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Eckernförder Zeitung

11. Dezember 2016 | 05:15 Uhr

Der Zerfall der Buddenbrooks – Weltliteratur aus anderer Sicht

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Eckernförde | Direkt am Meer gelegen, bietet das Ostsee Info-Center (OIC) Eckernförde Infos und Einblicke in die faszinierende Tier- und Pflanzenwelt der Ostsee. Auf dem botanischen Dachgarten wurde außerdem eine typische Küstenvegetation angelegt – alles für die Freunde von Flora und Fauna. Seit geraumer Zeit wird im OIC auch viel für die Literaten und Leseratten der Stadt organisiert – derzeit lädt die Sonderausstellung „Erzähl mit Meer! Geschichten von der See“ ein. Das Buddenbrook-Haus Lübeck bereichert diese Ausstellung mit der Idee, Texte verschiedenster Gattungen und Autoren kennenzulernen.

Selbstverständlich gehören dazu auch Texte der Schriftsteller-Familie Mann, allen voran Thomas Mann mit seinem Nobelpreis-Roman „Die Buddenbrooks“. Der Verfall dieser fiktiven, bürgerlichen Familie aus Lübeck wurde von Thomas Mann bekanntermaßen brillant umgesetzt. Die Frage der Darstellung dieses Familien-Zerfalls aus gänzlich anderer Sicht beantwortete Dr. Sabine Küster im OIC in ihrem Vortrag „Die Buddenbrooks und ihre Krankheiten“ am Freitagabend.

Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Küster (45) aus Fahrdorf beschäftigt sich beruflich mit der Forschung und Förderung von Hochbegabten aller Altersgruppen. Thomas Mann zählt für sie ausdrücklich dazu, sie sagt: „Mann vereinte in sich zwei Talente: eine hervorragende Beobachtungsgabe und die besondere Fähigkeit, das Beobachtete schriftstellerisch umsetzen zu können.“

Unter diesem Aspekt nahm sie den mittlerweile 115 Jahre alten Roman „Die Buddenbrooks“ genauer unter die Lupe und beleuchtete in ihrem einstündigen Vortrag medizinische Theorien der damaligen Zeit. Anhand des Stammbaums der Buddenbrooks verwies sie auf die Degenerationslehre des französischen Psychiaters und Vererbungstheoretikers Augustin Morel, dessen Theorien damals zu kuriosen Anekdotenbildungen unter der Bevölkerung führten. So waren laut Morel’s Sicht Menschen mit den Charaktereigenschaften „nervös und träumerisch“ psychisch krank und zeigten Symptome für Wahn und Halluzination.

Küster verwies in ihrem Vortrag mit Zitaten aus dem Mann-Roman konkret auf die männlichen Buddenbrooks aus drei Generationen und zeigte auf, welche Beschwerdebilder von Thomas Mann detailliert beschrieben wurden. In diesem medizinischen Spiegelbild jener Zeit im 19. Jahrhundert stützte sich Thomas Mann lediglich auf Beobachtungen, beispielsweise der psychischen Erkrankung seines Onkels. Mann sei somit eine detaillierte Beschreibung eines Krankheitsbildes gelungen, das es damals aus medizinischer Sicht noch gar nicht gab. Der Verfall der Familie Buddenbrook sei nach der von Morel aufgestellten Vererbungstheorie also nicht nur wirtschaftlich, sondern auch psychologisch zu sehen. Mit der folgenden Bemerkung sorgte Dr. Küster dann für einen lustigen Abschluss: „Bitte machen Sie sich jetzt keine Gedanken um ihre Familie, nur weil Sie ihren Großvater als träumerisch und romantisch erlebt haben.“

Claus Müller vom OIC bedankte sich bei der Wissenschaftlerin für ihre Ausführungen, die „eine komplett neue Sichtweise dieser Oberstufen-Pflichtlektüre mit sich brachte“ und es „aufschlussreich wäre, jetzt diesen Roman noch einmal mit diesem Wissen zu lesen.“

Wer von den Manns nicht genug bekommen kann, sollte am kommenden Freitag, 29. Juli, um 20 Uhr wieder den Weg zum OIC nehmen: Dann stellt der Kulturwissenschaftler Tilmann Lahme seine vielbeachtete, jüngste Biographie „Die Manns. Geschichte einer Familie“ vor.


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erstellt am 25.Jul.2016 | 06:53 Uhr

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