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Eckernförder Zeitung

10. Dezember 2016 | 02:04 Uhr

„Eckernförder Gespräche“ : Argumente, Projekte und Emotionen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

„Energie lokal – ein Wege aus dem Energiedilemma?“ Über diese Fragen diskutierten am Dienstagabend am Vorabend der Green Screen-Eröffnung sieben Experten in der Stadthalle. Es gab zwei Positiv-Beispiele und Kontroversen um Windkraftanlagen.

Eckernförde | Robert Habeck war nicht als Harmonieminister gekommen. Der grüne Energiewendeminister mit bundespolitischen Ambitionen hatte am Dienstagabend bei den „Eckernförder Gesprächen“ zum Auftakt des 10. Internationalen Naturfilmfestivals Green Screen die Energiepolitik des Landes, speziell den Ausbau der Windenergie, zu vertreten. Dabei musste er sich auch der Kritik zahlreicher Betroffener stellen, die zum Teil massiv unter den aufgestellten Windrädern leiden. Moderator Michael van Bürk hatte sieben Experten eingeladen, die in der gut besuchten Stadthalle das Thema „Energie lokal – ein Weg aus dem Energiedilemma?“ diskutierten: Prof. Dr. Werner Beba (Competence Center für erneuerbare Energien und Energieeffizienz der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg), Stefan Brumm (Hansewerk AG, Bereichsleiter Strategie und Politik), Bernd Garbers (Energieakademie Samsø), Frank Günther (Geschäftsführer der Versorgungsbetriebe Bordesholm), Robert Habeck (Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume), Dr. Susanne Kirchhof (Vorsitzende des Vereins Gegenwind Schleswig-Holstein) und Lars Westermann (Filmemacher).

Mit der dänischen Ostseeinsel Samsø (4000 Einwohner) und der Kreisgemeinde Bordesholm (8000 Einwohner) stellte van Bürk zwei Positiv-Beispiele vor, die zeigten, wie lokale Energiegemeinschaften den Weg in die 100-prozentige energetische Selbstständigkeit finden können. Auf Samsø wird dieser Weg seit den 1990-er Jahren gegangen und von der Energieakademie wissenschaftlich begleitet. Elf Windräder an drei Standorten, drei Strohheizwerke, ein Solarkraftwerk und ein Offshore-Windpark sorgen dort bereits jetzt für eine selbstbestimmte Energiepolitik sowie eine hohe Selbstversorgungs- und Zufriedenheitsquote. Bis 2020 sollen 50 Prozent der Fahrzeuge elektrisch angetrieben werden, 2030 soll die Energieversorgung „komplett fossilfrei“ sein, sagte Bernd Garbers. In Kürze sollen die derzeit nur 50 Meter hohen Windräder repowert, sprich auf 150 bis 200 Meter erhöht werden. „Das Zauberwort heißt Bürgerbeteiligung“, so Garbers. Alle Bürger seien mit im Boot, sie hätten die Wahl zwischen Veto oder Beteiligung gehabt. Jetzt verdient jeder mit, besitzt Anteile. Schon die Kinder hätten „ein sehr gutes Wissen über regenerative Energie“. Die Samsøer seien „ein spezielles Volk, die Menschen sind nicht grün-alternativ, sondern pragmatisch“, so Garbers. Den Deutschen gab er den Rat: „Macht es nicht zu kompliziert – try to keep it simple – und bezieht die Bürger mit ein.“

Das Beispiel Samsø ließe sich nicht auf Schleswig-Holstein übertragen, weil die Nordseeinseln wegen des Vogelzugs windkraftfrei bleiben müssten und auch die Abstände der Windräder in Dänemark offenbar geringer seien als in Deutschland, hatte Minister Robert Habeck den Filmausschnitten entnommen. An der Energiewende gehe aber kein Weg vorbei, weil diese im Gegensatz zu Atomstrom mit dem eine Million Jahre strahlenden Atommüll und klimaschädlichen Kohlekraftwerken „verantwortbarer, weil korrigierbar ist“. Auch Prof. Werner Beba wies darauf hin, dass es einen großen Unterschied zwischen der Energieversorgung auf Samsø und einer Millionenstadt wie Hamburg gebe. Man arbeite in Deutschland am „Energiesystem der Zukunft, das ist ein Jahrhundertprojekt“. Dafür gelte es die Voraussetzungen zu schaffen wie große Speicher, ein leistungsfähiges Leitungsnetz sowie intelligente Stromnetze (smart grids), die den Strom bedarfsabhängig hoch- und herunterfahren. „30 bis 40 Prozent der Energiewende hängt von der Regelung des Stroms ab“, sagte Beba. Der Wissenschaftler sieht hier ein „gewaltiges Potenzial“. Wichtig sei dabei die Einhaltung der Netzfrequenz von 50 Hertz. „Die Netze müssen untereinander in Echtzeit kommunizieren.“ Und das Ganze müsse auch noch bezahlbar bleiben. Prof. Beba setzt große Hoffnungen in das Projekt Norddeutsche Energiewende 4.0 (NEW 4.0), mit dem in den nächsten vier Jahren mit 60 Partnern entwickelt werden soll, wie man „eine systemstabile, bezahlbare, marktwirtschaftlich funktionierende und gesellschaftlich akzeptierte“ regenerative Stromversorgung in Hamburg und Schleswig-Holsteins aufbauen könnte. „Ich bin sicher, dass es gelingen wird.“

