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Eckernförder Zeitung

05. Dezember 2016 | 03:30 Uhr

integration : „Es ist schwer, wenn man keine Heimat mehr hat“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Familie Kallout und Nour Taha berichten von ihrem neuen Leben in Gettorf / Gedanke an Rückkehr bleibt.

Gettorf | In Syrien hatten sie ihre Familien, Freunde, haben sie studiert oder gearbeitet. In Gettorf müssen sie ganz neu anfangen. Frieden, Demokratie und Freiheit seien gut in Deutschland, sagen sie. Aber das praktische Leben sei schwierig. Ihr Deutsch reicht noch nicht, um Briefe von Behörden zu verstehen, für Ausbildung oder Studium müssen bestandene Deutsch-Prüfungen nachgewiesen, Zeugnisse aus Syrien übersetzt und anerkannt werden. Und die Nachrichten aus der Heimat sind verheerend. Für die große Hilfe, die Flüchtlinge dabei von Seiten des Amts Dänischer Wohld und den Mitarbeitern des Flüchtlingsbeirates erfahren, sind sie sehr dankbar.

Nour Taha etwa lebt seit einem Jahr und drei Monaten in Gettorf. Er ist 25, spricht schon gut Deutsch. Vor sieben Monaten ist seine Familie aus Damaskus nachgekommen – Vater, Mutter und ein jüngerer Bruder. Nun wartet er, dass seine Frau auch kommen darf. Nour Taha ist froh, eine Arbeit gefunden zu haben. Er arbeitet seit zehn Monaten als Bäcker im Gettorfer Backhaus, fängt morgens um vier Uhr an und arbeitet bis 12, 13 Uhr. „Die Arbeit ist gut, die Kollegen sind nett und ich lerne dort gut Deutsch“, sagt er voller Respekt. Aber es ist nicht das, was er am liebsten machen würde. In Syrien hat er englische Literatur studiert, liest gern und viel. Am liebsten die russischen Klassiker von Dostojewski und Tschechow, aber auch arabische Literatur. Er würde gern Lehrer werden oder Dolmetscher. Zwei seiner Brüder und eine Schwester, die seit fast 20 Jahren in Hamburg leben, haben ihm viel geholfen in den ersten Monaten. „Jetzt ist es schon etwas einfacher“, findet er. Aber mit der Arbeit, den Fristen bei den Behörden und Verpflichtungen der Familie gegenüber seien viele Termine einzuhalten. „In Deutschland braucht man für alles immer ein ganz bestimmtes Papier“, sagt er. „In Syrien gibt es immer mehrere Lösungen für ein Problem.“

Über Politik und seine Heimat spricht er lieber auf Englisch. Den Konflikt in Syrien sieht er als internationales Problem, das nur politisch zu lösen sei. Aber die Zeit koste Tausende Syrer das Leben. Wo er seine Zukunft sieht, weiß Nour Taha noch nicht. Vorstellen kann er sich beides. „Deutschland ist das Land mit besten Job-Möglichkeiten“, sagt er. „Aber Syrien ist mein Land, meine Heimat.“

Auch die kurdische Familie Kallout aus dem Norden Syriens, aus Qamischli, hat sich schon ganz gut eingelebt in Gettorf. Zur Familie gehören Dulouvan (25), Jwan (28), der gerade zum Fußballspielen fort ist, Shabal (29), Kadar (32) und Mama Alberan Al Yossef. Ein weiterer Bruder lebt in Rostock. Sie wohnen seit Oktober in Gettorf. Shabal und Dulouvan, die zuerst nach Deutschland gekommen sind, besuchen für ein berufsvorbereitendes Jahr die Schule in Rendsburg. Dafür steigen sie jeden Morgen um 6.30 Uhr in den Bus. „Wir müssen ja pünktlich sein“, sagen sie. Die Schule beginnt um 8.30 Uhr und dauert bis 16 Uhr. Um 17 Uhr fährt der Bus zurück nach Gettorf. Dulouvan würde gern Zahnmedizin studieren oder eine Ausbildung zum Zahntechniker machen. Shabal, der in Syrien Chemie studiert hat, stellt sich seine Zukunft in der Pharma-Branche vor. Kadar spielt Gitarre und Klavier, hat in der Heimat als Ton-Ingenieur und DJ gearbeitet und träumt von einem Job in der Musikbranche. „Wir möchten schneller lernen und arbeiten“, sagt Dulouvan. „Aber man braucht die Papiere.“ In Gettorf fühlen sie sich wohl. „Es gibt Demokratie und Freiheit“, sagen sie. Nachbarn kommen vorbei, bringen Bücher oder laden sie zu Festen ein. Sie treffen Freunde beim monatlichen Internationalen Café des Flüchtlingsbeirats. Sie möchten sich bedanken, bei allen, die ihnen helfen. Bei ihrem Nachbarn Thomas, Marianne Ehrich vom Flüchtlingsbeirat, Nina Michaely vom Amt Dänischer Wohld und natürlich Sabine Axmann-Bruckmüller, der Koordinatorin für die Betreuung der Flüchtlinge im Amtsbereich.

Wie es in Syrien weiter geht, wissen auch sie nicht. Sie verfolgen jeden Tag im Internet, was dort passiert. „Alles ist kaputt“, sagen sie. Es gebe keine Lösung. Und es werde lange dauern, alles wieder aufzubauen. „Es ist schwer, wenn man keine Heimat mehr hat.“

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