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Eckernförder Zeitung

04. Dezember 2016 | 15:19 Uhr

Das ausgelassene Leben der englischen Besatzer

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Ausgelassenes Kneipenleben mit allen Schikanen / Jaguar zerlegt heißgeliebte Avanti Duo

Lisbeth. Wir kannten uns seit dem Vorschulalter. Die Grundstücke meiner Großeltern und ihrer Eltern grenzten aneinander. Gespielt haben wir aber nie zusammen, wegen des sozialen Gefälles. Damals war das so. Doch mit zunehmendem Alter bekam gerade das Verbotene einen besonderen Reiz. Die Leichtigkeit ihres Lebens. Sie war Bardame, ich wurde ihr Gast, brachte sie des Öfteren nach Hause, lange Nächte, sie fühlte sich gut an. Mein Großvater machte mir Vorwürfe. Oma steckte mir Geld zu. Die Bar war an eine Gaststätte angehängt. Bier -und Tiergarten, nackte Tische, blanke Stühle, Musikbox, Bier 0,2 Liter 35 Pfennig, Kleinbahnwartesaal-Charakter, Haltestelle der Elektrischen, Füllenbruch-Kiebitzstraße war vor dem Haus. In der Bar wurde auch heimlich, weil verboten gespielt. Um Poker zu lernen, hatte ich meine 50 Mark in ein paar Minuten vergeigt, ohne zu wissen, worum es überhaupt ging.

Ein-, zweimal in der Woche kamen die Briten in kleinen Gruppen in die Kneipe. Ließen dort die Sau raus. Saufen, singen, kotzen, alles ohne Zähne. Kulturschock schon vor der EU. Wenn bei den „Tommiesen“ die Laternen angingen, tanzten sie halb nackig auf den Tischen. Vorher wurden die „Tortenheber“ – ein anderes Wort für BH – versteigert. Von A über Doppel D bis G, für jeden war etwas dabei. Dem Meistbietenden wurden Privilegien eingeräumt. Ich bot mit, erfolglos.

Heute war nichts los, ich war in der Bar mit ihr allein. Zwei Scheinwerfer bogen in die Einfahrt, hoppelten über die Gleise. Ein Pkw kam direkt auf mich zu, ich stand am Fenster. Die helle Mauer reflektierte das Licht, ein Jaguar mit englischem Kennzeichen knallte fast ungebremst gegen die Mauer unter mir. Ich bekam einen Aussetzer, Schnappatmung, mir brach das Auge, denn zwischen Kühler und Hauswand befand sich mein Moped. Der Jaguar löschte sein Licht, setzte zurück, nahm auf den Stoßstangenhörnern meine Avanti Duo ein Stück mit, bis sie herunterfiel, wendete und weg war er. 500 Mark im Eimer. Als Lehrling bekam ich 80 im Monat. Meine Schwarzarbeit hunderte von Stunden lag nun im Dunkel des Parkplatzes. Polizei kam, auch die Militärpolizei. Zum Glück hatte ich mir das Kennzeichen merken können.

Wochen später bekam ich die Aufforderung, mit der Reparaturrechnung vor einem englischen Kriegsgericht, Kaserne, Vlothoer Straße in Herford, zu erscheinen. Ein Dolmetscher empfing mich und den Kneipier, der auch als Zeuge geladen war. An der Wand des Gerichtssaales links der Union Jack, kleines Bild Prinz Philip (Battenberg) in der Mitte, rechts ganz großes Bild Königin Elizabeth (Sachsen-Coburg), darunter drei Richter in schwarzen Roben mit weißen Kurzhaarperücken, ein Deck tiefer rechts der Dolmetscher und wir, die Zeugen, links ein Offizier. Letzterer brüllte ein Kommando, die Tür öffnete sich, zwei Landser marschierten im Gleichschritt in den Saal, blieben im „Stillgestanden!“ stehen. Der Offizier trat nach vorn und trennte beiden die Winkel von den Ärmeln. Abmarsch. Der Richter in der Mitte sagte irgendetwas, der Dolmetscher übersetzte, aber unverständlich. Deutete uns an, aufzustehen, die Richter verließen den Saal. Was wir mitbekamen, war wohl für die Öffentlichkeit, denn vorher musste da schon verhandelt worden sein, dieses war reines Schaulaufen.

Wir, die Zeugen, wurden in ein anderes Gebäude zu einer Kasse an einer Kantine geführt, wo von den Soldaten Bargeld gegen Kantinengeld getauscht wurde. Ich bekam meine Reparatur bezahlt. Der Kneipier machte Palaver, weil er nicht wusste, was er verdiente, wegen seines Arbeitsausfalls als Selbständiger, handelte 50 Mark für sich aus. Mir schien das übertrieben. Ich, in der Lehre, hatte keinen Verlust, bekam ja eine Art Gehalt. Doch der Kneipier hatte dem Zahlmeister die Hasskappe aufgesetzt und aus Revanche gab der mir auch 50 Mark!

Mit dem Geld werde ich bieten, wenn die Besatzer wieder mit ihren Frauen zu Heitkämper kommen, damit ich wenigstens optisch etwas davon habe, setze ich mindesten auf G!





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erstellt am 12.Okt.2016 | 09:41 Uhr

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