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Eckernförder Zeitung

09. Dezember 2016 | 10:51 Uhr

Die süße Wucht der Musik

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Brahms Requiem: Unvergessene Aufführung mit St.-Nicolai-Chor und Ars Musica Flensburg unter der Leitung von Katja Kanowski

Schon mit den ersten Takten des Ensembles Ars Musica Flensburg, mit den ersten gesungenen Worten des St.-Nicolai-Chores wusste man es: Das war das Deutsche Requiem von Johannes Brahms, eröffnet mit dem Chorsatz „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“. Dieses gewaltige, in seiner Ausdruckskraft so ergreifende Werk der europäischen Musikgeschichte nimmt gefangen, berührt bis ins Innerste. Und das geschieht während des gesamten Konzertes. Hier kann man nicht ausweichen, dieses Requiem erschüttert, das ist eine intensive Stunde mit unausweichlichem Übergriff auf das ganz persönliche Seelenleben.

Lag es an der Jahreszeit, am Novembergrau, an den Tagen mit Volkstrauer und grabgeschmücktem Totengedenken, dass über 350 Menschen am Sonntag in die St.-Nicolai-Kirche kamen, um bei Katja Kanowski Einkehr zu halten? Eckernfördes Kirchenmusik-Direktorin kann es: Sie steht und dirigiert fest und zielgerichtet das Flensburger Orchester, den großen Chor, die beiden Solisten, das beste Ergebnis ist dabei grade gut genug. So kamen alle in den Genuss einer vorzüglichen und sicher unvergesslichen Aufführung.

Tod, Verlust, Trauer, Einsamkeiten voller Sorgen und Befürchtungen – das sind Erfahrungen, die unter den vielen Konzertbesuchern vermutlich schon viele gemacht haben. Wenn man dann mit biblischen Texten vom Leiden und der Endlichkeit des Menschen konfrontiert, vor allem auch tröstende Worte hörte, dann nahm man sie nur allzu gerne an. „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ – das klingt wie die Überschrift über das gesamte Requiem. Leid ertragen mit Geduld, Trost und Hoffnung auf ein Wiedersehen nach dem Tode – das sind auch nach Katja Kanowskis Worten die Themen, die Johannes Brahms in die sieben Sätze der Komposition einflicht. Die eigene Vergänglichkeit füllt die Vorstellung bei Worten wie „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras, und alle Herrlichkeiten des Menschen wie des Grases Blumen. Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen.“


Ausgesuchte Bibelstellen


Dazu kommt jedoch die süße Wucht der Musik und die ernste Mahnung, man solle nur geduldig sein. Die Erlösten würden schließlich wiederkommen, seien ergriffen von „Freude und Wonne“. Schmerz und Seufzen seien dann vergessen. Solist Ingolf Seidel sucht nach Trost: „Herr, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muss … – Nun Herr, wes soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.“ So klingt es auch wie eine Antwort, in der musikalisch überhöhten Süße, die nicht von dieser Welt scheint: „Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth! Meine Seele verlanget und sehnet sich nach den Vorhöfen des Herrn.“ Nein, nicht Traurigkeit solle man empfinden, sondern sich freuen auf ein Wiedersehen in „seinem Hause“. Und Solistin Marret Winger singt mit engelgleicher Stimme: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Da sieht es mit der eigenen Beherrschung doch schlecht aus, und man muss Acht geben, dass einem nicht die Augen überlaufen. So viel Trauer und dazu Furcht vor dem Tod und dem ungewissen Danach einerseits, und so viel Wärme, Zuversicht und mögliches Vertrauen auf der anderen Seite. „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“

Ja, ausgesuchte Bibelstellen, von Brahms der eigenen Komposition anheim gegeben, von einem sehr einfühlsamen Orchester interpretiert, von guten Chorstimmen glänzend ergänzt (wundervoll die lupenreinen Soprane), von zwei handverlesenen Solisten überhöht und das alles in den begabten Händen einer Katja Kanowski. Was für eine Freude, was für ein Geschenk – ein großes Stück Menschheitsmusik in Eckernförde.

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erstellt am 15.Nov.2016 | 06:34 Uhr

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