Stefan Brumm vom Netzbetreiber Hansewerk AG in Quickborn betonte, dass Schleswig-Holstein für die Windkraft prädestiniert sei, weil von hier aus effizient und kostengünstig Strom in andere Regionen geliefert werden könne.

Ähnlich innovativ wie auf Samsø führt auch Stadtwerke-Chef Frank Günther den Nahversorger in Bordesholm. Die Bordesholmer haben 1991 das Stromnetz übernommen und fördern das Energiesparen mit Zuschüssen für energiesparende Waschmaschinen bis zum E-Bike. „Wir wollen so weit wie möglich unabhängig sein und die Wertschöpfung in der Region halten“, so Günther. Auch das Glasfasernetz sei in Stadtwerke-Hand, hier habe man gleich Kanäle für die Anbindung der Haushalte an das intelligente Stromnetz mitverlegt – Anschlussquote 60 Prozent. Günther ist überzeugt, dass die erneuerbaren Energien marktreif sind, „wir müssen weg von der konventionellen Energie“. Windkraftanlagen finden sich allerdings nicht im Bordesholmer Angebot, ein Bürgerwindpark sei mehrheitlich von den Bürgern abgelehnt worden. Eine „geräuschlose und unsichtbare Energieerzeugung wird es aber auch in 50 Jahren nicht geben“, erklärte der Fachmann, der fest an die Energiewende glaubt: „Wenn wir es wollen, können wir es auch schaffen.“

Scharfe Kritik an der Energiepolitik der Landesregierung übte Susanne Kirchhof vom Verein Gegenwind. „Windkraft rettet nicht das Klima, Windkraft braucht immer konventionelle Kraftwerke. Schleswig-Holstein darf nicht die Strom-Exportkolonie für die ganze Welt werden, wir müssen hier auch noch leben“, forderte sie einen Ausbaustopp für Windräder, weil die Probleme damit nur noch größer würden und die produzierte Energie wegen fehlenden Leitungskapazitäten ohnehin nicht abgenommen, aber trotzdem teuer bezahlt werde. Allein 2015 seien dafür 300 Millionen Euro ausgegeben worden. Sie plädierte dafür, die Ergebnisse des Projekts NEW 4.0 abzuwarten, und bis dahin keine neuen Windräder mehr zu genehmigen. „Wenn die Räder sich drehen, können die Menschen nicht schlafen“, so Kirchhof, „Gesundheit ist nicht verhandelbar.“ Alternativen zur Windkraft konnte aber auch sie nicht aufzeigen.

Minister Habeck zeigte sich konzillant. Er könne die Kritik an Windrädern verstehen und auch die subjektiven Beeinträchtigungen und Ängste der Menschen nachvollziehen. „Ich entbinde Sie auch von der Pflicht, bessere Konzepte als die Landesregierung zu entwickeln“, sagte er in Richtung Kirchhof. Gleichwohl müsse man sich auch an objektive, messbare Fakten halten und als Regierung die gesamtgesellschaftliche Verantwortung tragen. „Am Ende des Tages muss eine Lösung her, die sich nicht im Nein erschöpft.“ Wenn man alternative Energieformen ablehnt, bleibe nur „der radikale Verzicht auf Wohlstand“. Habeck verwies auf die Windkraft-Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts und das Bundesimmissionsgesetz, in der die Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm verankert sei, die bindend für alle seien. Wenn man dies alles negiere und die Rechtsstaatlichkeit in Zweifel ziehe, gebe es keine Gesprächsgrundlage mehr.

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erstellt am 15.Sep.2016 | 06:56 Uhr

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