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Eckernförder Zeitung

09. Dezember 2016 | 03:09 Uhr

Preis für Annie Heger : „Dat is mien Dag!“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Annie Heger nimmt den 26. Niederdeutschen Literaturpreis in Kappeln entgegen

Kappeln | Für einen klitzekleinen Augenblick hatte es den Anschein, als könne sich Jörn Biel zum unfreiwilligen Star des Abends mausern. Es gehörte aber auch einiges an Mut dazu, sich anlässlich der Verleihung des Niederdeutschen Literaturpreises als überzeugter Hochdeutsch-Sprecher öffentlich zu outen. Tatsächlich hätte der Präsident des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes (SSHB) allerdings, selbst wenn er es drauf angelegt hätte, nie den Hauch einer Chance gehabt, der diesjährigen Preisträgerin den Rang abzulaufen. Und das sagt weniger über ihn als viel mehr etliches über Annie Heger. Die 33-Jährige sang, tanzte, sabbelte, mitunter stolperte und ganz am Ende weinte sie sich sogar fast ein bisschen durch den Abend. Alles davon tat sie mit einer großen Portion Charme und einer ansteckenden Fröhlichkeit. „Dat is mien Dag“, rief sie ihrem Publikum in der voll besetzten Koslowski-Halle immer mal wieder aufgekratzt entgegen. Und es hat niemand widersprochen.

Gemeinsam mit ihrer Pianistin Vanessa Maurischat eröffnete Annie Heger selbst den Abend – mit einem plattdeutschen Lied selbstverständlich und einer Extra-Strophe für Jörn Biel, in diesem Moment gleichbedeutend mit der „hochdeutschen Randgruppe in der ersten Reihe“. Interesse am hochdeutschen Text à la Heger? „Lalalalalaaaa!“ Das erste Augenzwinkern des Abends.

Kein Wunder, dass Bürgermeister Heiko Traulsen sie danach „eine ganz besondere Allround-Künstlerin“ nannte, eine, die offenbar gerne mit ihrem Publikum spielt, sich selber aber dabei glücklicherweise nie zu ernst nimmt. Auch Landtagspräsident Klaus Schlie attestierte der Preisträgerin, „ein Ausnahmetalent“ zu sein, eine Plattsprecherin, die so viel zur Lebendigkeit des Niederdeutschen beitrage. „Das Wichtige ist, dass Platt in den Herzen der Menschen lebt, mit der Zeit geht und sich verändert“, sagte Schlie und umriss damit kurzerhand so etwas wie Annie Hegers Leitmotiv. Und weil Platt eben nicht nur eine Schönwetter-Sprache sei, sondern sich genauso ernsten Themen widmen könne, sei die Auszeichnung Hegers „nur konsequent“. Schlie: „Selten ist dieser Wunsch so deutlich von einer Künstlerin und einer Niederdeutschsprecherin in die Tat umgesetzt worden wie von Annie Heger.“

Jörn Biel schloss sich dem Lob an und sprach von der Ostfriesin als einer „jungen, dynamischen Plattschnackerin“. „Sie sind die Zukunft unserer Sprache des Nordens.“ Der Literaturpreis sei bereits für viele Preisträger ein Sprungbrett gewesen und habe sich inzwischen zu einem echten Markenzeichen entwickelt.

Dass Gleiches bereits jetzt für Annie Heger gelten kann, machte Marianne Ehlers vom SHHB und Jury-Mitglied in ihrer Laudatio deutlich, als sie betonte, dass die Preisträgerin „aus der Kulturszene, egal ob Platt oder Hochdeutsch, nicht mehr wegzudenken ist“. Wenn auch mancher das Niederdeutsche als „Sprache des verlorenen Paradieses“ bezeichne, sei Hegers Platt modern, frisch und kreativ und Grund genug festzustellen: „Das Paradies ist noch lange nicht verloren.“ Und Ehlers betonte, dass die Preisträgerin ein neues Sinnbild des Niederdeutschen entworfen habe: Kein alter Herr mit Gummistiefeln, der sparsam mit seinem Platt umgeht, sondern eine junge Frau in Jeans und mit Kopfhörern, die den verschiedenen Variationen des Platt Raum gibt. Ehlers’ Fazit: „Annie Heger sorgt für ein kleines Stück Paradies.“

Worte, die die Ostfriesin danach, das zumindest stellte sie klar, gehörig unter Druck setzten. „Jetzt haben alle gehört, was man alles kann oder soll. Und dann denken alle: Oh, jetzt kommt aber was! Und dann... komm’ ich“, läutete Heger den Rest des Abends mit einem Lächeln ein. Und der sollte es in sich haben. Ein bisschen ließ sie ihre Schwester in bittersüßen Erzählungen op Platt leiden, offenbarte ungeahnte Fähigkeiten („Ich kann im Dunkeln ertasten, wann ein Blasinstrument zum letzten Mal gespielt wurde und was darauf gespielt wurde!“), ließ ihrem Publikum keine Chance, einem Selfie zu entkommen (der Beweis steht auf Hegers Facebook-Seite!), zeigte ihre gesangliche Qualität in den Balladen „Fleeg Vögel, fleeg“ und „Ik fall seeker“ und setzte einen emotionalen Schlusspunkt mit ihrer Cousine Insina Lüschen und ihrer ganz eigenen niederdeutschen Version von „Der Mond ist aufgegangen“.

Ja, das war Annie Hegers Tag. Keine Frage. Aber dieser Auftritt an diesem Abend hat daraus auch einen ganz besonderen Tag für die Kappelner gemacht.

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erstellt am 07.Nov.2016 | 06:56 Uhr

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