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Eckernförder Zeitung

10. Dezember 2016 | 02:07 Uhr

EIN TRADITIONSSEGLER WENIGER : Die „Alte Liebe“ geht aufs Land

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die Traditionssegler-Flotte im Eckernförder Hafen wird kleiner. Die kleine Tjalk „Alte Liebe“ reist heute Abend per Lastwagen nach Bokel.

Eckernförde | Der Eckernförder Hafen wird um ein weiteres Traditionsschiff ärmer. Heute verlässt die Boyer-Yacht „Alte Liebe“ das Ostseebad. Seit drei Wochen liegt das Plattbodenschiff auf der Slipanlage. Ursprüngliches Ziel der Trockenlegung sei die Reparatur des 64 Jahre alten Gaffelkutters gewesen, erklärte Rainer Szwerinski, Vorstandsmitglied des Trägervereins „Segelschulschiff Alte Liebe“. Nach näheren Untersuchungen sei deutlich geworden, dass die Reparatur den anfangs gesteckten finanziellen Rahmen mehr als das Zweifache der Summe übersteigen würde.

„Das zunehmende Alter und die damit verbundenen erforderlichen Sanierungsmaßnahmen ist einer der Hauptgünde für das Verschwinden der Traditionsschiffe aus dem Hafen“, erklärt Dietmar Steffens, Geschäftsführer der Stadtwerke, die Betreiberin des Hafens sind. Verantwortlich für diese Entwicklung seien auch die im Vergleich zu früher gestiegenen Voraussetzungen für eine Klassifizierung: Eigner müssen für die Zulassung als Traditionsschiffe ein entsprechendes Zertifikat in Bezug auf die Historizität vorweisen können.

Klagen seitens der Eigner zum Beispiel über hohe Liegegebühren kann Steffens nicht nachvollziehen. „Die Rahmenbedingungen für Traditionsschiffe im Eckernförder Hafen stimmen“, sagt er. 600 bis 800 Euro pro Jahr müsse der Eigner eines Traditionsschiffes für einen Liegeplatz zahlen. Im Vergleich: Eine Privatperson muss für eine 15-Meter-Yacht mit rund 1500 Euro an Liegegebühren rechnen. „Das sind teilweise einfach Schnacker“, sagt Steffens.

Ein Wassereinbruch während eines Törns im Herbst des vergangenen Jahres war der Anfang des Endes des Segelschulschiffes „Alte Liebe“, das 1949 bis 1952 in Hamburg bei Lütgens & Reimers im Auftrag des Privatdozenten Dr. Karlheinz Gerhard Neumann gebaut wurde. Er erfand nach dem Zweiten Weltkrieg
das Gefriertrocknungsverfahren für Kaffee und verkaufte sein Patent an das
Schweizer Unternehmen Nestlé. Von dem Erlös ließ er die kleine Tjalk bauen und befuhr mit seiner Frau die Nord- und die Ostsee. Nach dem Tod seiner Frau ließ er sich mit dem Schiff im Mittelmeerhafen von Ayamonte nieder. Später vermachte Neumann die „Alte Liebe“ dem Verein „Freunde der Erziehungskunst Rudolf-Steiners-Waldorfpädagogik“ mit der Auflage, das Schiff nach Deutschland zu überführen und es dort im Rahmen der Waldorfschulen „zum Zwecke der charakterlichen Erziehung und Schulung junger Menschen“ einzusetzen. So kam die Tjalk 1986 nach Eckernförde. Generationen von Waldorfschülern haben auf der Yacht außerschulisch aufregende Momente erlebt.

Ursprünglich wog das 16 Meter lange und vier Meter breite Schiff 15 Tonnen. Jetzt wartet es völlig entkernt auf seinen heutigen Abtransport. Die Verschrottung bleibt der Tjalk erspart. Ein 90 Tonnen-Kran soll die „Alte Liebe“ auf einen Lastwagen heben, der sie in das 40 Kilometer entfernte Bokel bringen soll. Dort soll sie nach einer gewissen Restaurierung und Dokumentation Kindern und Jugendlichen zur Verfügung stehen.

Mit dem Verlust der „Alten Liebe“ verkleinert sich die Eckernförder Traditionssegler-Flotte. Dem Ostseebad erhalten bleiben die Traditionsschiffe „Platessa“, „Jachara“, „Ruth“ (ist gerade in Esbjerg in der Instandsetzungswerft), „Sigandor“ und die „Roald Amundsen“, die aufgrund ihrer Reisen nur selten im Heimathafen anzutreffen ist. Die „Freedom“ habe den Status eines Traditionsschiffes verloren und sei inzwischen als Sportboot klassifiziert, so Steffens. Über Jahre sei an dem Schiff nichts gemacht worden, entsprechend marode sei der Zustand des einst stolzen Schiffes, so der Hafen-Chef. Die Stadtwerke als Betreiberin des Hafens planen, die „Freedom“ demnächst in den Innenhafen zu holen, um den begehrten Liegeplatz in erster Reihe anderen Schiffen anbieten zu können. Außerdem soll der „Freedom“ ein ähnliches Schicksal wie der „Ninive“, die im Januar 2015 im Hafen gesunken ist und deren Übernahme der Bergungskosten bis heute nicht geklärt sind, erspart bleiben. Vielen dürften noch die Namen einiger Traditionsschiffe, die bis vor einigen Jahren in Eckernförde ihren Heimathafen hatten, in Erinnerung sein. Die „Freddy“ und die „Rüm Hard“ liegen heute in Hamburg, die „Ethel von Brixham“ in Kiel, die „Zuversicht“ in Laboe. Häufig gründeten Liebhaber der Traditionsschiffe Betreibervereine, bilden ehrenamtliche Schiffsmannschaften aus, um Fahrten anbieten zu können mit dem Ziel, das Schiff finanziell über Wasser halten zu können.

„Das Grundproblem bleibt: Haben die Schiffe ein gewissen Alter erreicht, stehen die Eigner vor einem Problem“, sagt Steffens. Kursierende Gerüchte, dass die neuen Anwohner an der Hafenspitze sich über die Traditionsschiffe beschwert haben sollen, entbehrten jeder Grundlage.

Die Eigner der Traditionssegler „Freedom“, Rieke Boomgaarden, und „Jachara“, Wolfgang Beyer, waren gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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erstellt am 03.Aug.2016 | 06:22 Uhr

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