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Eckernförder Zeitung

10. Dezember 2016 | 04:10 Uhr

Bergziegenpeter oder: Die Schläge des Zigarrendrehers

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Verliebte Jungs geraten an einen cholerischen Zigarrenfabrikanten und vergraben ein Corpus Delicti

Pieto und ich waren in sie verliebt. Doch es war schwerlich an sie heranzukommen. Sie war Bergziegenschul-geschädigt (Lyzeum auf dem Stiftberg). Voremanzipiert. Selbstverliebt, denn dort, in der Schule, schrieben sich die Mädchen gegenseitig Liebesbriefe. Sie wohnte, wie ich in 110. Wenn sie im Hof auf der Liege lag, neckte ich sie, brachte ich sie in Bewegung, indem ich ihr ein Geldstück in den Ausschnitt warf. Lebemann. Wir spielen Verstecken. Es war schön, sie im dunklen Keller zu finden und zu ertasten. Doch manchmal gerieten wir Freunde auch aneinander.

Abends spielten wir vier, ihre Mutter war immer dabei, Karten. Ich sorgte dann für Getränke. Eine Cola kostete in der Werkzeugausgabe 18 Pfennig. Reichte das Geld für vier Flaschen, wurde gespielt. Fast jeden Abend. Ich bekam drei Mark Taschengeld in der Woche. Dann wurde ein Automat in der Firma aufgestellt. Jetzt kostete die Cola 25 Pfennig. Preiserhöhung von mehr als 30 Prozent! Die IG Metall konnte grade noch einen betriebsinternen Streik bei HEW verhindern. Allerdings fand ich schnell heraus, dass man durch den Auswurfschacht des Automaten, mit schlanken Händen, Flasche für Flasche entnehmen konnte, allerdings nur bei gezogenem Stecker. So wurden von da an unsere Kartenspielabende, jetzt mit erhöhter Frequenz, von Coca Cola gesponsert.

Mein Freund wohnte 57, neben der Zigarrenfabrik des Reckendorf. Fritzchen, dessen Sohn, war Klassenkamerad gewesen, mit ziemlich alten Eltern, jetzt aber zu Höherem bestimmt.

Hinter den Häusern zwischen Park-und Langenbergstraße war ein Hang, an den wir gerne spielten. Bewachsen mit Büschen und kleinen Bäumen. Wir nannten es Berglust, nach einem ehemaligen Lokal auf dem Plateau, oberhalb.

Wir bauten uns Buden und buddelten Höhlen, von außen nicht einsehbar, durch Blätter geschützt. Unsere Aktivitäten waren dem Zigarrendreher aber ein Dorn im Auge. Es hagelte Verbote, die von uns nicht einmal ignoriert, das Vorgehen reizvoller gestalteten. Dann hat der alte Dörfler mich erwischt und mir so eine gescheuert, dass ich zu Boden ging (damit mir so etwas nicht wieder passierte, wurde ich Boxer im BSV, zur Zeit des Jedaschko, Meier zwei und Rosenpienter). Den Pieto aber hatte er richtig verprügelt, der war grün und blau.

Ganz ohne Rachegefühle haben wir dann reagiert. Pieto war in der Lehre als Autoschlosser bei Corsmann. Aus der dortigen Lackiererei besorgte er einen Pott Farbe (Baumärkte gab es noch nicht). Ich beschaffte eine Leiter von Opa Stork (Eierstork), alles mit Fahrrädern. Und dann haben wir in einer Nacht- und Nebelaktion, dem Reckendorf die Fensterscheiben im Wohnbereich der Fabrik von außen gestrichen, damit er uns nicht mehr beobachten konnte.

Doch Fritzchen hat uns verpfiffen. Es kam zu Anzeige. Auch, weil wir uns – die Pinsel schon in den Händen –, an den roten Ziegelsteinen der Hausaußenwänden ausbuchstabiert hatten. Bei meiner Vernehmung habe ich vor Kälte gezittert, war mit dem Rad durch den Regen zur Kripo. Den Schirm zwischen die Knie geklemmt, so durchgeschüttelt, hat das wohl die Glaubwürdigkeit meiner Falschaussage untermauert. Doch zu unserem Glück war der Zigarrenmensch schon etwas weich in der Birne, war mit dem Datum der Tatzeit bei der Anzeige durcheinander gekommen. Doris und unsere Schwiegermutter verhalfen uns zu einem astreinen Alibi. Kartenspieler halten zusammen.

Den Farbtopf, ein nicht handelsübliches Gebinde, habe ich im Gartenweg von 110, quer zur Dennewitz vergraben, ohne zu wissen, dass mein Bruder einige Tage später in seinem Versiegelungstrip – mir unbewusst –, bei der Beseitigung der Tatwaffe half, indem er den Weg zubetonierte.

Die 110 ist nun mit Grundstück verkauft worden. Wenn jetzt der neue Besitzer bei der Umgestaltung seines Gartens oder auf dem Koi-Trip, den Farbeimer findet, könnte er zur Aufklärung der Kriminalfälle in Herford beitragen und so die Ermittlungsquote verbessern.


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erstellt am 11.Mai.2016 | 16:24 Uhr

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