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Integration : Helferkreis mit Herz für seine „Flülis“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Seit gut einem Jahr engagiert sich ein Helferkreis bei der Integration von Flüchtlingen in Holtsee – im EZ-Interview zieht die Gruppe Bilanz

Holtsee | Als absehbar war, dass Flüchtlinge im ländlichen Raum untergebracht werden müssten, hat auch das Amt Hüttener Berge händeringend Freiwillige gesucht, die den Neubürgern bei der Integration und den alltäglichen Aufgaben, wie Behördengänge, Einkaufen und der Sprache helfen. Dorothea Paulsen aus Harzhof hatte Holtsees Bürgermeister Jens-Peter Frank informiert, dass sie bereit wäre zu helfen. Schnell fand sie weitere Mitstreiter. Im September 2015 konnte die Gemeinde zwei Wohnungen für Flüchtlinge anmieten und dann ging es los: Die Wohnungen wurden mit gespendeten Möbeln und Hausrat eingerichtet, wer konnte, packte mit an. Im Oktober kamen 14 Syrer nach Holtsee. Zwölf von ihnen leben noch heute in der Gemeinde: Vater und Mutter mit vier Kindern und einem Neffen sowie fünf junge Männer zwischen 22 und 28 Jahren. Der Helferkreis umfasst etwa 25 Menschen, die den „Flülis“, wie sie sie liebevoll nennen, durch den Alltag helfen. Sh:z-Volontär Sven Raschke sprach mit der Gruppe über die Herausforderungen der Integration und das Leben der Syrer in Holtsee.

Als im Oktober vergangenen Jahres syrische Flüchtlinge nach Holtsee kamen, hatten Sie als Helfer alle Hände voll zu tun. Hat sich die Situation inzwischen entspannt?
Dorothea Paulsen: Es gibt körperlich nicht mehr so viel zu tun. Nicht wie am Anfang, als die beiden Wohnungen eingerichtet werden mussten. Gott sei Dank hatten damals sehr viele mitgeholfen. Viele haben Möbel gespendet, Haushaltsgegenstände und Bettwäsche.

Wie sieht es mittlerweile mit der Hilfsbereitschaft der Holtseer aus?
Paulsen: Das Helfen bezieht sich mehr und mehr auf einen harten Kern, weil der Aufwand ja auch kleiner geworden ist.
Sonja Harfenmeister: Jetzt sind es nur noch Kleinigkeiten wie Fahrtätigkeiten oder Amtsangelegenheiten. Die Flülis haben ja keinen Führerschein, geschweige denn ein Auto. Also macht jeder von uns, was er am besten kann. Einer fährt, einer hilft bei Dokumenten, einer kümmert sich um Arzt- und Kindergartenbesuche. Jeder hat sich seine Nische gesucht.

Haben Sie negative Erfahrungen mit Menschen gemacht, die keine Flüchtlinge in der Gemeinde haben wollen?
Ulrike Reuter: Solche Leute gibt es auch, aber darüber wollen wir nicht reden. Die Flüchtlinge machen auch keine Probleme. Sie sind so freundlich und höflich, dass sich mancher deutsche Jugendliche davon eine Scheibe abschneiden kann.

Was sind die größten Schwierigkeiten bei der Integration?
Paulsen: Da muss man sich erstmal überlegen, was Integration sein soll. Bedeutet es, einfach Tisch und Stühle hinzustellen, und die Sprache beizubringen? Das ist für mich noch nicht Integration.
Ellen Sieg: Es bedeutet, sich einzupassen in die deutsche Gesellschaft. Ich war selbst schon in Syrien. Dort meldet man sich vor einem Besuch nicht an. Das müssen die Flülis her erst einmal lernen.
Martina Menzel: Und Pünktlichkeit ist wichtig. Sonst ist der Bus halt weg. Das ist aber schon viel besser geworden. Der Vater der Familie ist Friseur bei mir im Geschäft. Er ist super zuverlässig und sich auch nicht zu schade, den Laden zu fegen – und ist überhaupt kein Macho.
Annemarie Weber: Mein Mann und ich fahren mit den Flülis jeden Freitag zur Moschee in Rendsburg. Und wir machen auch Einkäufe mit ihnen. Am Anfang, wenn wir sagten, wir treffen uns um 12 dann wurde es schon mal 12.15 Uhr oder noch später. Mittlerweile sind alle fünf Minuten vor der Abfahrtszeit bereit.
Reuter: Die Jungs sind alles Kavaliere. Sie nehmen uns beim Einkaufen das Tragen und Schieben des Einkaufwagens ab. Sie möchten sich bei uns für die Hilfe revanchieren. Das ist ihnen sehr wichtig. Sie grüßen hier im Dorf jeden mit Namen. Sie wollen dazugehören – und so ist es auch.
Harfenmeister: Ja, sie gehen zum Fußball, Tischtennis, haben Kontakt zu anderen, schotten sich nicht ab. Die Kinder sind durch Schule und Kindergarten integriert, werden zu Geburtstagen eingeladen.

