zur Navigation springen

Eckernförder Zeitung

03. Dezember 2016 | 16:49 Uhr

Lesung im OIC : Einblicke ins Leben der Familie Mann

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Lesung „Die Manns – Geschichte einer Familie“ / Tilmann Lahme stellt aktuelle Forschung zu Thomas Mann im OIC vor

Eckernförde | Dicht besetzt war der Ausstellungsraum des Ostsee Info-Centers (OIC) am Freitagabend, als der Sachbuchautor, Germanist und Historiker Tilmann Lahme Auszüge seines Familienportraits „Die Manns – Geschichte einer Familie“ vorstellte. Während der Fortsetzung des Ausstellungsprojektes „Erzähl mir Meer! Geschichten von der See“, das im Lübecker Buddenbrook-Haus im vergangenen Sommer gezeigt wurde, hatte der Leiter des OIC, Claus Müller, Lahme eingeladen, um die Ausstellung mit aktuellen Forschungsergebnissen über den Jahrhundertschriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann zu bereichern. Müllers persönlicher, akademischer Bezug zu dem literarischen Werk Manns und seine Begeisterung über die Realisierung der eigens für das Buddenbrook-Haus entworfenen Ausstellung bei seinem Besuch im Vorjahr, hatten ihn dazu veranlasst, das literarische Ausstellungskonzept den Sommer über nach Eckernförde zu holen.

Thomas Mann und Textauszüge seiner bekanntesten Werke wie „Der Zauberberg“, „Tod in Venedig“ oder „“Die Buddenbrooks. Verfall einer Familie“ stehen neben weiteren bedeutenden deutschsprachigen Literaten, Lyrikern und Liedschreibern im Zentrum des in Kooperation mit der Hochschule für bildende Künste in Hamburg entstandenen, experimentellen Ausstellungsprojektes, das neue Ausstellungskonzeptionen und Präsentationsmöglichkeiten von Literatur im musealen Kontext erproben möchte.

So verband sich die Thematik des Vortragsabends unter dem Titel „Erzähl mir Meer! Die Manns: Glanz und Elend einer Familie“ über die Familie Thomas Mann’ passgenau mit der präsentierten Textausstellung, rahmten neben den Textauszügen Thomas und Golo Manns unter anderem auch Nachdrucke von Postkarten, die Thomas Mann aus der Sommerfrische am Meer seinem Bruder Heinrich gesendet hatte, den Ausstellungsraum.

Lahme eröffnete seine Darstellungen mit einem Brief des jüngsten Kindes Thomas Manns, Michael Mann, aus dem Jahr 1937 und folgte damit seiner konzeptionellen Prämisse, einen Blick auf die Familie „von innen heraus“ gewähren zu wollen. Seine Bittbriefe aus einer Pariser Hotelsuite im Exil an die bereits in die USA emigrierte Mutter legen offen, dass die Manns eine nicht nur ästhetisch sondern auch finanziell anspruchsvolle Familie waren. Unterstützende Geldforderungen der Kinder an die Eltern stellte ein allgegenwärtiges Thema dar. So beklagt sich Michael Mann empört, dass sein monatliches Studentenbudget in Paris viel zu knapp bemessen sei. Wurde ein Brief nach Hause ohne einen Hinweis auf nötige finanzielle Zuwendung an die elterliche Adresse versendet, so Lahme, wurde dies betont und rhetorisch ausgeschmückt.

Beim Zitieren aus jenen Briefen des jüngsten Sprösslings und der anderen Geschwister ging Raunen und Auflachen durch den Raum, kamen doch die Wortwahl und Gedankengänge des 18-jährigen Michael Mann und seiner Brüder und Schwestern dem einen oder anderen Zuhörer im Publikum aus seiner eigenen oder der elterlichen Biografie möglicherweise bekannt vor.

Lahme schickte seinem Vortrag, der mit der Emigration der Familie aus Deutschland im Jahr 1937 in die USA und nach Frankreich einhergeht und die Jahre 1948 und 1949 als weitere Eckpfeiler umfasste, die Erklärung voraus, warum eine weitere, biografische Publikation zum Themenkomplex der Familie Mann zeitgemäß ist, obgleich die bekannte Mann-Kennerin und -forscherin Inge Jens auf diesem Gebiet mit ihren Veröffentlichungen bereits Maßstäbe gesetzt hat.

Der Absolvent des hiesigen Internatsgymnasiums Schloss Louisenlund berichtete, dass ein neuerlicher Dachbodenfund 40 Kisten aus dem Nachlass von Katia Mann zu Tage gefördert hatte, der sich als höchst aufschlussreich hinsichtlich einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Familienmythos erwiesen hatte. Diese Kisten erhielten ein Konvolut von 3000 Briefen Katia Manns an ihre Verwandten, von denen 250 Exemplare den engsten familiären Zirkel adressierten. Katia Manns Beobachtungsgabe und detailgenauen Beschreibungen in ihren Briefen, sei es zu verdanken, dass nicht nur Thomas Manns bekanntermaßen prämierten Detailbeschreibungen davon profitierten, sondern, so kommentierte Lahme, es ihm als Biograf erst möglich machten, ein lebendiges Bild der Familie zu zeichnen, das auch die lange im Verbogenen gebliebenen, dunklen Facetten und innerfamiliären Grausamkeiten des kosmopolitisch agierenden Künstler-Clans, wie die offene zur Schau getragene Bevorzugung bestimmter Familienmitglieder, zu zeigen vermag.

Über eine Stunde lang gab Lahme mit einem wohlwollenden, beinah mütterlichen Gestus einen erfrischenden und beseelten Einblick in die familiären Turbulenzen und Themenschwerpunkte der Familie Mann im Exil, betonte jedoch auch deren privilegierte Gesamtsituation im Vergleich zu anderen Migranten jener Zeit. Der mit zahlreichen Privatfotografien der Manns gespickte Vortrag lies den einen oder anderen Zuhörer des Abends, wie auch Claus Müller, mit einem verklärten Blick auf die Schriftsteller-Dynastie aus Lübeck zurück: „Das ist ja besser als die Lindenstraße.“ Dieser, die zahlreichen Nachfragen an Tilmann Lahme aus dem Publikum nach dem Vortrag eröffnende Kommentar, fasst vielleicht das familiäre Treiben der Manns abseits der großen literarischen Kunst am treffendsten zusammen.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 01.Aug.2016 | 06:23 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen