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Einbürgerung : „Der Brexit war eine Fehlentscheidung“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Vorm EU-Austritt seiner Heimat lässt sich James Cruickshank einbürgern.

Eckernförde | Heute ist ein großer Tag für James Cruickshank (53), denn der Mann aus dem nordenglischen Yorkshire erhält während einer Feierstunde im Kreishaus seine deutsche Staatsbürgerschaft. Vor zwölf Jahren kam der Maschinenbauingenieur aus beruflichen Gründen nach Deutschland. Inzwischen lebt er mit seiner deutschen Frau und seiner Tochter (3) in Eckernförde. Weshalb er sich gerade jetzt für einen deutschen Pass entschieden hat, erklärt er im Gespräch mit Redakteur Tilmann Post. Der Beschluss seiner Landsleute vom Juni vergangenen Jahres, dass Großbritannien die Europäische Union verlassen soll, hat einen entscheidenden Anteil daran.

Sie lassen sich einbürgern – hat das etwas mit dem „Brexit“ zu tun?

Ja. Ich möchte sicher sein, dass ich in Deutschland bleiben kann, wenn es schwierig wird in den Verhandlungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union hinsichtlich der Bewegungsfreiheit von EU-Bürgern. Auf der Insel wird derzeit debattiert, ob die EU-Bürger nach dem „Brexit“ in Großbritannien bleiben dürfen. Wenn es soweit kommen sollte, dass Ausländer das Land verlassen müssen, könnte die EU als eine Art Gegenabkommen das Aufenthaltsrecht für Briten einschränken. Ein zweiter Grund: Potenzielle Arbeitgeber in Deutschland sollen sicher sein, dass ich weiterhin zur Verfügung stehe, sollte mein Heimatland in zwei Jahren aus der EU fliegen.

Mit der Einbürgerung zu diesem Zeitpunkt erhalten Sie nicht nur die deutsche Staatsbürgerschaft, sondern Sie dürfen auch Ihre britische behalten. Ist Ihnen das wichtig?

Ja, das ist auch ein kritischer Grund für mich. Man muss ja bereits acht Jahre in Deutschland gelebt haben, um überhaupt einen deutschen Pass erhalten zu können. Wer von meinen Landsmännern jetzt noch herkommt, hat also keine Chance mehr auf die doppelte Staatsbürgerschaft. Für sie ist es zu spät. Aber ich habe inzwischen einen Fuß auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Ich möchte später nicht ein Visum beantragen müssen, wenn ich noch einmal für längere Zeit auf die Insel will.

Wie lange sind Sie bereits hier?

Seit 2004. Es fing mit einem Auftrag für den Flugzeughersteller Airbus in Hamburg an. Der sollte nur sechs Monate dauern – aber jetzt bin ich immer noch hier. Mir hat es einfach gut gefallen. In dieser Zeit habe ich auch meine Frau kennen gelernt, damit wurde meine Bindung an Deutschland immer fester.

Was halten Sie vom Ausstieg Großbritanniens aus der EU?

Gar nichts, das britische Volk hat eine Fehlentscheidung getroffen. Die Mehrheit für den Ausstieg war letztendlich sehr gering, die Abstimmung fiel mit rund 52 Prozent gegen 48 Prozent knapp aus. Ich bin mir sicher, dass viele nur aus Protest für den Ausstieg waren und es heute bereuen. Meine Familie und meine Freunde auf der Insel leben in Unsicherheit, weil sie nicht wissen, wie stark sie von den Folgen betroffen sein werden.

Welche Konsequenzen befürchten Sie?

Eine Menge. Ein großer Nachteil ist, dass der Handel mit den EU-Staaten beeinträchtigt wird. Ich befürchte, dass die Konjunktur in Großbritannien einbricht. Zum Beispiel überlegt BMW gerade wegen des „Brexits“, ob der neue E-Mini in Großbritannien gebaut werden soll oder nicht vielleicht doch woanders. Auch die Preise werden wegen der Schwäche des britischen Pfunds gegenüber dem Euro steigen. Dafür gibt es bereits Anzeichen. Importe werden teurer. Außerdem fällt vieles weg, was für uns als EU-Bürger selbstverständlich ist, unkompliziertes Reisen zum Beispiel. Nach dem Ausstieg würde auch das Mobilfunk-Abkommen für Briten nicht mehr gelten, sodass hohe Kosten auf sie zukommen, wenn sie auf dem Festland sind – das gilt dann andersherum für EU-Bürger auf der Insel auch.

Sehen Sie auch Vorteile im „Brexit“?

Wenige. Wenn man dem Ausstieg etwas Positives abgewinnen möchte, dann lässt er sich vielleicht als Weckruf für die EU sehen, sich selbst demokratischer und effizienter zu machen. Wer versteht schon, dass die EU-Kommission nicht durch eine Wahl ins Amt kommt, und dass das Parlament zwei Sitze hat, in Straßburg und in Brüssel.

Die Befürworter wollen sich wieder auf andere Allianzen konzentrieren, etwa mit den Vereinigten Staaten. Ist das keine Lösung?

So instabil, wie die Welt gerade ist, sind starke Verbündete nötig. Deshalb ist jetzt der denkbar schlechteste Zeitpunkt, sichere Bündnisse in Frage zu stellen.

Durften Sie im vergangenen Jahr auch beim Referendum abstimmen?

Ja, das war per Post möglich. Es war wahrscheinlich das letzte Mal, dass ich an einer britischen Wahl teilgenommen habe, denn wer das Land für mehr als 15 Jahre verlässt, verwirkt sein Recht darauf, selbst wenn er britischer Staatsbürger ist. Andererseits darf ich nach der Einbürgerung in Deutschland wählen, darauf freue ich mich auch schon.

Glauben Sie, dass der Ausstieg noch abzuwenden ist?

Wenn wir Glück haben, gibt es am Ende der zweijährigen Ausstiegsverhandlungen ein weiteres Referendum, um darüber abzustimmen, ob die Bürger mit dem Ergebnis einverstanden sind. In dem Fall gäbe es eine Chance, dass Großbritannien in der EU bleibt. Unsicher ist aber, ob es zu einem zweiten Referendum kommt, denn Volksentscheide sind in Großbritannien sehr selten.

Ob ihr Heimatland in der EU bleibt oder nicht – Sie wollen ohnehin hier bleiben. Was gefällt Ihnen an Deutschland?

Vor allem die professionellen Aussichten für mich als Ingenieur. Dieser Beruf hat hier ein viel besseres Ansehen als in Großbritannien. Auch die Menschen sind offener, ich komme gut mit ihnen zurecht. Ich genieße es, das Land zu entdecken. Die Umgebung Eckernfördes ist sehr schön. Meine Familie und ich sind oft mit dem Fahrrad unterwegs, das Netz der Radwege ist toll, so etwas gibt es in meiner Heimat nicht. Je länger ich hier bin, desto weniger Gründe gibt es für mich, wieder zurückzugehen. Natürlich vermisse ich den Rest meiner Familie und Freunde. Auch eine gute Portion „Fish & Chips“ würde ich gern öfter essen. Aber ich habe kaum Heimweh.

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erstellt am 10.Mär.2017 | 05:43 Uhr

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