zur Navigation springen

Eckernförder Zeitung

03. Dezember 2016 | 18:48 Uhr

Medikamentenversuche : Heimkinder als Versuchskaninchen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Neue Erkenntnisse über Medikamentenversuche an Heimkindern / Eckhard Kowalke fordert Rehabilitierung für die Betroffenen

Eckernförde | Was er genau schlucken musste, weiß er nicht mehr, aber danach fühlte er sich immer „wie besoffen“, manchmal „wie gelähmt“. Franz Wagle (49) aus der Nähe von Itzehoe hat fast 16 Jahre in Kinderheimen verbracht. Er kam in den 70er-Jahren von Nordstrand nach Bredstedt, weiter nach Sundsacker und Eckernförde, Harrislee, Schleswig und Neumünster. Von Schlägen berichtet er und von Missbrauch. Unter anderem ist er sich sicher, dass er für pharmazeutische Versuche benutzt wurde. Damit scheint er kein Einzelfall zu sein.

Das hat Sylvia Wagner herausgefunden, eine 52 Jahre alte Apothekerin aus Krefeld. In einer wissenschaftlichen Abhandlung (Sozial.Geschichte Online) beschreibt sie, wie insbesondere in den 1960er-Jahren in den Kinder- und Jugendpsychiatrien der Bundesrepublik Medikamente verabreicht wurden. Sie forschte bundesweit nach. Aus den Krankenhäusern erfuhr sie nichts, aber sie stieß auf andere Quellen: So veröffentlichten Ärzte aus Schleswig und rund 50 anderen deutschen Kliniken die Ergebnisse ihrer Patientenversuche in Fachzeitschriften. Sylvia Wagner konnte beispielsweise 33 Publikationen über Impfstoffversuche in verschiedenen Kinderheimen finden. Über die Herkunft der Versuchspersonen oder eine Einwilligung der Eltern oder gesetzlicher Vertreter zu den Versuchen finde sich dort nichts. Weitere Versuche seien unter anderem mit Pychopharmaka, Neuroleptika oder Bromverbindungen erfolgt. Mit der Abhandlung „Ein unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte“ kam das Thema in die Öffentlichkeit (siehe EZ vom 12. Oktober) und damit wurde auch der „Verein ehemaliger Heimkinder Schleswig-Holstein“ (VEH) wieder aktiv. Sein Vorsitzender: der Eckernförder Künstler Eckhard Kowalke.

Vor sechs Jahren saß der VEH mit am Runden Tisch, als es darum ging, Gewalt und Misshandlung in deutschen Kinderheimen zwischen 1945 und 1975 aufzuarbeiten, die Betroffenen zu rehabilitieren und eine Entschädigung auszuhandeln. Das Thema „Versuche mit Medikamenten an Heimkindern“ sei damals allerdings nicht behandelt worden.

Doch mit der Abhandlung von Sylvia Wagner ist wieder Druck in der Leitung. „Menschen sind als Versuchskaninchen missbraucht worden“, so Kowalke. „Das sind Menschenrechtsverletzungen, die nicht verjähren.“ Daran seien nicht nur die häufig diakonischen Einrichtungen beteiligt gewesen, sondern auch die Pharma-Industrie und auch staatliche Behörden und Institutionen. „Die Kirche hat schon Gesprächsbereitschaft signalisiert. Jetzt wollen wir uns an die Politik wenden“, so Kowalke. Einen Antrag in den Landtag hat die Piratenpartei schon eingebracht. Kowalke: „Ich erwarte aufgrund der umfangreichen neuen Erkenntnisse, dass der Runde Tisch wieder zusammenfindet.“ Die Geschichte müsse aufgearbeitet und die Betroffenen entschädigt werden. In Schleswig-Holstein soll besonders das Landeskrankenhaus in Schleswig beteiligt gewesen sein. Dorthin, so Kowalke, seien die Kinder aus ihren Einrichtungen immer wieder zur „Behandlung“ für mehrere Wochen geschickt worden. Stattgefunden hätten dann Versuche mit Medikamentengaben.

Auch Franz Wagle erinnert sich an vier solcher „Behandlungen“ in Schleswig, bei denen er Flüssigkeiten oder Tabletten schlucken musste. Inwieweit sie zu seinem heutigen Krankheitsbild beigetragen haben, lässt sich wohl nicht mehr feststellen. Abgesehen von den psychischen Schäden, die sich in Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen und Flashback-Erlebnissen äußern, leidet er auch unter Schmerzen und Lähmungserscheinungen im Bein. Sein größtes Anliegen: „Ich will nicht mehr als Spinner dastehen, wenn ich davon erzähle.“

>Der VEH sucht ehemalige Heimkinder, die von Medikamentenversuchen betroffen waren. Sie können sich bei Franz Wagle unter Tel. 0157/ 84  46  68  66 oder Wallhalla70@gmx.de melden.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 19.Okt.2016 | 06:08 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen