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Eckernförder Zeitung

11. Dezember 2016 | 09:06 Uhr

Auf Umwegen zur Prüfung : Erst zum Drogentest, dann zum Abi

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Auch das noch: Tjorge Paulsen aus Hütten kam nach Polizeikontrolle und Blutprobe zu spät zum mündlichen Abitur

Hütten | Vielleicht seien es seine langen Haare, sein Zopf oder sein wilder Bartwuchs, dem 19 Jahre alten Tjorge Paulsen aus Hütten fällt sonst kein Grund ein, warum gerade er des öfteren bei Polizeikontrollen ganz genau überprüft wird. Der Kontrolle vor wenigen Tagen auf der Landesstraße 265 war nicht die erste, aber für den jungen Mann die, die wohl am nachhaltigsten bei ihm in Erinnerung bleiben wird.

Um 11.15 Uhr sollte Tjorge für seine mündliche Abiturprüfung an der Peter-Ustinov-Schule antreten. Rechtzeitig fuhr er mit dem Pkw von Zuhause los, mit dabei sein Bruder Djure (16), der in Eckernförde noch einige Erledigungen auf dem Zettel hatte. „Ich hatte schlecht geschlafen, und habe Medikamente genommen wegen meiner Allergien“, erzählt er. Auf der Landesstraße 265 fiel beiden dann ein roter VW Passat auf, der vor ihnen fuhr und immer mal wieder abbremste. Schließlich leuchtete hinten die Anzeige „Polizei, bitte folgen“. In einer Seitenstraße hielten beide Fahrzeuge an und zwei Personen in Uniform, ein Mann und eine Frau, stiegen aus. „Schönen guten Tag, allgemeine Verkehrskontrolle“, so die Begrüßung der Beamten. Tjorge und Djure stiegen aus, zeigten Führerschein und Fahrzeugpapiere. „Wo geht’s hin?“ fragte der Beamte. „Zur meinem mündlichen Abitur“, sagte Tjorge wahrheitsgetreu. „Dafür sind sie aber ganz schön ruhig“, entgegnete der Polizist. „Dabei hatte ich vor Aufregung ganz schön gezittert“, so der 19-Jährige gegenüber unserer Zeitung. Ob er getrunken hätte oder Drogen genommen hätte, wollten die Beamten wissen. Tjorge verneinte, gestand aber ein, früher schon mal einen Joint geraucht zu haben. Seine Augen würden den Polizisten nicht gefallen, sie würden gerne einen Augentest machen. Tjorge sollte der Mine eines Kugelschreibers folgen. Die Bindehäute in den Augen seien aufgrund seiner Allergien gerötet, erklärte der Abiturient. Mittlerweile hatte sein Bruder in der Schule angerufen und mitgeteilt, dass sich Tjorge verspäten werde. Ob er bereit sei, freiwillig eine Urinprobe an Ort und Stelle anzugeben? Tjorge willigte ein. Doch auf Befehl pinkeln, das klappte nicht. Tjorge trank alle Getränkevorräte aus, die er für seine Abiprüfung eingepackt hatte, vergebens, es lief nicht. Tjorge bot an, nach Hause zu fahren, das sei gleich um die Ecke, dort könnte er ein, zwei Kaffee trinken, das bringe es dann schon. Tjorge stieg bei der Polizei ein, denn selber fahren, das durfte er aufgrund des Verdachts, er könne unter Drogen stehen, nicht. Sein Bruder Djure sollte auf Anweisung der Beamten an der Straße warten.

„Als mein Sohn mit der Polizei vorfuhr und Djure nicht dabei war, war der Schreck groß“, erzählt Mutter Dörte Paulsen, die als Ärztin in Eckernförde arbeitet. Was denn los sei, wollte sie wissen. Doch die Polizisten durften ihr keine Auskunft geben, ihr Sohn sei volljährig. Er erläuterte ihr schließlich seine Bredouille und ging aufs Klo. Doch auch hier Fehlanzeige. „Mein Sohn hat mündliches Abitur“, betonte auch Dörte Paulsen, doch das beeindruckte die Beamten nicht. Sie könne ihm jetzt Blut abnehmen und zeigte den Beamten ihren Arztausweis. Der Weg zum Vertragsarzt der Polizei hätte noch mehr Zeit gekostet, denn in der Schule wartete man schon. Die Polizisten belehrten Tjorge, beklebten die Entnahmeröhrchen, und Dörte Paulsen ließ ihren Sohn zur Ader.

Dann durften sie los, Tjorge natürlich nicht allein, denn das Ergebnis der Blutanalyse steht ja noch aus. Seine Mutter fuhr, unterwegs sammelten sie noch Djure an der Landesstraße ein und erreichten mit zweistündiger Verspätung die Peter-Ustinov-Schule. „Wir haben noch eine Lücke für die Prüfung gefunden, aber so etwas haben wir noch nicht erlebt“, sagte Schulleiter und Tjorges Prüfer, Dirk Söhren auf Nachfrage der EZ. Man habe Tjorge aber gefragt, ob er sich nach den Ereignissen des Vormittags wirklich jetzt der Erdkunde-Prüfung stellen wolle. Tjorge wollte – mit Erfolg: Sehr gut, 15 Punkte.

Rückblickend ist Tjorge Paulsen sehr enttäuscht über das Auftreten der Polizisten. „Ich habe die ganze Zeit gemerkt, dass man mir nicht glaubt“, sagt Tjorge. Dabei habe er sich nie verweigert und zu jeder Zeit kooperiert. Auch seine Mutter hätte sich ein Verhalten gewünscht. „Ich hätte Tjorge rechtzeitig zur Prüfung fahren können und anschließend zu der Blutentnahme.“ Diese habe sie übrigens für ihren Sohn kostenlos gemacht, denn fällt der Test negativ aus, und davon geht sie aus, zahlt die Polizei die Kosten.

Sönke Hinrichs, Pressesprecher der Polizeidirektion Neumünster, hat sich auf Nachfrage der EZ informiert. Nach seiner Aussage hätten die Kollegen richtig gehandelt. Im Protokoll würde stehen, dass Tjorges Fahrweise auffällig gewesen sei, die roten, glasigen Augen seien ein Indiz für Drogenkonsum gewesen. Zudem habe er zugegeben, schon mal einen Joint geraucht zu haben. „Damit sind die Kollegen verpflichtet, be- und entlastendes Material zu sammeln“, so Hinrichs, und das mit der Urinprobe habe ja nicht geklappt. Ansonsten wäre die Sache schon früher erledigt gewesen. Der Mutter, die Blutentnahme beim Sohn zu gewähren, sei ein Entgegenkommen der Polizisten“, betonte Hinrichs, denn eigentlich gelte sie als befangen.

Andere Jugendliche wären völlig von der Rolle gewesen, hätten sich für diesen Tag die Abi-Prüfung abschminken können, sagt Dörte Paulsen. Sie sei froh, dass Tjorge das alles so gut weggesteckt hat. Dabei musste er nicht nur konzentriert bleiben und nicht an den Drogentest denken, sondern „ich musste auch während der Prüfung die ganze Zeit aufs Klo.“ 

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erstellt am 05.Jul.2016 | 11:07 Uhr

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