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Eckernförder Zeitung

30. Juni 2016 | 23:17 Uhr

Plattdeutsch : „Diese Sprache gehört in die Region“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Am 6. November verleiht Kappeln den Niederdeutschen Literaturpreis. Karby ist Modellschule für Unterricht der plattdeutschen Sprache.

Karby | Die niederdeutsche Sprache ist charakteristisch für Schleswig-Holstein und ein wesentliches Element seiner Kultur. Die Landesverfassung verpflichtet das Land sogar dazu, das Niederdeutsche zu schützen und zu pflegen. Zudem wurde die Regionalsprache wie auch Nordfriesisch in die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen aufgenommen. Zahlreiche niederdeutsche Vereine, Verbände und Institutionen sorgen für den Erhalt der Sprache.

Seit 1991 verleiht die Stadt Kappeln gemeinsam mit dem Schleswig-Holsteinischen Heimatbund den Niederdeutschen Literaturpreis für herausragende Leistungen im Bereich der niederdeutschen Sprache. In diesem Jahr findet die Verleihung am Freitag, 6. November, statt. Doch wie steht es in der Praxis um die Sprache, die Teil der schleswig-holsteinischen Identität ist? Wer spricht heute noch Platt, wer interessiert sich überhaupt für das Thema?

Petra Herzig sitzt als Leiterin der Stadtbücherei gewissermaßen am literarischen Puls Kappelns. Die Nachfrage nach plattdeutschen Büchern ist nicht besonders groß, das zeigen auch die kaum mehr als 100 niederdeutschen Titel in der Datenbank der Bücherei. „Wenn das Interesse größer wäre, würde ich mehr bestellen. Aber plattdeutsche Literatur ist nicht wahnsinnig gefragt, außer von denen, die in dem Bereich sehr engagiert sind“, bedauert Herzig. Rudolf Kinau, Reimer Bull, Ina Müller und Matthias Stührwoldt sind nur einige der niederdeutschen Autoren, die die Bücherei bereithält. Besonders beliebt sei das Spiel „Bingo op Platt“, berichtet Herzig, bei dem das Sprechen und das Verstehen der Regionalsprache trainiert werde. Für Kindergärten und Schulklassen der Orientierungsstufe bietet die Bücherei außerdem eine „Wissenbox Plattdeutsch“ an, die Spiel- und Lernmaterialien enthält. Lange schon stehen literarische Klassiker wie Goethes „Faust“, Grimms Märchen oder Pippi Langstrumpf in niederdeutscher Übersetzung in den Bücherregalen. „Wenn man Plattdeutsch lernen will“, weiß die gebürtige Hessin Petra Herzig aus eigener Erfahrung zu berichten, „muss man es aber erstmal ins Ohr kriegen, zum Beispiel mit Hörbüchern oder bei Lesungen“.

Letztere finden in der Stadtbücherei ein Mal im Monat sowohl auf Hochdeutsch – durch Angelika Baron – als auch in Niederdeutsch – durch Monika Jenner – statt. Dass die plattdeutsche Mundart in den vergangenen Jahrzehnten an Stellenwert eingebüßt hat, ist für Monika Jenner beklagenswert, aber erklärbar: „In den Nachkriegsjahren war Platt die Sprache des armen Mannes. Viele Eltern haben darum darauf verzichtet, mit ihren Kindern Plattdeutsch zu sprechen.“ Aus diesem Grund habe auch Jenner erst mit 25 Jahren die Sprache ihrer Eltern und Großeltern erlernt. „Mein Vater und meine Mutter haben nur Hochdeutsch mit uns gesprochen“, sagt sie.

In den vergangenen Jahren sei die Sprache im Allgemeinen aber wiederbelebt worden. Jenner: „Jetzt reden die Großeltern wieder mit ihren Enkelkindern Plattdeutsch. Man hört es sofort, wenn ein Kind die Sprache von zu Hause kennt.“ Sprechen – das sei überhaupt die beste Lernmethode, so Monika Jenner. „Das größte Manko an der plattdeutschen Sprache ist, dass sie zu wenig gesprochen wird. Meistens geht man nur in Lesungen oder Theaterstücke“, lautet ihre Feststellung.

Auch sollten Schulen mehr Angebote zum Erlernen des Niederdeutschen bereithalten. „Es wäre wünschenswert, dass die Region ihre Sprache wiederfindet, auch im täglichen Gebrauch.“ Denn die Seniorin weiß um die Vorzüge der niederdeutschen Sprache: „Du kannst auf Plattdeutsch etwas Böses sagen, und es klingt immer gut.“

Eine der Schulen, die sich für den Erhalt und die Verbreitung der plattdeutschen Sprache engagieren, ist die die Grundschule Karby. Als einzige Grundschule im Altkreis nimmt sie an einem Modellversuch des Landes Schleswig-Holstein teil, der im Schuljahr 2014/2015 begonnen hat.

„Es handelt sich um einen Modellversuch, der auf vier Jahre ausgelegt ist“, erklärt Schulleiterin Inka Gorecki. Pro Schuljahr gewähre das Land zwei zusätzliche Lehrerstunden für den Plattdeutschunterricht, so Gorecki. Die Umsetzung und die Anwendung bleibe jeder Schule überlassen.

In Karby lernen bereits die Erstklässler die plattdeutsche Sprache kennen. Um ihnen den Einstieg in die jahrgangsübergreifenden Lerngruppen der Klasse eins und zwei zu erleichtern, bekommen sie zunächst eine Extrastunde. Die, wie alle anderen Plattdeutschstunden auch, übernimmt die Musiklehrerin Frauke Bruhn. Die Musiklehrerin habe immer schon in ihrem Unterricht die Kinder mit plattdeutschen Liedern, Spielen oder Gedichten bekannt gemacht, sagt Inka Gorecki. „Wir haben Glück: Frau Bruhn ist eine echte Muttersprachlerin, da sie mit der niederdeutschen Sprache aufgewachsen ist“, so die Schulleiterin.

Und das scheint den ersten Erfahrungen nach bei den Kindern gut anzukommen. Im Frühjahr werde evaluiert – dann könne man mehr zum Konzept sagen. Rund drei Viertel der Schüler werden in Karby im Plattdeutschen unterrichtet. „Das sind keine Arbeitsgemeinschaften. Die Plattdeutschstunden sind fest verankerte Stunden im Stundenplan“, bekräftigt Gorecki. Der Unterricht ähnele dem Fremdsprachenunterricht im Fach Englisch in der Grundschule.

Nur die wenigsten Jungen und Mädchen beherrschten noch den heimischen Dialekt, weiß die Schulleiterin. Das wolle die Grundschule ändern. „Mit dem Plattdeutschen bewahren wir auch ein Stück unserer eigenen Identität und ein Stückchen Heimat“, begründet Gorecki das Engagement der Grundschule.

Engagiere man sich nicht, drohe die plattdeutsche Sprache auszusterben. Und damit ginge auch ein wesentlicher Teil der schleswig-holsteinischen Geschichte verloren.

 

 

 

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erstellt am 29.Okt.2015 | 06:00 Uhr

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