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Eckernförder Zeitung

04. Dezember 2016 | 23:28 Uhr

Spurensuche : „Eine Reise in die Vergangenheit“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Megan Ward lebt am anderen Ende der Welt – in Australien. Die Suche nach Spuren ihrer Großmutter führte sie auf einen Hof in Tüttendorf.

Tüttendorf | „Es ist April in Norddeutschland, die Frühlingsluft ist kühl, die Landschaft fasziniert mich. Ich befinde mich auf der letzten Etappe meines Europa-Besuchs 2015, ein sehr wichtiges und emotionales Kapitel meiner Reise. Nervosität und Vorfreude zwingen mich dazu, stocksteif im Auto zu sitzen, während ich die satt-grünen, vorbeiziehenden Äcker betrachte. Dennoch rast mein Herz so, dass mein Kopf die Umgebung nicht so klar und leuchtend aufnehmen konnte, wie ich es mir gewünscht hätte. Und plötzlich steht es vor mir, groß und stolz an der friedlichen Straße – das Bauernhaus der Vergangenheit. Dieses beeindruckende Gebäude war das „Zwangs-Zuhause“ meiner Großmutter. Hier hat sie den Rest ihrer Jugend während des Zweiten Weltkrieges verbracht.“ Megan Ward (2015)
Megan Ward ist 30 Jahre alt und lebt in Warragul, das ist eine Stadt im ländlichen Viktoria in Australien. Im vergangenen Jahr verschlug es sie nach Norddeutschland. Sie war auf der Suche nach Spuren, die ihre Großmutter hier hinterlassen haben könnte. Und genau diese Suche führte sie nach Tüttendorf. Auf dem Hof der Familie Ströh wurde die junge Autorin fündig. Hier hat ihre Großmutter während des Zweiten Weltkriegs zwei Jahre als Küchenhilfe verbracht.

 


Geheimnisvolle Vergangenheit


 

Megan Ward war gerade zehn Jahre alt, als sie das erste Mal etwas über die europäische Vergangenheit ihrer Großmutter hörte. Sie war 1979 verstorben, kurz bevor Megan auf die Welt kam. „Meine Großmutter war eine wunderschöne Frau, klug, inspirierend und von vielen bewundert. Ihre Vergangenheit konnte niemand erahnen. Diese war geheimnisvoll, verwirrend, und für alle, außer für sie selbst, nahezu unbekannt“, beschreibt sie. Aber genau das Geheimnisvolle, das Verborgene war es, was die junge Frau reizte. Es ließ ihr keine Ruhe, sie hat viel recherchiert und sich schließlich 2015 auf die Reise gemacht.

Megan Wards Großmutter wurde Mitte der 20er-Jahre als ältestes Kind einer großen Familie in der Ukraine geboren. In der Familie wurde sich erzählt, dass sie und ihre Schwester 1943 von Deutschen entführt und mit einem Rindertransport gen Westen gebracht wurden. Hier soll sie von ihrer Schwester getrennt und als „Ostarbeiterin“ auf einen Bauernhof nach Norddeutschland geschickt worden sein, um als Küchenhilfe eingesetzt zu werden. Ihre Familie in der Ukraine hat sie nie wieder gesehen. „Sie hat später immer liebevoll von dieser Familie gesprochen, mit der sie zusammen gelebt hat. Sie erinnerte sich an freundliche Menschen, die sie sehr gut behandelt hatten – und sie wusste, dass sie sich damit sehr glücklich schätzen konnte“, berichtet Megan Ward.

Unter dem Schutz der Familie Ströh überlebte die junge Frau den Krieg, wurde dann aber von russischen Soldaten gefangen genommen, wegen „verräterischen Aktivitäten“ angeklagt und bestraft. Wie durch ein Wunder konnte sie der Brutalität und den Verhören der Roten Armee entfliehen. Anfang 1946 ließ sich sie als polnische Displaced Person, als Heimatvertriebene, registrieren, um nicht weiter verdächtigt zu werden. Einige Jahre später lernte sie ihren Mann – Megan Wards Großvater – kennen, einen ehemaligen polnischen Aufständischen. Sie bekamen einen Sohn und emigrierten nach Australien. Sie bekam weitere Kinder und erzählte ihnen im Laufe der Jahre immer wieder kleine Geschichten aus ihrem früheren Leben.

 


Auf der Suche nach Spuren


 

Die einzige konkretere Verbindung zur Kindheit ihrer Großmutter fand Megan Ward erst in einer Schularbeit, die ihre Mutter als 13-Jährige angefertigt hatte: ein Familienstammbaum, der für sie zum wichtigsten Schlüssel zur Vergangenheit wurde. Er enthielt die Namen und Geburtsdaten der Eltern und Geschwister der Großmutter.

