einzige in der Reisegruppe aus dem 12. Jahrgang:  „Wenn wir eine Frage stellten, hatten sich die Kinder fast darum gestritten, wer die Antwort geben darf.“ Was nicht hieß, dass keine Disziplin herrschte. Ganz im Gegenteil: Wenn der Lehrer etwas sagte, gab es keine Widerrede. Begrüßt wurde er jedes Mal mit einem beinahe militärischen „Good Morning, Sir!“, was Lili bei den jungen Schülern mehr lustig als erschreckend fand. Gleichzeitig beeindruckte sie der allgemeine Zusammenhalt. „Erstaunlich, wie sich alle umeinander gekümmert und gesorgt haben. Wenn jemand an der Tafel nicht weiter wusste, ist gleich ein anderer dazu gekommen und hat ihm geholfen.“

Ein weiteres Beispiel für die Hilfsbereitschaft in der ruandischen Gesellschaft erlebten die Louisenlunder bei einer Fahrt  durch eine hügelige Landschaft. Am Ende einer extrem steilen Abfahrt führte eine Brücke über einen Abgrund – nur war diese eingestürzt. Eine Umkehr den Hang hinauf war mit den schweren Geländewagen nicht möglich. Schnell versammelten sich immer mehr Anwohner um die Gruppe, jeder rief seinen Ratschlag in den durcheinander quasselnden Auflauf. Dann zogen alle gemeinsam los, um Holzplanken zu besorgen, mit denen eine provisorische Brücke gebaut wurde.

„Die Schule in Ntara hat viele Kinder aus der Region angezogen“, sagt Nagel. Die Eltern seien ausgesprochen glücklich, dass ihre Kinder lernen können – eine Chance, die sie selbst nie gehabt hätten. Mittlerweile betreuen die Lehrer 120 Vor- und 25 Primärschüler. Es sind vor allem die Ärmsten, die zu ihnen kommen. 30 Prozent der Eltern können sich die Schulgebühr von monatlich 10 Euro leisten. Für die Übrigen ist der Besuch kostenfrei. Die Lehrer seien extrem engagiert, so Nagel. „Doch sie sind eigentlich zu wenige und haben nicht genügend didaktisches Material.“ Der Staat bezahle einen Teil der Ausgaben, doch der Großteil müsse durch Spenden finanziert werden.

So auch der Bau eines neuen Unterrichtsgebäudes für die Primärschüler. Von den notwendigen 23000 Euro konnten Hauke Nagel und die Schüler der Ruanda-Gilde im Laufe des Schuljahres bereits 15000 Euro durch verschiedene Spendenaktionen sammeln. Das fehlende Geld soll zum guten Teil durch ein weiteres Projekt zusammenkommen: Die Schüler besuchten auf ihrer zehntägigen Reise auch eine in der Nähe befindliche Kaffeeplantage. Hier pflanzen, so Nagel, fair bezahlte Bauern nach ökologischen Richtlinien Edel-Kaffee an. Nach Deutschland verschifft und in der Rösterei Frieda-Kaffee in Nübelfeld unentgeltlich geröstet, soll der Arabica-Kaffee im Winter auf dem Louisenlunder Weihnachtsmarkt verkauft werden. Der Erlös fließt in den Bau des Schulgebäudes. Bei einer Kostprobe auf der Plantage konnten die Schüler schon einmal die Qualität testen. Lilis Urteil: „Fein und aromatisch, nicht zu herb.“

Wer das Ntara-Hilfsprojekt der Ruanda-Gilde und des Kinderhilfswerks Dritte Welt finanziell unterstützen möchte, informiert sich hierzu bei Hauke Nagel unter hauke.nagel@louisenlund.de, www.louisenlund.de oder beim Kinderhilfswerk: www.khw-dritte-welt.de.

 

Ruanda – Ein Polizeistaat im Umbruch:

Bei ihrer Reise durch Ruanda waren nicht alle Erfahrungen der Louisenlund-Schüler positiv. Die Straßen der Hauptstadt fanden sie von schwer bewaffneten Polizisten gesäumt. Das kleine Zwölf-Millionen-Einwohner-Land im Zentrum Afrikas, so Hauke Nagel, sei praktisch ein Polizeistaat, kümmere sich jedoch gut um die Belange der Bevölkerung. Das Bundesministerium für politische Zusammenarbeit und Entwicklung bescheinigt dem Land große Fortschritte in den vergangenen Jahren. Dennoch zählt es noch immer zu den ärmsten Ländern der Welt. Im Human Development Index der Vereinten Nationen (HDI 2014) belegt Ruanda Rang 163 von insgesamt 188 Ländern. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen betrug 2015 732 US-Dollar. Nach einem extrem blutigen Bürgerkrieg in den 90-er Jahren, in dessen Verlauf etwa 800000 Menschen starben, sind große Teile der Bevölkerung noch immer traumatisiert.

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erstellt am 09.Aug.2016 | 06:00 Uhr

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