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Eckernförder Zeitung

03. Dezember 2016 | 20:50 Uhr

LANGE NACHT DER MUSIK : Eine ganze Stadt voller Rhythmen und Klänge

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Am Sonnabend stand die dritte lange Nacht im Ostseebad im Zeichen der Musik. 13 unterschiedliche Bands spielten an 10 verschiedenen Orten.

Eckernförde | Die vier langen Nächte der Kultur gehen mit diesem November bereits in die vierte Runde. Am Sonnabend war die lange Nacht der Musik gewidmet: An zehn Orten gab es zwischen 17 und 23.30 Uhr insgesamt 13 unterschiedliche Programmangebote. Verursacherin, Gedankengeberin und Organisatorin der klingenden Novembernächte im dunklen Eckernförde ist nach wie vor die Kulturbeauftragte der Stadt, Andrea Stephan. Sie strahlt und freut sich, dass alles so gut gelingt. Nein, diese Idee der geballten Novemberkultur habe sie nicht aus Berlin mitgebracht, dieser Gedanke sei ihr vor rund fünf Jahren im Ostseebad, hier vor Ort, gekommen.

„Inzwischen haben sich die Vier langen Nächte unter den Kulturschaffenden herum gesprochen. Jetzt kommen sie von allein, wollen gern mitmachen und melden sich selber auf der Webseite der Stadt an“, freut sich die unternehmungslustige Kulturbeauftragte. Da haben sich in den letzten Monaten viele angemeldet, das Programmangebot der Sänger und Musiker war am Sonnabend entsprechend vielfältig. Von leise und sinnig über fetzig und rassig, von Edelposaunen im Maschinenhaus bis zum ganz großen Wumm im Carls war wohl für jeden Musikgeschmack, für jede Vorliebe etwas dabei. Entsprechend viele Leute waren auf den nächtlichen Straßen unterwegs: Man wollte wohl möglichst viel aus dem großen Angebot miterleben.


Im Maschinenhaus half nur Drängeln oder eine gute Ausrede

Im Maschinenhaus der Stadtwerke erlebte man schon mal die große Überraschung. Hier half nur Drängeln oder eine gute Ausrede, um überhaupt noch in diesen rammelvollen Raum hinein zu kommen. Neben dem Luxus einer Sitzgelegenheit gab es hautenge Stehplätze, und die waren auch bald weg. Was machte die Attraktion aus? Drei Leipziger Posaunisten und ein Schlagzeuger – alle in Frack und Fliege – brachten „Barockes und Jazziges“ in einer so geistvoll-lockeren und gekonnten Weise, dass man sie zu einem nahen Zeitpunkt unbedingt noch einmal erleben möchte. Und dann solo in einem Abendprogramm ohne Konkurrenz: Die musikalische Bandbreite von Thomas Morley über Johann Sebastian Bach, Duke Ellington bis hin zum „Weißen Hai im Alpensee“ bleibt bis dahin sicher unvergessen.


Im Carls wurde man von einem großen Wumm weggehauen

Ja, Konkurrenz wohin man auch sah: So spielten im Künstlerhaus Meike Salzmann (Akkordeon), Uli Lehna (Saxophon) und Joachim Roth (Bass) unter dem Motto „Klezmer Meets Tango“. Auch hier im Künstlerhaus waren weder freie Sitz- noch Stehplätze zu haben. Die hochsensible Spannung, die beim Crossover beider Musikstile entsteht, die musikalische Anwesenheit von Giora Feidman und Lydie Auvray, dazu das Können der drei gut aufeinander eingespielten Instrumentalisten, das entpuppte sich als der große Magnet.

In der Galerie 66 sorgten indes „Seven Strings Lady Sings“ für ein abwechslungsreiches, atmosphärisch dichtes Programm. Die beiden Gitarristen Christian Suter und Michael Huhn jazzten voller Freude, heizten die Gemüter an, präsentierten gekonnt Kompositionen des Great American Songbook und Bearbeitungen moderner Stilrichtungen. Und wenn sie dann nach New York und Chicago schließlich in Rio landeten, setzten die beiden Sängerinnen Sörin Bergmann und Lena Geue ihre großen Sonnenbrillen auf, hängten sich Blütenketten um den Hals und sangen portugiesisch und im Sambarhythmus von den paradiesischen Stränden, von der Liebe dort, und – alle Zuhörer begannen zu träumen.

Auch in der absolut dunklen St.-Nicolai-Kirche konnte man träumen: Aus Elektronik, Instrumenten und Videos entstanden ungewohnte, neue Klangbilder, die Vorstellungskraft und Fantasie beflügelten.

Hellwach wurde man allerdings im Carls. Nach der auch nicht grad flüsterzarten Vorgruppe „Stromabnehmer Schultze“ schlug dann Dennis Hormes in die Saiten. Da stand einem das Hemd ab, wurde man vom großen „Wumm“ weggehauen. Er ist Meister der schnellen Läufe, hat unverwechselbare Techniken drauf, füllt mit begleitendem Bass und mit Percussion die ganze Bühne, lässt das Dach abheben. Welttourneen sind sein Markenzeichen.

Mit lediglich einer Gitarre ausgerüstet, saß dann Jon Flemming-Olsen in der Galerie 66 auf seinem Stuhl, sang, erzählte, spielte alleine und gut, beeindruckte seine Zuhörerschaft mit Authentizität, zauberte Lächeln herbei. Nachdenkliche und sehr emotionale Elemente in seinen überwiegend deutschen Texten machten ihn gewinnend. Er gewann viel Aufmerksamkeit und zustimmenden Beifall.

„Up & Down“ im Utgard, Gerrit Hoss in der Siegried-Werft, Markus Segschneider im Haus, Nora Blumenau bei Römer & Wein, die Solotoros und Sambafish im Spieker – wie hätte man das alles nur schaffen können? Zumal im Ostsee Info-Center die „Jazz Romances“ allerbesten Jazz verschenkten, begleitet von NDR-Sprecher Wolfgang Berger, der die „Story vom Jazz“ sinnfällig vermittelte.

Pianist Niels Unbehagen, Bassist Kai Stemmler, Schlagzeuger Peter Baumann, Trompeter Thomas Niemand und Benny Alvers mit Saxophon und Klarinette spielten sich bald die Seele aus dem Leib. Die dichtgedrängte Zuhörerschaft war wie gebannt. „Zu schade“, bemerkte Peter Baumann im Nachhinein, „dass der Raum einfach zu klein war. Dauernd mussten Stühle rangeschleppt werden, das störte sehr. Viele Leute standen auch enttäuscht auf der Treppe, gingen dann wieder.“

Derweil schlugen die Jazzer den musikalischen Bogen von den Blues- und Gospelanfängen im ländlichen Süden Amerikas – Worksongs bei den Baumwollpflückern – bis zur Zeit des wilden Chicago-Jazz und Swing.


Die Räume sind fast zu klein für derart viele Zuschauer

„Und wenn man heute einen Jazzer fragt“, so NDR-Sprecher Wolfgang Berger, „kannst du das nochmal so spielen wie auf der Platte? Dann geht das einfach nicht. Jazz ist immer neu, entsteht aus der Freiheit des Augenblicks. Fühle ich mich heute noch so wie gestern? Ich weiß nicht, was als Nächstes passiert, und letzten Endes – wer weiß das schon?“

 
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erstellt am 21.Nov.2016 | 05:23 Uhr

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