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Eckernförder Zeitung

03. Dezember 2016 | 20:48 Uhr

Das härteste „Praktikum“ Deutschlands : Feuchter Einblick in einen harten Job

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Potenzielle Bewerber haben in dieser Woche einen „verlängerten Truppenbesuch“ beim Seebataillon absolviert. Die körperlichen Anforderungen sind extrem hart.

Eckernförde | Mit dem Wetter haben sie Glück: Die Ostsee ist nahezu glatt wie ein Ententeich. Hohe Wellen? Fehlanzeige. Dennoch keuchen die 15 jungen Menschen im Alter zwischen 16 und 23 Jahren. Immerhin sind sie nicht zum Baden aus ganz Deutschland nach Eckernförde gekommen, sondern um eine Woche lang einen Einblick in die Ausbildung beim Seebataillon zu bekommen. Und dazu gehört es, zweieinhalb Kilometer durch die Ostsee zu schwimmen – jeder durch ein Seil mit seinem Nebenmann verbunden.

Es ist Tag drei des körperlich anstrengenden Programms, das die Marine seit einigen Jahren anbietet, um potenzielle Kandidaten zu werben, denn auch hier schlägt der Nachwuchsmangel zu. Zuvor haben die Teilnehmer an dem „verlängerten Truppenbesuch“ schon Vorträge gehört und die Sportanlagen genau kennengelernt: Laufen, Schwimmen, Tauchen und Kraftübungen liegen hinter ihnen. Bei vielen meldet sich der Muskelkater.

Und so kommt nach 20 Minuten der erste Hilferuf: „Ich hab’ einen Krampf im Bein“ ruft einer der „Praktikanten“ in Richtung des Schlauchbootes, auf dem Minentaucher Wilfried Hoffmann vom Personalwerbetrupp des Seebataillons steht. Doch der weiß, wie man zu Höchstleistungen motiviert: „Wegdenken, weitermachen!“, ruft er. Und schon herrscht wieder angestrengte Stille.

„Wir wollen hier keine übertriebene Härte zeigen, sondern einen realistischen Einblick in Auftrag und Ausrüstung geben“, erklärt er. Wer als Soldat in einer der Kompanien des Seebataillons arbeiten will, muss fit sein. Davon kann sein Leben und das seiner Kameraden abhängen. Jeder muss zum Beispiel im Einsatz einen Verletzten tragen können – auch die Frauen. Dabei ist es egal, ob er als Minentaucher, Bord- oder Küsteneinsatzsoldat oder in der Aufklärung tätig ist. Und ein freundliches Gesäusel gibt es im Einsatz auch nicht. Der Umgangston ist rauh, aber kumpelhaft.

Eineinhalb Stunden geht es in Rückenlage durch die Ostsee. Während die einen scherzen, schlucken die anderen Wasser.
Eineinhalb Stunden geht es in Rückenlage durch die Ostsee. Während die einen scherzen, schlucken die anderen Wasser. Foto: Peters
 

Das Schnaufen geht weiter, unterbrochen von ironischen Kommentaren und Plaudereien derjenigen, die körperlich fit sind. Nach einer Dreiviertelstunde ist es dann für einen 17-Jährigen vorbei. „Ich schlucke zu viel Wasser“, hatte er schon vorher gesagt. Immerhin hat ihn die Antwort „Musst du nicht machen, schmeckt doch nicht“ dazu gebracht, noch 20 Minuten länger durchzuhalten. Das und die Kollegen, die ihn durchs Wasser gezogen haben. Doch jetzt sieht auch Wilfried Hoffmann, dass es keinen Zweck mehr hat und zieht den Jugendlichen aus dem Wasser.

Kein Zweck mehr: Minentaucher Wilfried Hoffmann hilft einem Teilnehmer an Bord.
Kein Zweck mehr: Minentaucher Wilfried Hoffmann hilft einem Teilnehmer an Bord. Foto: Peters
 

Ein Versagen? „Nein“, sagt Hoffmann. „Das hier ist kein Test. Es geht nicht darum, etwas zu bestehen, sondern den Ist-Zustand aufzunehmen. Wer hier teilnimmt, bekommt von uns Tipps für ein Training, das ihn dazu befähigen soll, bei der Aufnahmeprüfung erfolgreich zu sein.“ Und dazu hat der Schüler aus Siegen, der an diesem Tag zum ersten Mal in seinem Leben Schwimmflossen an den Füßen hat, noch Zeit. Sein Abitur macht er erst im kommenden Jahr. Bis er sich ernsthaft bewirbt, kann er sich also noch intensiv vorbereiten.

Nach weiteren 15 Minuten gibt der Nächste auf: Zu sehr schmerzt das Schienbein. „Das kenne ich vom Laufen“, sagt er. „Knochenhautentzündung.“ Da will er nichts riskieren. Der 23-Jährige aus Preetz hat aber aus sportlicher Sicht bisher überzeugt. Als Polizist hat er zudem wünschenswerte Vorkenntnisse, doch Wilfried Hoffmann ist ehrlich: „Überleg dir, ob du die Sicherheit eines Beamten aufs Spiel setzen willst.“

Und 100 Meter vor dem Ziel setzt tatsächlich noch der Dritte aus, diesmal eine der beiden Frauen. Als Wilfried Hoffmann vom Boot aus kurz vor dem Ziel noch eine Kursänderung ankündigt, lässt sie sich gehen: „Ich fass es nicht. die wollen uns doch verarschen“, sagt die 16-Jährige laut und lässt sich an Bord ziehen. Wilfried Hoffmann merkt sich das.

Nach eineinhalb Stunden Schwimmen erreichen die anderen den Strand im Marinehafen. Die einen gut gelaunt, die anderen ausgelaugt. Doch den Wunsch nach einer Karriere beim Seebataillon hat niemand verloren. Auch nicht ein 21 Jahre alter Nürnberger, der sich noch nicht sicher ist, ob er zum Seebataillon oder zu den Gebirgsjägern will.

Ein kurzes Durchschnaufen und weiter geht es. Am Nachmittag seilen sich die Teilnehmer aus luftiger Höhe vom Übungsturm der Boardingsoldaten ab, laufen am nächsten Tag mit Gepäck bei einem Orientierungsmarsch per Kompass durchs Gelände. Als kleines „Abschiedsgeschenk“ werden sie zudem morgens um halbfünf aus ihren Feldbetten geworfen, um vor dem Frühstück eine Stunde lang eine Kombination aus Laufen und Kraftübungen zu absolvieren.

Überwindungssache: Aus luftiger Höhe seilen sich die Teilnehmer ab.
Überwindungssache: Aus luftiger Höhe seilen sich die Teilnehmer ab. Foto: Lerdo
 

Das Fazit von Wilfried Hoffmann: „Drei von ihnen würden wir sofort nehmen, einige weitere zeigen gute Ansätze.“ Insgesamt jedoch bestätigt sich auch diesmal, dass die sportlichen und koordinatorischen Leistungen der jungen Menschen im Vergleich zu früher abgenommen haben. Wobei das nicht alles ist. Intelligenz schadet in diesem Beruf nämlich auch nicht.

Auch zwei Frauen haben an dem „verlängerten Truppenbesuch“ teilgenommen.
Auch zwei Frauen haben an dem „verlängerten Truppenbesuch“ teilgenommen. Foto: Lerdo
 
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erstellt am 01.Jul.2016 | 18:50 Uhr

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