Wie sehen Sie die Zukunftsaussichten für die Syrer in der Gemeinde?
Paulsen: Bis auf einen haben alle Bleiberecht. Bei einem 28-Jährigen ist das Verfahren noch nicht abgeschlossen. Seit einem halben Jahr ist er tieftraurig, weil es sich ewig hinzieht, und es bei allen anderen relativ schnell ging. Er sitzt zu Hause, während die anderen schon lange zur Schule gehen dürfen.
Reuter: Die fünf jungen Männer müssen zunächst Sprachniveau A1 erreichen. Bevor sie das nicht haben, bekommen sie keinen Job. Sie würden gerne arbeiten, denn sie langweilen sich oft und fragen uns: Hast Du etwas für uns zu tun? Können wir helfen?

Glauben Sie, dass die zwölf Syrer hier glücklich sind?
Paulsen: Die Familie ja. Die Jungs sind froh, dass sie in Holtsee sind, weil ihnen geholfen wird. Aber die Jungs würden schon gern alle in die Stadt. Ohne Auto bist du auf dem Dorf aufgeschmissen.
Reuter: Deswegen haben wir auch so viele, die den Fahrdienst machen. Und: Alle haben heimweh.
Martina Menzel: Ich habe den Vater kürzlich gefragt, ob er gern wieder nach Hause möchte – er würde bleiben, wegen der Kinder. Aber seine Frau möchte zurück. Sie hat dort ihre Mutter und Schwester.

Was müsste sich für die Flüchtlinge verbessern?
Reuter: Die Behördengänge müssten vereinfacht werden. Es ist vorgekommen, dass ein Helfer von einem Amt oder Jobcenter zum anderen geschickt wurde. Das muss im digitalen Zeitalter nicht sein.
Paulsen: Die Behörden setzen voraus, dass wir wissen, wie die Abläufe sind, das war nicht immer einfach. Ich hatte oft Angst, dass ich etwas nicht bedacht hatte. Hin und wieder hört oder liest man, dass die Ehrenamtlichen so eine tolle Arbeit machen. Das ist schön. Leider bin ich nie gefragt worden: Wie kommen sie und Ihre tolle Truppe eigentlich klar?

Was haben Sie persönlich durch ihren Einsatz gelernt oder vielleicht gewonnen?
Fiedler: Viel Freude und Herzlichkeit.
Harfenmeister: Syrisches Essen ist lecker – nur zu empfehlen!
Paulsen: Ganz viel Dankbarkeit.
Fiedler: Trotz allem sind die Flülis immer fröhlich
Paulsen: Am Ende eines Gesprächs, wenn das Notwendige besprochen ist, wird Kaffee oder Tee angeboten.
Sieg: Einer der Söhne der Familie ist sechs Jahre alt. Die Eltern und alle seine Geschwister hatten bereits einen Platz in der Schule, nur für ihn gab es keinen. Ich bin Lehrerin, also habe ich ihn vormittags geholt. Ich war seine Schule: Deutsch, Mathe, Malen – das hat mir sehr viel Spaß gemacht, auch wenn es anstrengend war. Ein halbes Jahr ging das so. Im September ist er dann endlich eingeschult worden. Und ich bin jetzt die Ersatzoma geworden, für die ganze Familie.

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erstellt am 09.Nov.2016 | 07:03 Uhr

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