Im Laufe der Jahre hat die Zusammenarbeit mit dem Internationalen Suchdienst (ITS) ihr sehr geholfen. Da auch der Vater ihrer Großmutter, Konstantin, den ITS angeschrieben hatte, konnte eine Verbindung hergestellt werden. Über das Russische Rote Kreuz und den Namen Konstantin konnte der Kontakt zu einer in Russland lebenden Frau namens Olga aufgenommen werden. Olga ist eine Enkelin von Konstantin und sie konnte bestätigen, dass ihr Großvater zwei ältere Töchter hatte und eine davon Megan Wards Großmutter gewesen sein musste. Sie sei überglücklich gewesen, von den Verwandten ihrer Großmutter in der Ukraine zu erfahren, erklärte Megan Ward. „Also konnten wir unsere Familie doch noch zusammenführen. Olga und ihre Familie sind mir inzwischen sehr wichtig geworden“, beschreibt sie. Im April 2015 habe man sich in Moskau getroffen, endlich ein erster direkter Kontakt mit der Vergangenheit der Großmutter.

 


Die Spur führt nach Tüttendorf



Mit den neuen Informationen konnte der damalige Arbeitgeber, Familie Ströh in Tüttendorf, ermittelt werden. Megan Ward nahm Kontakt zu Bürgermeister Wolfgang Kerber auf, der nach kurzer Skepsis, begeistert die ehrlichen Anstrengungen der jungen Frau unterstützte und die Familie Ströh ansprach. Gemeinsam fuhr er mit Megan Ward zu dem Hof im Heidholm. „Schon auf dem Weg hatte sie Gänsehaut und sie war offensichtlich sehr beeindruckt von der Größe des Hofes“, erinnert Kerber sich. Megan Ward sagt selbst, sie sei in dem Moment überwältigt gewesen: „Hier stand ich nun im April 2015, 70 Jahre zurück in die Vergangenheit gereist. Ich lief über das Land auf dem meine Babcia zwei Jahre lang gelebt und gearbeitet hat, ich hörte die Geschichte des Hofes und der Besitzer“. Ingrid Ströh lud die Australierin zum Tee, zeigte alte Bilder, aber von der Großmutter waren leider keine dabei. Sie weiß, dass ihr Schwiegervater die Arbeiter immer mit am Tisch der Familie essen ließ, obwohl das nicht erlaubt war. „Wenn sie meinten, dass Gefahr nahte, sind sie wohl immer alle aufgesprungen und rausgelaufen“, so hatte Ingrid Ströh es aus Erzählungen behalten. „Es war sehr aufregend für uns, Besuch aus Australien zu bekommen. Megan ist eine sehr sympathische Frau. Es war schön, sie kennenzulernen“, sagte Ingrid Ströh, deren Mann (geboren 1942) auf dem Hof aufgewachsen ist, aber zu klein war, um sich an die Zeit zu erinnern. Wenn sie einmal wiederkommen möchte, sei Megan Ward auf dem Hof immer willkommen, sagte Ingrid Ströh.


Dankbarkeit ausdrücken


 

Sie sei sehr froh gewesen, Gelegenheit zu bekommen, ihre Dankbarkeit der Familie gegenüber auszudrücken, die sich in dieser brutalen Zeit um die Großmutter gekümmert hatte, erklärte Megan Ward. Aber sie ist auch dankbar für die Hilfe, die sie durch den ITS, das Russische Rote Kreuz und alle anderen freundlichen Helfer auf der Reise erfahren hatte. Nur so habe sie den Lebensweg ihrer Großmutter zurückverfolgen und Verwandte zusammenbringen können. Es sei eine wichtige Erfahrung, die ihr und ihrer Mutter ein tieferes Verständnis für das Leben der Großmutter ermöglicht hatten: „eine Idee von den Herausforderungen, denen sie sich stellen musste, einen Eindruck von ihrer großen Überlebenskraft“.

Auch für Wolfgang Kerber war die Bekanntschaft mit der Australierin eine eindrucksvolle Erfahrung. „Für mich war dieser überraschende Besuch sehr spannend – spannend auch zu sehen, wie die Deportation nach so vielen Jahren bewertet wird, und wie nah der jungen Frau das Schicksal ihrer Großmutter ging“, erklärte er.

>Wer mehr erfahren möchte, kann nachlesen auf der Seite des Internationalen Suchdienstes ITS unter https://www.its-arolsen.org/aktuell/news/detailseite/news/detail/News/eine-reise-in-die-vergangenheit-von-megan-ward/


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erstellt am 13.Aug.2016 | 06:52 Uhr

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