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Eckernförder Zeitung

08. Dezember 2016 | 09:08 Uhr

WENN ALKOHOLGENUSS ZUR SUCHT WIRD : „Ich möchte meine Abstinenz zu meiner Zufriedenheit hinkriegen“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Alkoholabhängige berichten von ihrem Alkoholmissbrauch und dem Absturz ihres Lebens. Unterstützung finden sie in der Suchtselbsthilfegruppe Blaues Kreuz, Ortsgruppe Eckernförde, die ihr 20-jähriges Bestehen feiert.

Alkohol war schon immer ein Thema in der Familie von Käthe-Maria, ob beim geselligen Beisammensein oder zum Feierabend. Aber als ihr klar wurde, dass es für ihren krebskranken Mann keine Chance mehr gab, griff die Mutter dreier Töchter ein Vierteljahr vor seinem Tod zum Schnaps. „Ich hab’ die ganze Zeit versucht, die Angst wegzutrinken“, erzählt die heute 65-Jährige.

Was im September 2006 langsam begann, steigerte sich. Alkoholgenuss wurde zur täglichen Routine: „Es war 20 Uhr, dann habe ich angefangen. Jeden Abend eine halbe Flasche Bommerlunder und einen halben Liter Bier – und stets allein“, sagt Käthe-Maria. Jeden Abend hatte sie zwei Promille Alkohol im Blut. Bis 2007 hat sie noch gearbeitet. Dann ging es kontinuierlich bergab. Im August 2015 war die Renternerin in Rendsburg in der Entgiftungsklinik. Auf die Frage des Artzes, warum sie trinke, antwortete sie: „Ich bin einsam.“

Dass Käthe-Maria heute über ihre Alkolholsucht frei sprechen kann, verdankt sie mehreren Therapien, in denen sie hart an sich gearbeitet hat. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Hund in Eckernförde, zwar allein, fühlt sich aber nicht mehr einsam. Seit November 2015 besucht die 65-Jährige die Gesprächsabende der Suchtselbsthilfegruppe Blaues Kreuz in Eckernförde. Die Gruppe 2 wurde 1996 gegründet und gehört dem Landesverband des Blauen Kreuzes in der evangelischen Kirche an. Sie bietet eine Plattform für Alkoholabhängige und ihre Angehörigen an. „Die Gruppe ist ein Übungsfeld für den Alltag“, erklärt Gruppenleiter Peter Hönicke. Wie wichtig ein geschützter Raum für Suchtkranke ist, um sich selbst zu hinterfragen und sein Verhalten zu korrigieren, „soweit wir es wollen“, weiß Hönicke aus eigener Erfahrung. Seit 23 Jahren lebt der Eckernförder abstinent. Malte ist seit vier Monaten trocken. Auch er ist wie Käthe-Maria kein Mitglied des Blauen Kreuzes, sondern besucht seit November die Gesprächsabende in der Bürgerbegegnungsstätte. Der 45-Jährige hat ein Leben mit vielen Tiefpunkten hinter sich: Scheidung der Eltern, Beginn einer psychischen Zwangserkrankung, zunächst „Quartalstrinker“, dann Absturz: „Ich habe Alkohol als Medikament benutzt, um die Zwangserkrankung auszuhalten“, sagt Malte. Es folgten eine Gefängnisstrafe, mehrere Entwöhnungsbehandlungen, etliche Rückfälle, ein Suizidversuch. „Vor 18 Monaten war die Schmerzgrenze erreicht, es war der absolute Nullpunkt“, erzählt er. Jetzt lebt er in einer betreuten Wohneinheit der Brücke und hat ein Ziel: „Ich möchte meine Abstinenz zu meiner Zufriedenheit hinkriegen.“ Denn dass der Alkoholkranke mit sich und seinem Leben zufrieden ist, sei die Voraussetzung für eine gelungene und dauerhafte Abstinenz, bestätigt Peter Hönicke.

Seit 2003 ist Manfred mit Unterbrechungen Mitglied in der Selbsthilfegruppe. Der 57-jährige war Spiegeltrinker und hat auch während der Arbeit getrunken. „Den Schnaps hatte ich in einer Selterflasche immer dabei.“ Es flog nie auf, da der Fernmeldehandwerker bei der Reinigung der Glasfaser mit dem Wirkstoff Isopropanol arbeitete, der nach Alkohol roch. Frustration in der Ehe nach der Geburt der Kinder versuchte Manfred mit Alkohol zu bekämpfen. Er trank allein im Keller Korn und Cola. Seine Frau erkrankte an Krebs und starb nach acht Jahren, Manfred trank weiter. Es folgte ein langsamer Absturz: Er hatte Schulden, öffnete die Post nicht mehr, musste nach dem Tod der Frau das Haus verlassen, verlor den Führerschein und den Kontakt zu den Kindern. Jetzt fühlt er der 57-Jährige sich wunderbar: „Ich bin endlich ein Vater, mit dem man was anfangen kann.“

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Blaues Kreuz, Freitag, 19-21 Uhr BBS. Am Sonntag, 29. Mai, feiert die Gruppe ihr 20-jähriges Bestehen. 10 Uhr: Gottesdienst in St. Nicolai, 11.30 Uhr: offene Feier in der BBS

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